Hospital Records geht es gut. Steigende Verkauszahlen und neue Ideen: Auf "A Billion Dollar Gravy" kultiviert Tony Coleman das Songwriting und propagiert Drum and Bass als Live-Performance. Unterstützt wird er dabei von einem Drummer mit dem Format eines Billy Cobham. Und doch wäre Tony Coleman im Moment lieber deutsch als englisch.
Text: Heike Lüken aus De:Bug 71

Nach dem Stöpsel der Dollar
London Elektricity

Tony Coleman und Chris Goss aka London Elektricity mit k und nicht mit c haben in Westlondon nicht nur an einem zweiten Album mit Namen “A Billion Dollar Gravy” gearbeitet, sondern auch aktive Nachwuchsförderung betrieben. Nach dem Stöpsel-Ziehen ging nicht etwa alles den Abfluss runter, sondern im Gegenteil: steigende Verkaufszahlen bei Hospital wo andere kränkeln, live Drum and Bass mit ehrlichen Musikinstrumenten wo andere wohl doch eher nur auflegen und lauter andere gute Diagnosen. Allerdings ist Tony jetzt alleine London Elektricity, was nicht heißt, dass er einsam ist, sondern dass Chris sich ganz um die Labelarbeit kümmern kann. Tony gibt daher Auskunft über seine Arbeit, Alice Cooper und einen Drummer, der irgendwie an das Duracell-Häschen erinnert:

DEBUG:
Was hat sich seit Pull the Plug getan?
TONY COLEMAN:
In den letzten drei Jahren als Produzent habe ich mich sehr weiterentwickelt. Das Album ist viel Dancefloor-freundlicher und gleichzeitig zum Zuhören zu Hause geeignet. Es gibt mehr Songwriting. Wir haben uns bei der Zusammenstellung viel mehr Gedanken gemacht. “Pull the Plug” war eine Sammlung der Singles, die wir veröffentlicht haben, während das hier ein komplettes Drum and Bass-Album mit nur einem Halftempo-Stück ist. Für mich war es eine Herausforderung herauszufinden, was man innerhalb von Drum and Bass machen kann und es ist eben auch eins der Dinge, die ich daran so liebe: die Freiheit und Vielfältigkeit.

DEBUG:
Wie kam es denn wieder einmal zu dem Titel?
TONY COLEMAN:
Ich hatte den Track fertig, aber keinen Namen dafür. Es war zu der Zeit, als Chris noch Teil von London Elektricity war, bei einem der letzten gemeinsamen Gigs. Ich hatte mir gerade die CD “Billion Dollar Babies” von Alice Cooper gekauft, weil das eine der Lieblingsplatten in meiner Kindheit war. Ich habe es Chris vorgespielt und ihn versucht zu überzeugen, was für ein großartiges Album das ist. Außerdem gab es zu der Zeit immer den Spruch “It‘s all gravy, man”. So kam das irgendwie zusammen.

DEBUG:
Und wie kam es zu der Live-Idee?
TONY COLEMAN:
Wir sind zu einer Live-Session bei Radio One eingeladen worden, aber es gab noch keine Band. Ich habe alle Musiker der Platte angerufen und wir hatten drei Proben vor dem Auftritt. Ich hatte schon immer gemischte Gefühle, was live Drum and Bass angeht, weil es normalerweise einfach nicht funktioniert. Der Grund dafür ist, dass die Leute versuchen, genauso wie auf der Platte zu klingen. Außerdem meinen sie es sei live, wenn sie einen Sequencer einsetzen. Für mich ist das eigentlich DJing. Daher wollten wir es bei dieser Tour anders machen und sicher stellen, dass – obwohl wir eine Menge elektronischer Sounds spielen – alles live gespielt wird.

DEBUG:
Wer sind die Musiker?
TONY COLEMAN:
Liane Carrol und Robert Owens waren wieder mit dabei. Und unser Drummer, der Jungle Drummer. He is absolutely mad. Ich habe nach einem Drummer wie ihm seit Jahren gesucht. Es gibt zwar einige, die live Jungle spielen können, aber nur für eine kurze Zeit, außerdem sind es alles Jazzer oder Funker. Meiner Vorstellung nach sollte unser Drummer angefangen haben Drums zu spielen, weil er ein Junglist ist und die Breaks live nachspielen wollte, aber ich wusste nicht, ob es möglich sein würde, so jemanden zu finden. Vor einem Jahr habe ich ihn dann über Nicky Blackmarket kennengelernt, der mir in seinem Laden von einem gemeinsamen Auftritt mit ihm erzählt hat. Er meinte, er sei wie ein MC, aber an den Drums. Er hat das Können von Billy Cobham, aber er ist ein Junglist. Er interessiert sich nicht für irgendeine andere Musik. Bei unserer letzten Session im Studio hat er 10 Stunden gespielt und war danach gerade erst warm.

