Hit your Glockenspiel harder ...
Text: Jan Joswig aus De:Bug 119

Die Rote Zora und ihre Bande sind ein viel spannenderes Modell als das Beatles-Männerquartett. Das walisische Septett “Los Campesinos!” zeigt mit unwiderstehlicher Verve, wie die bessere Zukunft klingt.

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Das Modell der straighten Viererbande regiert die Insel in aller machistischen Schärfe. Aber in den emanzipierten WGs erhebt sich Widerstand. Weltweit entwickeln Bands ein Modell an kollektivem Durcheinander, das so anti-hierarchisch wie anti-sexistisch ist und aus dem quirligen Alle-quatschen-Gleichzeitig mit einem hochenergetischen Alarm-Pop nach vorne prescht.
Auf die Beat-Invasion mit dem Vier-Pilzköpfe-Format reagierten die Hippies in den 60s durch diffuses Auswuchern ins Kollektiv. Kind, Kegel, Frau, Mann, alle gehen gleichzeitig an Bord und von Bord.

Aktuelle Bands wie die kanadischen “You say party, we say die“, die australischen “Architecture in Helsinki“ oder auch das englische “Go!Team“ greifen dieses Organisationsmodell auf. Aber statt friedlich zu kiffen, kippen sie Unmengen an schwarzem Kaffee (oder Club Mate) und krakeelen sich zappelig den Weg frei. Mit Macho-Wut und Konfrontations-Gestus hat das überhaupt nichts zu tun. Viel eher ersteht hier die andere große Epoche von Gender-kritischem Ringelpullover-Pop wieder auf: die jangelnden Wimps (auf Deutsch etwa: 60s-verliebte Warmduscher) aus der zweiten Hälfte der 80er, einer Szene, aus der auch Primal Scream hervorgingen.
Das walisische Septett “Los Campesinos!“ schmeißt sich mit ungeheuer überbordendem Charme und Witz und Dialekt auf dieses Projekt: ein Sack voll Flöhe als musikalischer Glücksfall und soziales Versprechen.

Von den drei Mädchen und vier Jungs sind zum Interview nur zwei Jungs angereist. Das macht ihnen aber weniger Sorge als mein Vergleich von Gareths Glockenspiel mit dem Rumbagerassel von Bez bei den Happy Mondays.

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De:Bug: Ihr seid nur zu zweit. Ich war mir sicher, es ist euch wichtig, immer als ganze Horde anzurücken …

Gareth: Das ist wichtig für uns. Nur Geldmangel ist schuld. Naja, nicht ganz: Ollie zum Beispiel besucht lieber seine Freundin. Aber wir zwei sind sowieso die mit dem Aussehen und dem Charisma …

De:Bug: Ihr seid …?

Gareth: Ich heiße Gareth, bin 21 Jahre alt, komme aus Cardiff, Wales, und singe und spiele Glockenspiel.

Tom: Tom, dunkelbraunes Haar, tiefe Stimme, Gitarrespieler.

De:Bug: Glockenspiel ist mein Lieblingsinstrument. Es ist ein bisschen wie Bez von Happy Mondays mit seinen Rumbas.

Gareth: Oh nein! Niemand ist freiwillig wie Bez. Ich bin Musiker, nicht Hampelmann.

De:Bug: Es gibt eine ganze Welle an Bands, die eher wie ein Kollektiv als wie die klassische Vierer-Band auftreten: Architecture in Helsinki, Go!Team, Broken Social Scene.

Tom: Broken Social Scene ist eines unser großen Vorbilder. Bands mit mehr als vier Mitgliedern sind nichts Ungewöhnliches für uns. Wir wollen uns definitiv von den Post-Libertines-Bands absetzen. Unsere Formel entwickelte sich so: einfache Melodien, einfache Songs, aber mit einer Menge an Leuten, die sie gleichzeitig spielen. Sieben Musiker zu sein, ist absolut eine Naturnotwendigkeit für uns.

De:Bug: Wollt ihr mit der großen Besetzung absichtlich die Melodien verunklaren?

Tom: Wir spielen gerne mit fünf Instrumenten eine Melodie gleichzeitig oder auch mit vier Instrumenten vier verschiedene Melodien übereinander. Es ist ein einfaches Rezept, aber es passiert eine Menge. Vier schlichte Einzelideen ergeben ein komplexes Ganzes. Die Gesangsparts sind auch immer ganz simpel.

De:Bug: Im Büro wurde ich gefragt, ob ich jetzt auf Musical stehen würde, als eure Platte lief. Kennt ihr die musizierenden Hippie-Kommunen aus den 60ern, Grateful Dead, Jefferson Airplane? Sie lebten und musizierten im Kollektiv und spielten Cowboy und Indianer.

Tom: Hups, wir leben nicht zusammen!

Gareth: Einige von uns schon: ich, Ellen and Ollie leben zusammen, Aleks und Neil auch.

Tom: Aber wir sind nicht die Monkeys.

De:Bug: Gehört ihr zu einer Szene?

Tom: Als Engländer ist es im Moment verdammt schwer, sich zu einer Szene gehörig zu fühlen. Es herrscht dieses Ladrock-Revival mit den Fratellis, The View, The Enemy, alle sehr macho, Popmusik für betrunkene Sexisten. Das ist gerade groß in UK. Damit wollen wir nichts zu tun haben. Deshalb ist es auch gut, der Underdog aus Wales zu sein, statt sich in der Weltstadt London mit den trendy Arschloch-Bands rumprügeln zu müssen.

Gareth: Skylarking aus Leeds mögen wir. Oder Jonny Foreigner.

Tom: Eine Szene ergibt das nicht …

De:Bug: Aber mit euren hektischen Alarm-Gitarren würdet ihr gut ins New-Rave-Lager passen.

Gareth: Ich mag die Energie hinter New Rave. Und sie nehmen sich offensichtlich nicht allzu ernst. Bei den Klamotten wäre das auch absurd. Das finde ich auch wichtig. Viel zu viele Musiker nehmen sich viel zu ernst. Aber wir haben zu wenig Beats und Synths, um unter New Rave zu laufen.

Hit your Glockenspiel harder …

Gareth: New Rave ist eine gute Sache, unterm Strich. Ich will zwar nicht mitmischen. Aber es ist sehr anti-macho, sehr feminin.

De:Bug: Als historische Parallele zu eurem Musikverständnis sprang mich diese Kompilation von 1986 an: C86, mit all den Wimp-Bands wie Primal Scream, Shop Assistants, Wedding Present.

Gareth: Oh mein Gott, ich habe sie nie auf Vinyl gesehen! Ich habe die Kassette.

De:Bug: Das war genauso energetischer Anti-Rock.

Tom: Eine Menge Leute haben das für “twee“ gehalten, für überzuckert, schwuchtelig …

Gareth: Bands wie Tallulah Gosh, The Pastels, Belle & Sebastian …

Tom: Wir haben Twee-Elemente in unserer Musik, in unserer Haltung. Aber wir teilen nicht die LoFi-Schlafzimmerproduktion.

Gareth: 1986 wäre genau meine Zeit gewesen, um jung zu sein. Mehr als heute.

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Elektronische Lebensaspekte.