In den USA ist das Internet-Fernseh-Fieber ausgebrochen. Im Kampf gegen die Piraterie setzen die Studios ausnahmsweise mal auf Kreativität und stellen ihre erfolgreichsten Programme ins Netz. Doch die Konkurrenz schläft nicht.
Text: Janko Röttgers aus De:Bug 103


Lange Zeit sah es so aus, als wollten die großen US-amerikanischen TV-Studios alle Fehler der Musikindustrie wiederholen. Wenn Plattenfirmen Tauschbörsen verklagten, dann war Hollywood meist nicht weit. Als es dann P2P-Nutzern an den Kragen ging, suchten auch Fox & Co. nach Simpsons-Fans in den Netzen von Kazaa und Edonkey.

Und nachdem die Musikindustrie in Steve Jobs ihren Retter entdeckt hatte, schien man auch in Hollywood Gefallen am Outsourcing des Problems zu finden. ABC und NBC begannen mit dem Verkauf von Serien wie Lost, Alias und Law and Order über den iTunes Music Store. CBS vertraute auf Google, um für CSI und Survivor Kunden zu finden.

Google Video erwies sich dummerweise schnell als Fehlstart. Sperrig, unpraktisch und kein bisschen sexy. Gleichzeitig liefen kostenlose Videoangebote den Bezahl-Diensten den Rang ab – und zwar auch, wenn es um den Vertrieb beliebter Fernsehmomente ging. Während NBC noch überlegte, wie man Comedy am besten online vermarkten könnte, hatten Fans ihre Lieblingssketche längst bei Youtube hochgeladen. Dort erreichten sie innerhalb weniger Tage ein Millionenpublikum.

NBC reagierte darauf erwartungsgemäß mit Anwaltsbriefen, und die fraglichen Clips verschwanden innerhalb kürzester Zeit aus dem Netz. Ganz Hollywood stürzte sich in den folgenden Wochen auf Youtube, um “gestohlene” Clips der eigenen Produktionen zu finden. Und was passiert, wenn man mal ein paar Stunden auf so eine Seite verschwendet? Ganz klar: Man verliert das eigentliche Ziel aus den Augen. Klickt mal hier, mal da, schaut sich seltsame Parodien, merkwürdige Heimvideos und clevere Mashups an. Irgendwo zwischen den Simpsons mit echten Schauspielern, dem Straßenkreuzungs-DJ-Clip und, ja, Sonnenlicht hatten einige der Studio-Manager dann plötzlich eine Eingebung: Das können wir auch.

Von Youtube zu Innertube
ABC begann Anfang Mai mit der Youtubeisierung des eigenen Programms. Der Sender stellt die aktuellen Folgen der Serien Lost, Alias, Desperate Housewives und Commander in Chief jeweils einen Tag nach der Original-Ausstrahlung ins Netz. Als Stream, mit Werbung und in einem Computer-optimierten Flash-Player. Vollbild-Wiedergabe ist damit nicht möglich, dafür ist die Bildqualität deutlich höher als bei Youtube und Co.

Jede Folge besitzt einen individuellen Online-Werbepartner, für den exklusiv ein Flash-Werbe-Interface gebastelt wurde. Diese Werbeunterbrechungen lassen sich nicht überspringen, stören aber ehrlich gesagt auch deutlich weniger als der Werbebrei im klassischen Fernsehen. Ach ja: Bisher ist das Ganze als zeitlich begrenztes Experiment deklariert. Ende Juni will man weiterschauen. Und wer keine US-amerikanische IP-Adresse besitzt, muss eh draußen blieben. Davon abgesehen gibt’s aber praktisch keine Zugangsschranken. Ein Zugriff per OS X mit Safari oder Firefox funktioniert problemlos.

Ein paar Tage später legte CBS dann mit einem eigenen Streaming-Portal nach, das in deutlicher Anlehnung an die Inspirationsquelle Innertube heißt. Innertube setzt ebenfalls auf jede Menge Flash und eine Werbefinanzierung kostenloser Streams. Hit-Shows gibt es hier allerdings noch nicht zu sehen. Stattdessen setzt CBS offenbar auf kurze Clips, online-exklusive Produktionen und ein paar alte Kamellen, für die sowieso niemand bei Google oder iTunes Geld ausgeben würde.

Flash als Streikbrecher
Zugegeben: Youtube ist nicht der einzige Grund dafür, dass sich die Großen des Fernsehgeschäfts plötzlich an kostenlosen Serienfolgen im Netz versuchen. Fernsehfans verdanken die Streaming-Portale nicht zuletzt auch diversen Gewerkschaften, die sich in Hollywood für Schauspieler, Drehbuchschreiber und Produzenten einsetzen. Wer diese merkwürdige Konstellation verstehen will, muss sich ein bisschen mit der Vergangenheit Hollywoods beschäftigen.

