The Revolution starts at Home, der Einzelne horcht nach Innen und entdeckt seinen pädagogischen Auftrag, Gutmenschen werden zornig und politisches Engagement wirkt nicht mehr ganz so Windmühlen-kämpferisch. Oder: Wie geht Spaß im Hip Hop vor rauchenden Twin-Ruinen? Die Schweden machen es vor.
Text: jan kage aus De:Bug 53

HipHop

The Kids Are Alright!
Promoe / Looptroop

Gerade hatten alle das Ende der politischen Musik verkündet, da kommen aus dem scheinbaren Nichts eine Reihe Platten, die wieder frontal gegen die herrschende Welt argumentieren. Feuilletons und Musikzeitschriften verkünden das Ende der Spaßgesellschaft und am Horizont schimmert rot im Osten die Sonne der Revolution. Jan Eißfeldt von den Absoluten Beginnern, der noch vor zwei Jahren gegen Palästinenser-Tücher polemisierte und offenbar Abstand zur eigenen Vergangenheit suchte, brachte die vielbeachtete Reggae-Platte “Looking for the Jan Soul Rebels” raus, dessen Cover ein Foto aus dem Astrid Proll Band “Hans und Grete” zierte. “The Coup”, “Dead Prez”, “Skills En Masse” und “International Noise Conspiracy” ballen die Fäuste in der Tasche und geben dem unguten und unbestimmten Gefühl vieler, mit der Globalisierung stimme etwas nicht, einen Ausdruck. Ausgerechnet aus dem vielgepriesenen, vorbildhaft sozialdemokratischen Bilderbuch-Land Schweden landet nun Promoe von “Looptroop” den nächsten Schlag gegen Babylon und das auf musikalischem Höchstniveau. Nachdem er 1999 mit der 12″ “Off the Record” international aufhorchen ließ, kommt er nun mit wunderbar pumpenden Beats, feinen Soundscapes und klaren Bildern in den Reimen plus Dancehall-Vibes eindrucksvoll zurück. Selten wurde in den letzten zehn Jahren so sympathisch agitiert.

Promoe: Als der Looptroop-Produzent Em Bee und ich angefangen haben, Songs zu schreiben, waren viele davon politisch, gegen die Polizei – “Fuck 5o” war einer unserer größten Hits … (lacht). Wir waren also politisch, aber diese Lieder waren nicht sehr skillvoll. Danach hatte ich eine Phase, in der ich meine Skills entwickelt und viele Battlesongs geschrieben habe. Ich liebe Battlesongs. Aber nachdem man nun ein bisschen älter ist, geht es nicht einfach darum, wer der beste Rapper ist. Das ist nicht wichtig, weil es eh immer einen anderen Rapper geben wird, der besser ist. Man muss natürlich tight sein, und hoffentlich hast du was zu sagen, das noch nicht gehört wurde. Das allein ist schwer genug; zumindest neuartig sagen sollte man es. Es ist wichtiger, Themen zu diskutieren, als darüber zu streiten, wer das meiste Geld und die meisten Reime hat.

Dieses Bewusstsein von Verantwortung teilen wieder mehr und mehr Texter. Gerade die Ereignisse am 11.9., von denen Promoe bei der Produktion von “Government Music” natürlich nichts wissen konnte, wirken wie eine Zäsur. Die Rap-Welt wird nicht mehr die gleiche sein. Ich weiß nicht, ob in Amerika der Jiggy-Style mit seinen Bitch- und Money-Raps einen Rückgang erfahren wird. Die rein ästhetischen Sprachspiele werden aber definitiv eingeschränkt werden. Wir werden wieder mehr Inhalt kriegen, und Rapper werden sich wieder mehr auf ihre Verantwortung als öffentliche Redner besinnen.

“Teach the kids: don’t believe the world wide system. Teach the kids just because they’re white and christian / hear this: don’t mean they’re on a righteous mission!” (Promoe in: Yes Ayah)

DE:BUG: Wenn man ein politisches Album oder ein Album mit politischem Inhalt macht: Zu welchem Grad glaubt man selber, damit die Welt ändern zu können, und zu welchem Grad ist es das eigene Bedürfnis, einer Sache, die einen innerlich bewegt, Ausdruck zu verleihen?
Promoe: Man denkt da eigentlich jeden Tag anders drüber. Manchmal fühlt man sich wirklich depressiv und du denkst, du kannst gar nichts auf der Welt ändern. Aber Musik ist ein starker Einfluss für die Leute. Ich weiß nicht, ob wir die Welt ändern können. Aber wir können was für uns selbst ändern, als Individuum. Da muss man anfangen, denk ich – bei sich selbst. Und dann wird passieren, was passieren muss. Zumindest hatten wir Spaß bis dahin. Und wenn die Welt morgen untergeht! Wir haben auch Sachen gemacht, die kein Spaß sind. Vieles war Zeitverschwendung. Aber wir tun wenigstens, was wir wollen. Und indem wir es tun, zeigen wir Kids, dass sie nicht von 9 bis 5 arbeiten müssen. Wenn man nicht 9 to 5 arbeiten will, muss man nicht denken, man müsse unbedingt drogenabhängig oder Alkoholiker werden. Es gibt andere Sachen, die Spaß machen. Und dann kann man vielleicht was ändern. Das kann man nicht beantworten.

DE:BUG: Bedeutet Musik zu machen, sie selbst zu vertreiben und nicht von 9 bis 5 zu arbeiten, sich zu befreien?
Promoe: Ja, ich denk schon.

Natürlich verändert Musik nicht die Welt, aber sie kann Bewusstsein schaffen. Und es wäre verdammt kleinmütig zu glauben, man könne die Welt nicht mit seiner Musik verändern. Wurde man denn nicht selbst durch Charismatiker geprägt? “Wenn ich nicht hier bin, bin ich im Solarium.” Schon richtig. Aber während die Popper unter der Discokugel schunkeln und sich gegenseitig ihre Coolness und die Belanglosigkeit der Welt zwischen Lines und Basefolie bestätigen, blasen andere wider besseren Wissens zum Angriff. Eben weil die Welt nicht klar geht. “It’s a cold world besides the greenhouse effect!”, rappt Promoe und beschreibt treffend das Sein zwischen Nike-Town und Joschka Fischer. Die alte Generation der Weltverbesserer hat sich international ins Ghetto des Wohlstandes verabschiedet und wünscht, nicht mehr an ihre rebellische Jugend und kulturelle Leistung der Veränderung erinnert zu werden. Wer heute noch die Welt verändern will, sieht irgendwie ein bisschen lächerlich aus und steht allein auf weiter Tundra. Aber es war ja schon immer so: Glaube versetzt Berge, und Promoe kämpft gegen die Hure Babylon. Ein Poor-Righteousness-Teacher auf selbstgewählter Mission im Herz der Bestie. Government Music ist auf jeden Fall eine der beherztesten Platten, die uns seit Talib Kweli und HiTek erreichen, und das ist verdammt wichtig.

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Elektronische Lebensaspekte.