Tim Bernhardt, Yoshino und Linda Mathews präsentieren als Lorenzo auf ihrem zweiten Album "Esque" eine eigene Interpretation von tiefgründigem House. Und setzen dabei mal eben den Ruhrpott als Deephouse-Basis auf die deutsche Landkarte.
Text: florian sievers | florian.sievers@gmx.de
aus De:Bug 53

house

Vom Substantiv zum Adjektiv
Lorenzo

Leipzig: ja. Frankfurt am Main: ja klar. Aber der Ruhrpott? Der Ruhrpott und tiefgründiger, um nicht zu sagen: deeper House? Nochmal ja, denn von dort, wo ja mal eine Zeit lang die berüchtigte “Diskokugel Dortmund” die Filter heißlaufen ließ, liefern Lorenzo jetzt eine ganz eigene Interpretation der aktuellen deutschen Deephouse-Rennaissance. Ihr zweites Album “Esque” wagt eine eigenständige Interpretation von dem, was House an Gefühl und Selbstvergessenheit und Tiefgründigkeit auf unsere Tanzflächen liefern kann. Das erste Album “Ism” warf vor zwei Jahren die Idee “Lorenzo” in den Raum. “Esque” nun wagt sich einen Schritt weiter: vom Substantiv zum Adjektiv, zur Präsentation eines eigenen Genreausdrucks – diese Platte klingt eben “lorenzoesk”. Seit 1997 machen Tim Bernhardt, 30, und Yoshino, 31, als Lorenzo Musik. Tim arbeitet hauptberuflich in der Marketingabteilung einer Softwarefirma und ist abends und wochenends Musiker. Yoshino hat Musik studiert, heißt in einem anderen Leben Joachim Schäfer und ist dann Geigenlehrer für kleine Kinder. Da liegen Konstruktionen von Gegensätzlichkeiten natürlich auf der Hand: der Musiker und der Informatiker, der Chaot und der Stringente, der Kreative und der Bastler.

Eine neue Stimme und ein Rechner

Und tatsächlich taucht Tim, bevor die beiden per Thalys zu einem DJ-Set im “Rex” nach Paris aufbrechen, im Anzug im Café auf, während Yoshino eher Sportliches trägt. Und Tim lässt sich unwidersprochen “Konstrukteur” nennen, Yoshino dagegen “Komponist”. Diese konstruierten Gegensätzlichkeiten allerdings stimmen nur zum Teil. “So groß”, sagt Tim, “ist der Unterschied gar nicht. Musik ist ja eigentlich genau so logisch wie Mathematik, da gibt es schon eine direkte Verbindung.” Und außerdem werden eventuelle Polaritäten bei Lorenzo seit Anfang des Jahres von einer dritten Meinung aufgehoben: Die Halbschottin Linda Mathews, 24, ist jetzt die feste Stimme dieser eigenwilligen Deephouse-Formation, die Geschmäcklerisches durch den Willen zum Experiment vermeidet. Eine einzige, feste Stimme für alle Vocaltracks, das sehen Tim und Yoshino, die sich bislang immer einen Haufen Gastsänger einladen konnten, nicht als Beschränkung. Tim: “Das ist eher eine Erweiterung, weil man sich aufeinander einspielt. Wir können uns jetzt genau überlegen, wie wir die Musik auf ihre Stimme anpassen können.” Yoshino: “Wir wollten jemanden haben, der auch seinen Charakter mit einbringt.” Yoshino kannte Linda schon von einer früheren Zusammenarbeit, nach einem Vorsingtermin war sie dabei.

Jetzt produzieren sie für Linda auch Popmusik, die sie demnächst unter dem Namen Lynn Claire bei dem Berliner Label Montreux veröffentlichen werden. Bei den Umbauten im Bandgefüge haben Tim und Yoshino denn auch gleich die alte 16-Spur-Bandmaschine von Fostex, die bei Liveauftritten immer als drittes Bandmitglied dabei war, eingetauscht gegen ein praktisches, unauffälliges Powerbook. Das hat keinen ideologischen Hintergrund, die Bandmaschine war einfach kaputt gegangen. Was aber geblieben ist, ist die Vorliebe von Yoshino zu kleinen Prisen von Intellektualität auf seinen Platten: Auf seinem Freistil-2-Step-Album “Polyhymnia” zitierte er kürzlich Thomas Mann, demnächst plant er beim Gush Collective ein 2-Step-Konzeptalbum (was zugegebenermaßen schrecklich klingt, aber bei ihm interessant werden könnte), und auf “Esque” wird der französische Zeichentheoretiker Lacan bemüht. Mit dem Schild “Autorenhouse” sollte man diese sexy funkelnde Tiefgründigkeit deswegen aber nicht abwerten. “Für uns”, betont Tim, “ist das ganz einfach deepe Housemusik.”

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Text: jan joswig aus De:Bug 27

