Lorn aus Milwaukee präsentiert die Schönheit der Finsternis.
Text: Philipp Rensius aus De:Bug 144

Das Label Brainfeeder erweitert mit dem Künstler Lorn seinen eigenen Horizont und entwickelt sich immer mehr zum Labor für die amerikanische Version zeitgenössischer Bassmusik.

“Kunst war für mich immer schon ein Weg, mich selbst mit den Dingen der Welt zu konfrontieren oder diese zu verdrängen”, erklärt der aus Milwaukee stammende Lorn. Denn bevor er begann, elektronische Musik zu produzieren, war er bereits Maler abstrakter Bilder. Heute bewegt er sich zusätzlich an den Schnittstellen zwischen HipHop, Dubstep und 90 bpm. Verantwortlich für die Veröffentlichung seines Albums ist vor allem Flying Lotus, der ihn für sein Label Brainfeeder gewinnen konnte. Nothing Else lautet der bescheidene Titel. “Es soll deutlich machen, dass es für mich als Musiker eigentlich nichts Wichtigeres gibt, als eine Platte zu veröffentlichen.” Viele Tracks des neuen Werkes klingen beim ersten Hördurchgang fast konventionell, doch nach einiger Zeit fällt auf, warum Lotus daran interessiert war, erstmalig einen Künstler außerhalb von L.A. unter Vertrag zu nehmen.

Da wäre zum Beispiel “Army of fear” mit seinem genauso innovativen wie bedrohlichen Marschrhythmus , oder “Automaton”, ein ständig in seinem Tempo beschleunigter und wieder gedrosselter Beat mit verspielten Synthies und dem bis zum Schluss gewarpten Sound, der am Ende in die Unendlichkeit des Klangraums entsendet wird. Das alles klingt sehr spannungsgeladen, trotz der vielen Melodien. “Die meisten meiner Tracks stehen zwar in Moll, doch steckt darin auch viel Schönes. Schatten, Kontraste, Unbehagen, das ist das, was mich in meiner Musik interessiert”, betont der Amerikaner und man bekommt den Eindruck, dass seine Arbeit als visueller Künstler einen nicht unerheblichen Einfluss auf sein musikalisches Schaffen hat.

Denn wie bei der Arbeit mit Farben spielt die Form zunächst eine untergeordnete Rolle: “Ich verbringe während des Produzierens die meiste Zeit damit, an den Sounds selbst zu arbeiten. Bei mir gibt es keine reinen Klänge, fast alle sind auf bestimmte Weise gelayert, oft mithilfe echter Instrumente.” Der hauptsächlich für Funktionalität stehende Begriff des Beats wird der mit dichten Sounds angereicherten Musik also nicht gerecht. Auch wenn dies früher noch anders war: “Als ich 14 war, war ich sehr an Turntablism interessiert und irgendwann wollte ich einfach meine eigenen Beats machen, um sie zum Scratchen zu verwenden. Und über einen Zeitraum von neun Jahren haben sich die 8-,16- und 32-taktigen Loops dann in Songs verwandelt.”

Und anstatt in unproduktive Nostalgie zu verfallen, erinnert er mit der Zweiteilung des Songs Void in Teil 1 und 2 lieber an die physikalische Begrenzung von Vinyl: “Die Aufteilung war eigentlich nur für Vinyl gedacht. Mit Void 1 endet die A-Seite und Void 2 ist der Beginn der B-Seite. Für mich steckt eine sehr romantische und auch faszinierende Vorstellung darin, die Nadel anzuheben, nachdem die Platte zu knistern beginnt und in der Leere (dt. für Void) verebbt.” Dem von der Spannung zwischen den schnellen LoFi-Arpeggios und dem Halfstep-Beat lebenden Track tut dies ohnehin keinen Abbruch.

“Nothing Else” klingt traditionsbewusst und gleichzeitig modern, die Zukunft elektronischer Musik aus den USA bekommt mit Lorn einen weiteren Protagonisten. Und was kann man mehr erwarten von einem Künstler, der seine Inspiration vor allem aus den Details bezieht: “Selbst der Staub auf meinem Bildschirm, der gerade von den Sonnenstrahlen vergrößert wird, inspiriert mich. Ich meine, ich kann gar nicht anders, als Zeuge dieses Lebens zu sein und genau dieses immer wieder zu reflektieren.”

“Nothing Else” ist auf Brainfeeder/Ninja Tune erschienen
http://www.brainfeedersite.com