Mit Tracks wie "Carthago" und "Seeing through shadows" haben DJ Loco Dice und Produzent Martin Buttrich bewiesen, dass eine Ehe-ähnliche Künstlergemeinschaft einfach zu den erfolgreicheren Ergebnissen führt.
Text: Ji-Hun Kim aus De:Bug 123


Eins der erfolgreichsten Paare im Techno sind DJ Loco Dice und Produzent Martin Buttrich. Mit Tracks wie “Carthago” und “Seeing through shadows” haben die unterschiedlichen Charaktere bewiesen, dass eine Ehe-ähnliche Künstlergemeinschaft einfach zu den erfolgreicheren Ergebnissen führt. Natürlich immer mit der Playstation griffbereit.

Loco Dice, Düsseldorfs zurzeit begehrtester DJ, hat zusammen mit Martin Buttrich, dem global genauso gefragten Produzenten aus Hannover, das erste Album auf deren gemeinsamem Label Desolat veröffentlicht. Kennen gelernt haben sie sich vor Jahren beim Rave on Snow in Österreich über Timo Maas. Loco Dice machte das Tourbooking und Martin war Timos damaliger Produktionspartner. Über die gemeinsame Liebe für House ist mit den Jahren eine scheinbar untrennbare Symbiose zwischen den beiden entstanden.

Sie teilten sich über ein halbes Jahr Wohnung und Studio in New York, betreiben mit Desolat ein Label, das schon nach drei Releases in alle DJ-Cases einzementiert ist, sind gemeinsam auf Tour und führen fast ein Technoeheleben auf der Achse Nordrhein-Niedersachsen. So ist der Eindruck, den man gewinnt, als wir uns in Unweite des kaum noch erkenntlichen Palasts der Republik treffen. Freunde mit großem Respekt voreinander, abgeklärte Vollprofis. Loco Dice, von Hause aus HipHopper, hat damals Bonner Botschaften mit HipHop-Jams zerlegt, zu Zeiten, wo in Kasernen GIs den Rap überhaupt erst nach Deutschland brachten.

Als englischsprachige Rapper mit dem Boom des Deutsch-Rap nicht mehr gefragt waren, war es Zeit für Dice sich umzuorientieren: “Elektronische Musik war langatmiger, emotionaler, man konnte schöne Atmosphären kreieren und mehr auf die Tanzfläche projizieren.“ Da war der Clash mit den harten HipHop-Jungs vorprogrammiert: “Ich wurde stark gedisst damals. Für die war es Müll und wack.“ Der cheesy euphorische House contra real rooty Rap. Als Junge aus den unbeklunkerten Teilen D-Dorfs jedoch kein Thema.

Unbeirrt arbeitete er an sich, brachte modernen Minimal in Trance-verseuchte Treibhäuser in NRW und ist auch diesen Sommer wieder fest auf Ibiza installiert. Wie sehen da die Produktionsverhältnisse zwischen so scheinbar unterschiedlichen Typen aus? Wer beeinflusst wen? Und kann man gemeinsam Musik machen, auch wenn man sich nicht grün ist? Buttrich und Dice beweisen, dass 1+1 gleich ganz viele ist. Da wird konstant an der Idee weitergeschraubt, Techno im dualen Netzwerk neu zu denken.

De:Bug: Wo kommt die Motivation her, gemeinsam ein Album zu machen, abgesehen von eurer House-Leidenschaft?

Martin Buttrich: Es war nie geplant, ein Album zu produzieren. Zwar hatten wir die Idee, in New York an Titeln zu arbeiten, aber als wir nach sechs Monaten zurück waren, haben wir realisiert, dass da weitaus mehr passiert ist als erwartet.

De:Bug: Man fährt doch nicht nach New York und denkt sich …

Loco Dice: Wir wollten schon Musik machen und haben ja auch Equipment mitgenommen. Die Stadt sollte Inspirationsquelle sein. Wir wollten mehr Zeit miteinander verbringen, richtig in New York wohnen und nicht in Hannover im Studio sitzen. Auch wenn ich dann immer beim Martin penne.

De:Bug: Als richtiger New Yorker ist man doch einem ganz anderen Druck ausgesetzt. Dort einfach im Studio abzuhängen, hat ja auch nichts mit echtem Leben zu tun, oder?

