Indie Galore: Sack & Blumm gehören zu den absoluten Ausnahmeerscheinungen der deutschen DIY-Szene. Zwischen Köln und Berlin ist das gemeinsame Arbeiten wie eine Brieffreunschaft. Auf "Kind Kind", ihrem vierten gemeinsamen Album, suchen sie gemeinsam nach den Besonderheiten jedes einzelnen Tons. Weil das sein muss und keiner von beiden auf dem Sonnendeck enden will.
Text: Tim Stüttgen aus De:Bug 74

Jeder Ton Ist besonders

Harald, der liebste “Sack“ von Welt, ist ein Tausendsassa. Ein waschechter Tausendsassa. Unzählbar die Projekte und Kollaborationen, Arbeiten auf Tape, CD und Vinyl, die von seiner spielfreudigen Handschrift ins Leben gerufen wurden. Dabei verkam diese Handschrift aber nie zur klar umrissenen Signatur. “Sein Name wurde zu einer Marke, die sich nicht vermarkten lassen will“, konnte man im Info zu seinem Solo-Album “Kopf Zahl Bauch“ lesen, was den Nagel wohl mehr als auf den Kopf traf. “Wenn man es ablehnt, ein Image zu haben, das einen auf eine Sache reduziert… Das ist ganz schwierig“, bestätigt Ziegler. “Ich als Pseudo-Popmusiker kann mir immer vorstellen, ich wäre ein Superstar. Aber ich will ja keiner sein. Also bleibt das ewig so ein Traum. Und der ist wunderbar. Da kann man sich drin wohl fühlen. Ich muss schon bewusst dagegen arbeiten, damit das nicht irgendwann heißt: Das ist ja der von ‘Sonnendeck’ oder so.“
Ganz wichtig: Greifbar und begreifbar bleiben. So ist er zum Glück nie der von “Sonnendeck“ geworden. Höchstens der von Sack & Blumm, dem gemütlichen Duo-Projekt mit einem anderen Tausendsassa, dem Berliner Bremer F.S. Blumm, das gerade ihr viertes Album veröffentlicht. Gemütliche Musik, experimentelle Musik, zarte Musik, spielerische Musik, mit ganzen Stapeln verschiedenster (vornehmlich akustischer) Instrumente und Arbeitsweisen zwischen analog und digital. Die auseinander zu klawuseln wäre eine Herausforderung, nicht aber der Job, auf den es hier ankommt.
“Kind Kind“ heißt eine Platte, die sich nicht entscheiden will, ob sie auf englisch oder deutsch ausgesprochen werden will. Egal. An der Schnittstelle von den Visionen Karaoke Kalks, tastender Improvisation und den poetischen Resten von Postrock scheint es heute kaum möglich, sich Wohligeres vorzustellen. Dass dabei Zieglers Markenzeichen – das Horn, das er klassisch studiert hat – und Blumms Aushängeschild – die Akustikgitarre – zu ihrem Zuge kommen, versteht sich von selbst. Mmmh…
Der kleine, magische Prozess dieser Formation gleicht dabei manchmal einer Brieffreundschaft und basiert, wie sollte es auch anders sein, auf instinktivem Vertrauen zu dem Gegenüber, der dann ein paar hundert Kilometer weiter seinen Teil beiträgt. “Einer fängt immer an, gibt etwas vor. Wenn man dann nicht weiterkommt, schickt man es dem anderen. Das funktioniert sehr gut. Dieses Mal ist es aber noch intimer geworden. Wir haben uns in Berlin getroffen und unser Faible für Klänge, die man fast nicht mehr hört, ausgelebt. Jeder Ton ist besonders, bekommt seine Aufmerksamkeit.“ Die Abgrenzung zwischen Begriffen wie Dilettantismus, Herumspielerei, Hochkultur, E-, U- und A-Musik hat es dabei, für Ziegler jedenfalls, nie gegeben. Man kann ja auch den Stockhausen in sich auf einen Plastikbecher loslassen, der dann seinen Platz auf dem Album findet … “Bei Cage würde man doch auch nicht sagen, dass er am Anfang herumgespielt hat und nachher intellektuelle Musik produzierte. Bis zu seinem Tode hat er verspielte Sachen gemacht. (…) Bei Sack und Blumm findet einfach etwas statt, was immer die Ausgangsbasis ist. Rumexperimentieren. Das ist aber nichts Besonderes. Das macht eigentlich jeder. Wenn man sich weiterentwickelt, macht man das automatisch.“ Das Experiment als Alltäglichkeit: Eine Basis, auf die sich zu einigen lohnte.

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Elektronische Lebensaspekte.