DEBUG:
Wie geht es Eurem Label?
TONY COLEMAN:
Sehr gut. Ich weiß, dass es uns gut geht, obwohl der Markt gerade schlechte Verkaufszahlen hat, wohingegen unsere steigen. Wir haben einen stetigen Zuwachs an Künstlern mit großartiger Musik. Wir bekommen unheimlich viele gute Demotapes. Mit der Zeit steigt die Reputation, wenn man die Leute gut behandelt und eine Vision hat. Man braucht eben Geduld, da es eine lange Zeit dauert, alles aufzubauen. Die Hospitalfamilie ist jetzt stärker als zuvor.

DEBUG:
Beobachtet Ihr den deutschen Markt?
TONY COLEMAN:
Wir haben ein paar Sachen von einem jungen Mann namens Roland veröffentlicht, der auch unter dem Namen Syncopics arbeitet. Er ist sehr talentiert und hat einen sehr eigenen Sound, der sehr high-fi ist. Wir arbeiten stark an der Entwicklung unserer Künstler und bauen sie langsam auf. Außerdem haben wir gerade Scientific gesigned, der einen einzigartigen Sound hat: eine Mischung aus Vangelis meets Kraftwerk meets Total Science (Autsch! Amn. Der Redaktion). Außerdem haben wir ja Phuturistix gesigned, also eines der Projekte von Zed Bias. Das Album ist wie eine Update-Version der Young Disciples. Und High Contrast arbeitet gerade an seinem zweiten Album.

DEBUG:
Nach all den guten Neuigkeiten noch ein Statement zum Abschluß?
TONY COLEMAN:
Ich würde gerne sagen, dass ich im Moment aufgrund der politischen Situation lieber deutsch als englisch wäre. Ich habe großen Respekt vor der Entscheidung Deutschlands und Frankreichs, sich aus dieser Situation mit den Amerikanern herauszuhalten.

http://www.hospitalrecords.com

London Elektricity Live feat. Stamina MC
+ support act Sonar Lodge
25.05. Münster – Jovel
26.05. Dortmund – FZW
27.05. Hamburg – Fabrik
28.05. München – Starsky
29.05. Berlin – Watergate
30.05. Köln – Stadtgarten
31.05. Darmstadt – Centralstation
01.06. Chemnitz – AJZ Talschock
02.06. Konstanz – Kulturladen

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Elektronische Lebensaspekte.

Ohne London Electricity mit c kein Strom in London. Ohne London Elektricity mit k kein Strom in Drum and Bass. Tony Colmann und Chris Goss produzieren nicht nur soulfullen Gesangs-Drum and Bass, sie leiten auch ihr Label "Hospital", auf dem u.a. Danny Byrd veröffentlicht, und zahlen pünktlich ihre Stromrechnung.
Text: heike lüken | HeikeLueken@web.de aus De:Bug 52