Martin Buttrich: Wir haben ja auch von dort aus andere Dinge gemacht, ich Remixe, Dice eine US-Tour. Und, ganz ehrlich, uns hat diese Sache auch den Arsch abgebrannt, aber das war es wert.

Loco Dice: Zwischenzeitlich haben wir uns auch gedacht: Wir müssen schon wieder die Miete zahlen. Fahren wir nach Hause. Aber die Umstände zu bändigen, hat uns auch näher gebracht.

De:Bug: Klingt nach Szenen einer Ehe.

Loco Dice: Die hatten wir auch. (lacht)

De:Bug: Wie sieht bei euch im Studio die Arbeitsaufteilung aus?

Martin Buttrich: Bei Loco-Dice-Produktionen hat Dice einfach das letzte Wort. Er kann zwar keine Harmonien spielen, aber es ist wie im klassischen Bereich, dass es einen Arrangeur gibt. Dice ist seine eigene Geschmackspolizei und Arrangeur der ganzen Sache. Ich mache Vorschläge und er sagt mir, was er davon hält. Inzwischen setzt sich Dice sogar selbst an die Tasten, um mal eine Basslinie einzuspielen, und das sieht dann auch ganz süß aus. (lacht) Aber es funktioniert. Den Groove hat er.

De:Bug: Anfang der 90er gab es ja das Techno-Ideal von der personellen Einheit von Producer, DJ, Musiker, Engineer. Ob das wirklich so war, sei dahingestellt, aber ihr splittet die Funktionen wieder auf.

Loco Dice: Martin ist ein Genie, was Logic und Sounddesign anbetrifft, aber er versteht es auch, andere an einem Projekt teilhaben zu lassen.

Martin Buttrich: In den 90ern wurde das ja extrem gesehen: Sobald ein DJ einen Produzenten hatte, hieß es, der kommt nur zum Abnicken ins Studio. Und Timo Maas wurde teils so in die Enge gedrängt, dass er keine andere Wahl hatte, als über mich hinweg zu sprechen.

De:Bug: Warum kooperiert man? Nur aus Spaß oder ….?

Martin Buttrich: Für mich geht es um Inspiration. Außerdem lerne ich auch eine Menge von Dice, er groovt ja Tage lang auf Beatport oder in Plattenläden rum und bringt Einflüsse mit, die ich sonst verpassen würde.

De:Bug: Wie sieht dann bei dir die Trennung aus zwischen deinen verschiedenen Projekten?

Martin Buttrich: Wenn ich Loco-Dice-Tracks produziere, sind die ja nicht nur seins. Ich bin auch kreativ beteiligt. Und ich denke auch nicht: Wäre toll, wenn da nur mein Name draufstünde.

De:Bug: Und wie trennst du die Projekte, Sounds und Namen?

Martin Buttrich: Ich bin einer von denen, die eine mittlere Krise kriegen, wenn sie aus dem gleichen Synthie einen ähnlichen Sound zweimal benutzen. Ich versuche mich so wenig wie möglich zu wiederholen. Und ich will auch nicht eine Platte auf Cocoon veröffentlichen, die klingt wie “How Do I Know” vom Dice-Album. OK, ich veröffentliche 30 Tracks im Jahr, da benutzt man eine Bassdrum schon zwei-, dreimal.

De:Bug: Aber gibt es kein Konzept für die Trennung der Projekte, also Buttrich geht mehr Richtung Detroit und Chords, Loco Dice ist mehr auf Bounce und Grooves ausgelegt …

Martin Buttrich: Das gibt es auf jeden Fall. Ich benutze schon viele Detroit-Einflüsse und sagen wir mal vorsichtig, Orgelsounds, alles ein bisschen runder. Dice klingt ein bisschen leerer, eckiger, beatiger, da basiert viel auf Grooves und Beats. Im Grunde genommen haben Dice-Songs über drei Minuten einen Sound und meistens kommt nach zwei Minuten die erste Hi-Hat rein, und dann fängt das an zu grooven. Bei Buttrich-Tracks rollt der Groove gleich am Anfang. Und es gibt mit Sicherheit auch Sounds, die ich bei Dice nie auspacken würde.

