Nicht-Kunst als Marke
Text: Anton Waldt aus De:Bug 116


Monochrom agiert bereits seit mehr als zehn Jahren in jeder Beziehung grenzwertig zwischen Kunst, Internet und Vulgär-Marxismus. Die Geschichte der “Lord Jim Loge powered by monochrom” wurde auch schludrig per Photoshop illustriert und anschließend von chinesischen Plakatmalern in Öl auf Leinwand ausgeführt. Bis Redaktionsschluss waren fünf der zwölf Bilder verkauft. Ebenfalls aus dem monochrom-Universum und seit kurzem auch online zugänglich: Das Nerd-Musical “Udo 77”, das im Inneren einer Bank-Software spielt und um das Leben des österreichischen Großblenders Udo Proksch kreist.

Den Straßenkötern des Kunstbetriebs, der Wiener Gruppe monochrom, ist ein Projekt der Maler Jörg Schlick, Martin Kippenberger und Albert Oehlen in den Schoß gefallen: Das gilt es nach der Devise “Keiner hilft keinem” an Cola-Light zu verscherbeln, damit auch garantiert alle verlieren.

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Das digitale Crack-Pfeifchen im Mundwinkel balancierend berauscht sich monochrom an den Ausdünstungen unseres Informationsmülls. Derart neuronal entstellt, heckt die Nichtkunstgruppe permanent Blödsinn aus, den sie – im Gegensatz zu Kohorten ähnlich verquaster Existenzen – meistens auch prompt realisieren. Ihre Projekte triefen vor räudigem Marxismus, unbändiger Copyright-Verachtung und einem vermeintlich jugendlichen Internet-Humor. Überflüssig zu erwähnen, dass sich monochrom standhaft weigert, nachvollziehbare Positionen zu vertreten oder nachhaltige Sinnwirtschaft zu betreiben.

Im übelsten Fall entsteht dabei schrecklich pubertärer Mist, im besten Fall sehr flüchtige Momente kleiner Weisheiten. Meistens fliegt aber beides wüst durcheinander und würde üble Kopfschmerzen verursachen – aber die monochrom-Lümmel bringen es irgendwie immer wieder fertig, ganz großartige Geschichten zu erzählen, die eingängig von den wuschigen Verhältnissen in der Informationsgesellschaft künden. Zum Beispiel wenn monochrom das Kunststück eines kaum peinlichen Musicals aus dem Inneren einer Software für Bonitätsprüfung auf die Bühne bringt. Oder wenn den Straßenkötern die Gelegenheit in den Schoß fällt, mit dem Vermächtnis verstorbener Kunstmarktgrößen Schabernack zu treiben, wie im Fall der “Lord Jim Loge”.

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Tate-Punk Kippenberger

Zunächst ist die Lord Jim Loge selbst ein Fall hochgradig grenzwertigen Kunstschaffens: 1985 gründen die Maler Jörg Schlick, Martin Kippenberger und Albert Oehlen sowie der Autor Wolfgang Bauer im Suff eine “Loge”. Dieser “Geheimbund” wird nach dem Borderline-Protagonisten des Joseph Conrad-Romans “Lord Jim” getauft, sein Wahlspruch lautet “Keiner hilft keinem”, das gekrakelte Logo zeigt “Sonne Busen Hammer”. Vereinsziel ist es, dieses Logo bekannter zu machen “als das der Coca Cola Company”. Richtig eingeschlagen hat die Schnapsidee der jungen Kunstwilden nicht: Das Magazin “Sonne Busen Hammer” brachte es auf einige Nummern, irgendwo zwischen Ausstellungskatalog und Punkfanzine, extreme Nische.

Ab und an kritzelten die Maler das Logo auf ihre Bilder. Ab und an soffen die Herren wieder und nahmen Leute wie Niki Lauda ohne deren Wissen in ihren Bund auf. Außerdem verkündeten sie großspurig, dass die Lord Jim Loge niemand aufnehmen würde, der daran Interesse bekunden sollte. Alles “Privatvergnügen machistischer Geniekünstlerdarsteller”, wie monochrom selbst zugibt. Aber dann: 1997 stirbt Martin Kippenberger und der Kunstbetrieb fängt an, aus den wirren Hinterlassenschaften des Punks eine Marke zu formen. Bisheriger Höhepunkt: Eine Retrospektive in der Londoner Tate Modern, die im Februar 2006 eröffnet wird.