Drum and Bass

Visite im Hospital
London Elektricity

Wäre der Mann von London Electricity mit seiner schicken grünen Jacke nicht just in dem Moment ins Studio von Tony Colmann und Chriss Goss gekommen, um den Strom abzulesen, als die beiden auf der Suche nach einem geeigneten Namen für ihr Projekt waren, hießen sie jetzt wohl anders. Tony bot dem guten Mann 20 Pfund für seine Jacke, bekam sie nicht, aber dafür die Idee zum Namen. London Elektricity mit K und nicht mit C. Aber der Name des seit über 8 Jahren in verschiedenen Projekten zusammen arbeitenden Duos hat noch eine andere Seite, so Chris: “Ein Teil von uns ist einfach stolz darauf, aus London zu sein, vielleicht weil wir da schon so lange leben und arbeiten. Tottenham ist die Heimat des Drum and Bass, all die frühen Hardcore und Jump Up Sachen kommen da her. Das wollten wir in unserem Namen reflektieren.”
Trotz Flugzeugverspätung und damit eher nerviger Anreise ins Gewühl der Popkomm in Köln sehen die beiden recht entspannt aus. Ein sympathisches Duo, das ein bisschen den Eindruck von einem alten Ehepaar macht: keine großen Worte, und den Salat kann man am besten zusammen essen. Angefangen hat Chris bei Tonys damaligem Label “Tongue and Groove” als Label Manager, und schon ein Jahr später begannen die beiden, zusammen Musik zu machen. 1995 kam das Aus für Tongue and Groove. “Hospital Records” und “Galactic Disco Music” wurden geboren. Letzteres ist eine Plattform für die eher funkig-housigen Projekte der beiden mit Namen wie Future Homosapiens, Orkestra Galactica oder Funky Nasa. 1998 konzentrierten sie sich auf die gebrochenen Beats und damit auf Hospital Records. Mit “Song in The Key of Knife” als London Elektricity machten die beiden sich und ihrem Label einen Namen. Hospital ist seitdem Heimat für Leute wie Landslide, High Contrast und Danny Byrd. Und es ist das Label, das lauter nette kleine Analogien rund ums Gesundheitswesen für seinen Output bastelt: Die “Plastic Surgery Compilations” liefern Drum and Bass von Hospital in Zusammenarbeit mit anderen Produzenten, die “Out Patients” Compilations dagegen entstehen in Zusammenarbeit mit Leuten aus angrenzenden Genres. Und jede Scheibe auf Hospital bekommt eine schicke kleine NHS-Nummer (National Health Service). Das hat nichts mit Krankheit zu tun. Die Philosophie hinter der Namensgebung lässt sich dann auch auf den Output bei Hospital transferieren, so Chris: “Hospital war einer von 100 Namen auf der Liste, den wir dann genommen haben, weil er visuell ist, sich nicht wie ein Record Label anhört und jeder weiß, was ein Hospital ist. Und weil alles in einem Krankenhaus passieren kann. Es gibt viele verschiedene Abteilungen und so verschiedene Leute, die da arbeiten. Allein bei dem Namen Hospital konnten wir schon so viele verschiedene Möglichkeiten vor uns sehen, was die Verpackung der Scheiben oder konkrete Projektideen angeht.” Hospital ist ein sorgsam geführtes kleines Label (auch wenn ihnen die “gute Seele”, Tonys und Chris’ Assistentin Emily, gerade von Roni Sizes Headhunter abgeluchst wurde), das sich im Drum and Bass gerade durch die Ausweitung in andere Stile um das Treffen der Mitte kümmert. Tony und Chris selber wollen als London Elektricity keine “nasty black und decker music” machen. Besonders seit ihrem von der Kritik gelobten ersten Album “Pull the Plug” dürfen sie ihren Sound wohl zurecht als “uplifting, phat and soulfull” beschreiben.

Zukunftspläne

Von London Elektricity wird es nächstes Frühjahr ein neues Album geben. Außerdem wollen die beiden mit einer eigenen Clubnacht die Londoner Szene bereichern. Hospital Künstler, verschiedene Gäste und natürlich Tony und Chris selbst werden dort operieren. Und das mit einer für Produzenten oftmals ungewöhnlichen Euphorie, denn die beiden haben ihren Spaß am Auflegen noch nicht verloren, so Tony: “Wenn man DJ ist, muss man sich daran erinnern, dass die Leute dafür bezahlen, dich zu sehen. Also hat man die Verantwortung, die Leute auch zu unterhalten. Du bist da und alle konzentrieren sich auf das, was du tust. Also muss man ein gutes Set vorbereiten und immer an sich arbeiten. Es ist nicht nur eine Frage von ‘Das ist mein neuestes Stück’.” Auch ein Live-Projekt steht bei Hospital ins Haus. Der breite Einsatz von Vocals und instrumentellen Parts auf den London Elektricity-Scheiben und Tonys Erfahrungen als Live-Musiker mit seiner ehemaligen Band “Izit” lassen das Liebäugeln mit in Echtzeit gespielten Klängen schlüssig scheinen. Sobald sich also ein Drummer und eine größere Plattenfirma im Rücken gefunden haben, gibt’s das Ganze dann auch live.
Übrigens hat Tony seine Jacke doch noch bekommen, allerdings in XXXL. Daraus ist immerhin eine Plattentasche geworden, die nicht mehr als eine Handvoll Vinyl tragen kann. Aber es steht London Electricity drauf. Mit C und nicht mit K.

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