Text: Janko Röttgers aus De:Bug 28

MP3 saves music – Loopnet.de rettet den Underground Unterschreiben ist wieder in. Die CDU sammelt Unterschriften gegen Ausländer, Kaufhausangestellte für Sonntagsarbeit, und seit der PopKomm bittet die Kampagne “Copy kills music” um Autogramme gegen Raubkopierer. Von den Fantastischen Vier bis zu den Prinzen zücken auch alle den Stift. Gleichzeitig wurde auf der PopKomm ein Projekt vorgestellt, dass so gar nicht in die Copy kills music-Rhetorik passt: Loopnet.de, Deutschlands erster legaler MP3-Server für elektronische Musik. Das Loopnet-Team hat gleich zu Beginn einige namhafte Künstler für sich gewonnen: Current Value, Panacea, Nonplace Urban Field – alles kostenlos und in CD-Qualität im Netz. In dieser Szene startet Loopnet.de mit Heimvorteil. Der Server ist ein Internet-Projekt des Hamburger DonQ-Labels, das sich in der deutschen Drum and Bass-Landschaft einen Namen gemacht hat. So ist Drum and Bass bisher auch ausgemachter Schwerpunkt. Zum dritten Panacea-Album wird es ein ausführliches Feature geben, darunter ein exklusives Flash-Video. Ausserdem sind bereits einige Tracks des Netzlabel-Ablegers DonQ Digital Online. ”Wir wollen den Mainstream gar nicht.” Keine Frage: Viele aus dem Musikbusiness würden die Loopnet-Crew sofort für verrückt erklären. Loopnet-Mastermind Thorsten Birk ist sich auch sicher, dass Scooter und Co. vom Musikverschenken nicht profitieren könnten. “Aber wir wollen den Mainstream gar nicht.” Statt dessen geht es darum, die Position der kleinen Independent-Künstler zu stärken. Das Musikgeschäft wird härter, allein im ersten Halbjahr dieses Jahres wurden 10% weniger CDs verkauft. In Zeiten solcher Umsatzeinbussen haben Majorlabels noch weniger Mut zu Experimenten, konzentrieren sich lieber auf wenige Big-Seller. Für kleinere Artists wird’s zunehmend schwieriger, da noch mitzuhalten. Ihnen will Loopnet nun eine neue Plattform bieten. Auch der Schar von Home-Producern mit eigenem Kleinstlabel soll dies nützen. Wer alle paar Monate eine 12″ rausbringt und davon ein paar hundert verkauft, erreicht grad mal ein paar DJs und Sammler. Wer dagegen MP3s ins Netz stellt, wirbt für sich und kann davon auch kommerziell profitieren. Musik ist keine Software Das lässt schnell an das Schlagwort der Aufmerksamkeitsökonomie denken, dass immer wieder in Diskussionen um freie Software auftaucht. Programme wie Netscape, das Betriebssystem Linux oder ganze Office-Pakete werden mittlerweile im Netz verschenkt, um ihre Verbreitung zu forcieren – das eigentliche Geld wird mit Supportleistungen und Ähnlichem verdient. Aber Musik ist keine Software, niemand braucht ein Handbuch, Updates oder Support. So kann bisher höchstens die eigene CD Online verkauft werden. Was meist nicht sonderlich erfolgreich ist, wie Simon V erfahren durfte. Der Drum and Bass-Artist und Mitbetreiber des Santorin-Labels besitzt lange Erfahrung in Sachen Netzmusik. Seine ersten Veröffentlichungen erschienen auf Internetlabels der Trackerszene. Seine Debut-CD war anfangs nur im Internet bestellbar. Der Erfolg hielt sich in Grenzen. Trotzdem will er sein Netzengagement ausbauen, auch in Zusammenarbeit mit loopnet.de. Die CD soll nach und nach komplett im MP3-Format Online verfügbar sein, alle Santorin-Tracks ein bis zwei Monate nach ihrer Veröffentlichung auf Vinyl. Nur über Mailorder-Angebote macht er sich keine Illusionen: “Für Audio-CDs scheint der normale Markt immer noch am besten geeignet. Da helfen auch keine wunderbaren Real Audio Previews oder MP3-Samples. Wer im Internet bestellt, erwartet etwas Neues.” Neue Form von Vertragswesen Das denkt man sich auch bei loopnet.de. Ab Anfang nächsten Jahres soll deshalb auch Musik digital verkauft werden. Bezahlt wird bequem über die Telefonrechung per Micropayment. Aus Loopnet soll ein komplettes Music-Portal werden – ein Angebot mit kostenlosen und kaufbaren MP3s, Artist- und Labelfeatures, News und Mailorderangeboten. Der Server soll schnell ausgebaut werden, die noch ein bisschen heimgewerkelte Site bekommt im Herbst ein grosses Relaunch verpasst. Die Artists können bald ihre eigene Homepage auf dem Server unterbringen. Und täglich kommen ein bis zwei Neue mit ins Boot. Dabei setzt man auf die guten DonQ-Kontakte. Mit zahlreichen kleinen Labels gibt es bereits Verhandlungen. Und mit der Freibank steht ein starker unabhängiger Partner zur Seite. Was dazu führt, dass auch Rocko Schamoni und die Einstürzenden Neubauten einen Platz auf loopnet.de gefunden haben. Da man die Widrigkeiten des Geschäfts kennt, werkelt Loopnet an einer neuen Form von Vertragswesen. Die Artists werden nicht exklusiv gesigned und können den Server jederzeit wieder verlassen. “Sie bekommen wesentlich mehr Macht”, meint Thorsten Birk. Und ein gutes Umfeld für ihre Musik, da Loopnet im Zweifelsfall auch mal jemanden ablehnt. Man will gar nicht erst die Fehler wiederholen, die Server wie MP3.COM vorgemacht haben: Wahllos 100 000 Tracks auf den eigenen Server holen, nur um mehr Banner zu schalten. Oder wie Simon V es formuliert: “Das sind Szenekenner und keine gerissenen Finanzhaie.” Auf die Plätze Ohne Haie haben ja bekanntlich auch die Surfer länger Spass. Dumm nur, dass sich das traditionelle Musikgeschäft noch nicht mit dem neuen Wellengang anfreunden kann. “Wer als Unternehmen jetzt auf die GEMA setzt, muss dicht machen”, stellt Thorsten Birk fest. Weil die heutigen GEMA-Abrechnungskonzepte für Musik im Netz jenseits von Gut und Böse sind, erscheinen bei Loopnet.de vorerst nur lizenzfreie MP3s. “Wir können nicht auf die warten.” Denn was jetzt zählt, ist Geschwindigkeit. Längst haben auch grosse Webportals wie Yahoo und Fireball die legalen MP3s für sich entdeckt. Bald werden auch die Majors nicht mehr am MP3-Format vorbeikommen. Kampagnen wie Copy kills music erscheinen in diesem Kontext wie eine Verzweiflungstat. Thorsten Birk schätzt: “In 10, spätestens 20 Jahren ist die CD nur noch ein Medium für Liebhaber. Die Vinylplatte erlebt eine fette Renaissance als DJ-Medium, der Rest wird übers Netz verkauft.” Schon jetzt geht es darum, sich die besten Plätze zu sichern. Loopnet.de hat dafür einen guten Start hingelegt.

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Elektronische Lebensaspekte.