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Trittbrettfahrer

Da dürften sich die Straßenköter schön ins Fäustchen gelacht haben: Nur wenige Monate bevor “Sonne Busen Hammer” in London die ganz hohen Kunstweihen verliehen bekommt, hat das letzte aktive Mitglied der Loge die Vereinsgeschäfte an monochrom übergeben, oder profaner: Jörg Schlick, den Krebstod vor Augen, vermacht die Schnapsidee Lord Jim Loge zwei Grazer Kunststudenten. Monochrom wittert eine fantastische Gelegenheit, eine Runde Trittbrett zu fahren und dabei Stinkefinger zu zeigen. Dazu wird aus dem behäbigen Männerbund die dynamische “Lord Jim Loge powered by monochrom”, deren Rechte von der in Berlin ansässigen “Art Consulting Teyssandier-Springer” vertreten werden.

Und diese Rechte haben es in sich: Die Wort-Marke: “Lord Jim Loge”, die Wort-Bild-Marke “Sonne Busen Hammer” sowie die Wort-Marke: “Keiner hilft keinem” sollen ohne monochrom-Genehmigung weder verwendet noch ausgestellt werden. Die Modern Tate kann einpacken. Ende März 2006 sollen diese Ansprüche auf einer Pressekonferenz im Cafe Einstein per Paukenschlag verkündet werden – blöd nur, dass der Kunstbetrieb Straßenköter einfach ignoriert, die “Abmahnung” wird von kommerziellen Kippenberger-Dealern schnell als Luftnummer enttarnt. Und außer einem winzigen Pressewirbel in Österreich wird die Angelegenheit öffentlich nicht wahrgenommen.

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Marketingkohle abgreifen

Natürlich lassen sich monochrom von Rückschlägen nicht entmutigen, wahrscheinlich weil sie im Großen und Ganzen keinen Schimmer davon haben, was ein “Rückschlag” ist. Oder ein Erfolg. Ersteres kann man halt nicht erkennen, wenn man im Dreck sitzt. Und Letzteres muss rätselhaft bleiben, wenn man marxistisch verblendet ist. Die Gruppe wendet sich anderen Undingen zu, jedenfalls bis Coca Cola Österreich den Fehler macht, einen Wettbewerb für Jungkreative auszurufen: Die “Coke Light Art Edition” sucht unter dem Motto “Mut & Individualität, Courage zum eigenen Glück” Entwürfe für Etiketten, die auf 50.000 Cola-Flaschen gedruckt werden sollen. Monochrom reicht das “Sonne Busen Hammer”-Logo ein, betont dabei Martin Kippenbergers Urheberschaft und greift prompt 5.000 Euro Preisgeld ab.

Wer dabei wen verarscht hat, bleibt unklar, auch wenn monochrom großspurig Folgendes verlautbaren lässt: “Ähnlich dem Verhältnis der afghanischen Taliban-Bewegung zu den USA könnte der ‘Sonne Busen Hammer’ durch einen Pakt mit Coca Cola erst in den Stand gesetzt werden, mit dem beliebten Konzern in einen offenen Schlagabtausch treten zu können und so langfristig vielleicht den am Markt gescheiterten alten Stamm-Konkurrenten Pepsi ersetzen.” Genauso abwegig wie die Annahme der für die “Coke Light Art Edition” zuständigen Agentur, dass es sich bei Sonne-Busen-Hammer um ein “sehr anspruchsvolles Kunstprojekt” handelt. Wenn überhaupt ein Fazit möglich ist, hat die Lord Jim Loge unter monochrom-Regie bislang vor allem Loose-Loose-Situationen produziert. Aber auf genau solchen Quatsch stehen die monochroms offensichtlich wie Messer, diskontinuierliche Erzählungen ohne Anfang und Ende, geiler Quatsch unter der Prämisse: Das Leben ist verrückter als Scheiße.
http://www.lordjimloge.com

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Elektronische Lebensaspekte.