Unterwasser-ism Lorenzo Der Ruhrpott hat die Faxen dicke vom ostentativen Feiergestus. Discokugel Dortmund adé. Die Heimlabel Lost Vegas und Draft veröffentlichen gedämpfte Suiten oder Lo-File Dub-Zwischentöne im House. Eine ganze Region knöpft sich den oberen Poloshirtknopf zu und tastet nach dem vertraulichen Gespräch in Musik. Lorenzo könnten mit ihrem ersten Album “-Ism” zu den Kronzeugen dieser Haltungskorrektur werden. Tim Bernhardt und Yo Shino standen mit ihren Beiträgen zum Discokugel Dortmund-Sampler und mit der ersten EP ihres gemeinsamen Projektes Lorenzo mitten drin im Discohouse-Juchhée; “Boogie Oogie Oogie” und heissgelaufene Filter. Von aussen betrachtet. Für Tim Bernhardt ist Discohouse längst ein vertrocknetes Kaugummi, das er unter seinen Sequenzer geklebt hat. Es schmeckte mal wie HubbaBubba, aber: “Das war mal so eine Welle vor zwei, drei Jahren…” Solch einen Zeitraum übersteht selbst HubbaBubba nicht. Und die Discohousefestlegung von Lorenzo ist von vornherein ein Rezeptionsmissverständnis gewesen. Viel bezeichnender als die “Taste of Honey”-Bearbeitung auf der Lorenzo 1-EP ist für die Lorenzo-Welt das als B2-Track versteckte “Everytime”, eine gewittrige Ballade, auf der die Drumpatterns die Schwerter kreuzen. Von da erstreckt sich über Lorenzo 2 und die Tim Bernhardt-Solo-EP eine Linie, an der Streckenabschnitt für Streckenabschnitt alle plakativen Erkennungsmerkmale zurückgelassen werden, bis hin zu “-Ism”. Tim Bernhardt: “Man verfeinert sich, man entwickelt sich, Discohouse zu machen ist viel einfacher – und viel berechenbarer.” ”-Ism” soll beileibe nicht als Verweis auf das gleichnamige Kid Paul-Label verstanden werden, das existiert sowieso ganz woanders. Stattdessen weist das isolierte “-Ism”, dem als Suffix abstrakter Ordnungsbegriffe genau solch ein Ordnungsbegriff vorenthalten wird, schon im Titel auf die Freistellung der Musik von den gängigen Housegenremerkmalen. Statt von Discohouse in die envoguen Minimal- oder Jazzhouseschulen zu wechseln, verweisen sie sich lieber gleich aus allen Schulen, so dass als Tautologie ersteinmal nur Lorenzo-ism bleibt. In ihren Arrangements müssen Lorenzo nicht nach der Housedemarkationslinie in der Reduktion forschen, für ihr gedämpftes Saitenspiel müssen sie nicht auf traditionelle Musicianship-Ästhetik zurückgreifen, um ihre Sprache zwischen Ausstellung der Elektronik und ihrer Instrumentalisierung als Atmosphärestifter einzupendeln. Der elektronische Formalismus im Minimalhouse und der Deepness-Aspekt im Jazzhouse werden bei Lorenzo modifiziert und synthetisiert zu einer atmosphärischen Grundhaltung, die doch noch eine zweite Ergänzung zum “-Ism” anbietet: Unterwasser-ism. “This is what it would sound like underwater” endet der Startrek IV-Dialog, der als Intro den Tracks des Albums vorangestellt ist. Unterwasser, da wo das gefilterte Licht das Element in helligkeitsabgestufte Flächen unterteilt. Von den beiden als Klammer funktionierenden Downtempostücken über die zupackenden Housetracks schaffen die synthetisch-elektronischen Flächen einen umschliessenden Stimmungsraum für die Musik. In der Kategorie Deepness im originären Elektronikklang treffen Lorenzo auf Verwandte am ehesten in England bei Labeln wie Pagan oder Paper-Recordings. Aber wo die Engländer schon fast sprichwörtlich dazu neigen, ihre Arrangements zu übersättigen, bleiben bei Lorenzo immer die Ränder der Flächen präsent; einweben statt zukleistern, duftige Laken statt muffiger Kopfkissen. Als beschneidendes Korrektiv zu den Schwebeplateaus bauen sich Beats in der Vertikalen auf, zu denen sich auch die wagemutigsten englischen Producer diesseits von Speedgarage, so Swags Odori-Releases oder Basement Jaxx-Tracks, gratulieren würden. Eher substantielle Ergänzung statt Korrektiv. Die rhythmischen Koordinaten werden eng gesetzt. In ihrem athletischen Bewegungsdrang schicken die Rhythmen denn auch nicht von ungefähr Grussadressen an Two-Step-Garage. Yo Shino klebt seine Ohren begeistert zwischen die UK-Breaks. Tim Bernhardt: “Yo ist momentan tierisch infiziert von Two-Step-Garage.” Eine Begeisterung, die er in kommenden Soloveröffentlichungen zu Klarheit ausformulieren wird. Für das gemeinsame Projekt Lorenzo deshalb gleich ein Schlagwort wie “Deep-Step” zu lancieren, wäre wohl gelinde irreführend, soll doch die atmosphärische Homogenität gerade die Beats aus den diversesten Baukästen zusammenhalten, von Downtempo bis zum HiNRG von “Popcorn 2000”. Tim Bernhardt: “Lorenzo soll für eine bestimmte Stimmung stehen. Aber innerhalb dieser Stimmung haben wir ein möglichst breites Spektrum umfasst. Wir haben die Limits gestreckt. Trippiges findet da auch Platz. Und auch ‘Popcorn 2000’ ist Lorenzo.” Aber “Love is dangerous” und “Feelin'” springen einen als Belege für die lorenzospezifische Eigenart von gecutteter Deepness schon aus dem Album entgegen. (Und Two-Step-Don MJ Cole wird auf seinem ersten Album auch mit Downtempotracks überraschen.) Auch unter der Oberfläche schlägt das Wasser kappelige Wellen. Die Unterwassermetapher soll über die Atmosphärekennzeichnung hinaus aber nicht als utopischer Überbau belastet werden: statt des Weltraums im P-Funk der Meeresgrund im Lorenzo-ism, dagegen verwahrt sich Tim Bernhardt dann doch: “Wir machen keine Programmmusik.” Nein, sie wollen ja nicht im Neoprenanzug mit Tauchermasken auftreten müssen. Ein Konzeptalbum ist “-Ism” nicht, ein schulemachender Präfix wird sich aber noch finden.

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