Dass auch Kochen untrennbar an Sprache gebunden schien, weiß, wer schon mal rätselnd über Original-Rezepten von Woandersher gebrütet hat. Pimienta oder doch Pimiento? Die Neue Gestaltung tritt an, die Barrieren auf dem Kochsektor einzureißen.
Text: Jan Rikus Hillmann aus De:Bug 91

Kochen nach Piktogrammen
Look Cook Book

Wie entstand die Idee, und wo liegt die Motivation im Kontext einer Designagentur,
das Look Cook Book zu entwickeln?

Eva Wendel: Sind nicht Bedienungsanleitungen als Visualisierungen meist einfacher zu verstehen, als endlose Texte, und ist nicht ein Rezept auch eine Bedienungsanleitung? Uns interessierte die Umsetzung der komplexen Vorgänge des Kochens: Zeitabläufe und Bearbeitung ebenso wie die Darstellung der Geräte, Werkzeuge, Zutaten in eine international verständliche Sprache und Grammatik. Und nicht zuletzt ist es das Thema, dass uns seit neun Jahren im Büro täglich am Tisch zusammenbringt: Lunchtime!
Unser gemeinsames Mittagessen ist zu einer Institution geworden. Die Rezepte, die reihum gekocht werden, stammen aus fremden Quellen, sind altes Familienerbe oder werden neu erfunden und manche sind Klassiker geworden, die es immer wieder auf den Tisch schaffen. Aus Anlass einer Ausstellung über unser Büro wollten wir nicht nur unsere Werke, sondern auch das Umfeld zeigen, in denen sie entstanden. Dazu wurde innerhalb der zweiwöchigen Dauer ein tägliches Büromittagessen für alle Besucher inszeniert, passend zum Gericht stellten wir die Visualisierung des Rezeptes aus. Das Look Cook Book zeigt alle gekochten Gerichte und passenden Bedienungsanleitungen.

Eigentlich ist doch das Look Cook Book ein Blueprint für Kommunikations-Gestaltung: Es verbindet die Aufgabe universeller, sprachunabhängiger und einfacher Kommunikation, Abstraktion, ästhetischen Anspruch mit Individualität und konkreter Anwendungsqualität. Mehr Interface- & Interactiondesign geht doch eigentlich nicht. Habt ihr das Buch vor der Veröffentlichung mit Agenturfremden erprobt? Gab’s einen Usabilty-Test?

Eva Wendel: Ja, wir konnten feststellen, dass sich in der Arbeit an diesem Buch viele Disziplinen der grafischen Gestaltung vereinen. Darum ging auch alles nicht so schnell, wie es heute klingt.
Als erstes stand die Rezeptsammlung und Auswahl, dann bildete sich das UsabilityLab: Einer visualisierte das Rezept, ein anderer kochte es, ohne es vorher zu kennen, zum nächsten Mittagessen nach. Ein paar Mal gab es Unfälle, die uns zum Überarbeiten des bisher eingeschlagenen Wegs veranlassten. Verständnisschwierigkeiten gab es dabei weniger in den Abläufen und der Bearbeitung als in der Fehlinterpretation von Piktogrammen: Ob das Käsestück nun Emmentaler oder Parmesan ist, ist für ein Nudelgericht wichtig. Da half dann doch nur die Sprache als Zusatzinformation zum Piktogramm weiter. Genauso bei einigen Nährmitteln und den Gewürzen, zu denen ganze visuelle Geschichten erzählt werden müssten (wird ein braunes Pulver als Zimt gedeutet, wie sieht die Ursprungspflanze aus?). Interessant ist auch die Wirkung der Formensprache bei den flüssigen Nahrungsmitteln: Unsere typische Milchflasche ist in Nordamerika ein Kanister, die typische Ölflasche war bei uns in den 70ern noch eine Dose. Nebenbei machten wir auch immer wieder Verständnistests mit Außenstehenden, die uns ihre Übersetzung der Rezepte gaben. Um schlussendlich sicherzugehen, dass die Rezepte richtig interpretiert werden, wurden sie betitelt und ein Index angehängt, der die Zutaten erklärt.

Wie lange habt ihr am Look Cook Book gearbeitet? Wie groß war das Team und wer wurde mit einbezogen?

Eva Wendel: Für Recherche und Entwurf haben alle neun Mitarbeiter jeder ein paar Tage gearbeitet, zusammen etwa vier Wochen. Für die detaillierte Ausführung brauchte einer ca. drei Wochen, das Gleiche für Reinzeichnung und Druckvorbereitung. Zwischendurch lag die Arbeit für das Buch wegen des Tagesgeschäfts immer mal wieder lange Zeit brach, so dass insgesamt ein Produktionszeitraum von eineinhalb Jahren zusammenkam. Das nächste Buch geht aber sicher schneller.

Das duftet angenehm nach Mitarbeitermotivation. Gehört diese Form von Projekten (aus dem “Inneren” heraus) zu eurer Agenturphilosophie?

Eva Wendel: … wäre schön! In unserem Arbeitsumfeld entdecken wir immer wieder aufregende Themen, für die wir uns gerne mehr Zeit nehmen würden. Allerdings setzen sich jene Projekte durch, die einen Auftraggeber mit Termindruck und Zahlungswillen hinter sich haben.
Die Kraft und Zeit für die Verwirklichung eines selbst motivierten Projektes aufzubringen, war eine der größeren Leistungen unserer langjährigen Arbeit. Jetzt sind die Wege geebnet und die jährliche Ausarbeitung von Aspekten aus unserem Lebensumfeld als Gestalter wird Programm werden.

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Elektronische Lebensaspekte.