Als Anfang der Achtziger die ersten kommerziellen VHS-Tapes auf dem Markt erscheinen, spielten die Hollywood-Studios Pessimisten. Ihre Argumentation verlief ungefähr so: Die Produktionskosten sind ruinös. Die Gewinne praktisch nicht vorhanden. Und überhaupt: Wer will sich schon Filme auf seinem billigen Fernseher im Wohnzimmer anschauen? Das wird sich nie durchsetzen. Hollywoods Angestellte schluckten diese Argumente und ließen sich mit minimalen Beteiligungen am Heimvideo-Markt abspeisen.

Dummerweise hat sich daran seit VHS kaum etwas geändert. Jetzt wollen die Studios die gleichen Formeln auch auf iTunes-Downloads ausweiten. Für alle beteiligten Schauspieler einer Serie hieße dies, dass sie pro kostenpflichtigem Download zusammen gerade mal 1,25 Cent bekämen. Den Gewerkschaften passt das gar nicht. Und während man die Einführung der DVD stillschweigend hinnahm, soll jetzt um Download-Rechte gekämpft werden. Schon macht das Wort von einem umfassenden Streik in Hollywood die Runde.

Flash-Portale könnten in diesem Zusammenhang als effektiver Streikbrecher fungieren, da sich damit das Problem der Verkäufe komplett vermeiden lässt. Erste Verträge für werbefinanzierte Handy-Streams sehen zudem eine höhere prozentuale Beteiligung der Schauspieler vor. Damit kann Hollywood seine DVD-Tantiemen beibehalten, seine Angestellten besser bezahlen – und alle sind glücklich. Oder?

Netzwerk gegen Netzwerk
Nicht ganz. Ärger macht sich nämlich auch unter den lokalen Sendepartnern der großen Studios breit. In den USA besitzen Firmen wie ABC oder NBC nicht in jedem Ort einen eigenen Sender. Stattdessen liefern sie ihre Programme an ein Netzwerk von Vertragspartnern, die Alias und Lost mit eigenen Shows und Nachrichtenblöcken zu einem lokalisierten Programm zusammenstricken. Das klappte so lange gut, wie Serienfans sich ihre wöchentlichen Updates über den Fernsehschirm besorgten. In Zeiten von iTunes, Innertube und Bittorrent sind die lokalen Sender jedoch die größten Verlierer.

Die großen Studios haben für dieses Problem noch keine rechte Lösung gefunden. Einige überlegen, ihre lokalen Vertragspartner an Online-Einnahmen zu beteiligen. Andere scheuen sich aus diesem Grund, überhaupt Shows online verfügbar zu machen. Hardliner wiederum argumentieren, die lokalen Stationen sollten doch froh sein über die zusätzliche Werbung.

Das Dilemma der Studios wird von anderen als Chance begriffen. So hat AOL im März damit begonnen, alte Shows wie Babylon 5 als kostenlose Streams ins Netz zu stellen. Yahoo wiederum bastelt fleißig an seiner eigenen Fernseh-Strategie. Anfangs hatte das Unternehmen noch vor, jede Menge Online-exklusive Sendungen zu produzieren. Mittlerweile hat Yahoo jedoch begriffen, dass es spannendere Dinge gibt, als zweitklassigen Seifenopern und Talent-Shows Konkurrenz zu machen.

Ende April erschien die kostenlose Videorecorder-Software “Yahoo Go TV” für Windows. Der Name ist grammatisch vereinfachtes Programm: Es verbindet Inhalte des Yahoo-Portals mit einer klassischen digitalen Videorecorder-Software. Damit lassen sich Fernsehshows automatisch auf die Festplatte bannen, während man über Yahoos Videosuche Clips aus dem Netz anschaut.

Yahoo Go TV erinnert damit ein bisschen an den in den USA so populären digitalen Videorecorder Tivo, der ebenfalls den Zugriff auf Yahoo-Inhalte ermöglicht. Tivo kann allerdings noch mehr: Im Rahmen eines Testlaufs bietet die Maschine ihren Nutzern das Abonnement des Rocketboom-Podcasts an. Tivo-Nutzer mit Breitband-Anschluss finden ihre aktuellen Rocketboom-Episoden ganz gleichberechtigt zwischen ihren Lost- und Alias-Aufnahmen.

Während sich die großen Studios langsam ans Netz gewöhnen, schafft Tivo damit den Sprung zurück zum Fernseher. Und zeigt, dass es heute kein TV-Netzwerk mehr braucht, um Inhalte auf die Mattscheibe zu zaubern. Yahoo Go TV dürfte ähnliche Funktionen bald auf Media-Center-PCs verfügbar machen. RSS erreicht damit das Wohnzimmer und Video-Podcasts werden zumindest potenziell massenkompatibel. Hoffen wir mal, dass die Jungs in Hollywood derzeit auch fleißig mit ihren Tivos rumspielen. Bei Youtube hat der Lerneffekt ja schon prima geklappt.

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Elektronische Lebensaspekte.