Loco Dice: Da würden sich mir die Nackenhaare aufstellen: “Alter! Was willst du mir denn da vorspielen?“ Aber das ist das Geile daran, das Freie. Als wir mit Loco Dice anfingen, war es wichtig, auch nach außen hin zu sagen: “Ich spiel da mit jemandem im Studio zusammen und der hat seinen eigenen Geschmack.“ Dann kamen “Full Clip“ und die anderen Buttrich-Sachen raus. Und die meisten wussten gar nicht, wer Martin Buttrich überhaupt ist, außer in Produzentenkreisen vielleicht. Aber es war Zeit, dass Martin seine Sachen rausbringt. Ich warte noch immer auf sein erstes Album.

Martin Buttrich: Ich habe mal einen Dice-Remix angefangen ohne Dice und habe den komplett gegen die Wand gefahren. Und durfte dann wieder alles wegmachen. Das habe ich dann für mich benutzt.

Loco Dice: Ein Song geht nur, wenn das lebt, wenn man das zusammen macht. Ich kann mir nicht vorstellen, dass jemand aus der Ferne etwas für mich produziert. So bin ich glücklich, dass Martin sein Liveset hat und wir auch zusammen touren. Wir inspirieren uns gegenseitig, wie diese deepe Nummer, die Martin in Napoli abgezogen hat.

De:Bug: Deepe Nummer in Napoli?

Loco Dice: Er hat mitten in seinem Liveset angefangen, sehr runterzuschrauben. Ich würde mal sagen, so Basic-Channel-mäßig. Langsam, sehr wuchtig und sehr deep gespielt, echt geil. Und das hat super funktioniert. Da hab ich mir gedacht: Ich kann über diese 20 Minuten Deepness noch ein bisschen länger spielen. Diese Dinge passieren auf Tour.

De:Bug: Früher gab es die klare Arbeitsteilung zwischen dem DJ, der die Rampensau gab, und dem Frickler, der im Zweifelsfall gar nicht auf die Bühne will. Das hat in den 90ern wunderbar funktioniert, weil man mit Platten noch gutes Geld verdienen konnte. Heute müsste man sich für die gleiche Arbeitsteilung wohl ein neues Geschäftsmodell ausdenken. Martin, wärst du eventuell gar nicht in Erscheinung getreten, wenn das alte Modell noch funktionieren würde?

Martin Buttrich: Bei mir ist es ein Auf und Ab. Anfang der 90er bin ich viel aufgetreten, mit echt krachiger Acid-Mucke: Session mit drei 303s, 909 … Daran habe ich aber schnell die Lust verloren. Manchmal bin ich eben ein Studiohocker und will nicht raus, dann habe ich meine kleine Welt in Hannover.

Es ist ein Hoch und Runter. Wenn man dann wieder ewig im Studio sitzt, dann rennst du irgendwann im Kreis. Ich habe gemerkt, dass es sehr inspirierend ist rauszugehen, weil die Musik sich auch verändert, wenn man viel Musik hört, in Clubs ist, vielmehr realisiert, was so mit der Musik passiert. Ich denke, ich hätte schon irgendwann ein paar Liveacts gemacht, garantiert. Früher habe ich immer wieder unter verschiedenen Projektnamen Platten rausgebracht, aber bei 50 Projekten fehlt einfach der Nenner, der Fokus – Außerdem fielen mir auch keine neuen Namen ein, und seitdem gibt es Martin-Buttrich-Platten. OK, der Name klingt echt scheiße, besonders für Engländer: Butt-Rich! Reicher Arsch? Carl Craig wollte mir nicht abnehmen, dass das ernst gemeint ist und sogar mein echter Name.

De:Bug: Gutes Stichwort: Dice, wenn beispielsweise Carl Craig auf dich zukäme, könntest du dir vorstellen, als Loco Dice mit jemand anderem als Martin Musik zu machen?

Loco Dice: Nein. Die Kunst im Studio ist doch, wie zwei Leute miteinander klarkommen. So, wie es ist, macht es jedenfalls viel Spaß. Das Abhängen, die Play Station, der Wein.

About The Author

Elektronische Lebensaspekte.