Die englische Crew um Roots-Manuva-Produzent Wayne Bennett schließt HipHop an seine jamaikanischen Wurzeln kurz – und die Hörer in die Produktion mit ein.
Text: Eric Mandel aus De:Bug 95

Von Insel zu Insel

Anderthalb Jahre ist es her, dass Lotek sich mit einer Mini-LP auf Big Dada erstmals zu Wort meldeten. Tief und weise wie ein Scientist Dub und dabei so frisch und alles andere als Lo-Tech, so ruff und gleichzeitig hochmusikalisch klang das, so dass manch einer glaubte, Ward 21 werden jetzt von Quincy Jones produziert? Geschmeidige Wechsel zwischen den tief grollenden Stimmen der Rapper Lotek und Aurelius, den zupackenderen Raps von Earl J und der samtweichen Stimme von Sänger Wayne Paul. Nachdem die Identität geklärt war, Chefproducer Lotek a/k/a Wayne Bennett als Teilzeitproducer von Roots Manuvas triumphalsten Momenten und Regisseur seiner Liveshows identifiziert war, blieb nur noch die Frage: Wann kommt das Album?

Die Antwort ist: jetzt. Endlich. Als das Team der Berichterstatter sich durch den Einbahnstraßendschungel Birminghams wurschtelt, pumpen aus dem Autoradio bereits die Bässe von “Mixed Blessings”. Die Produktion ist von kristalliner Klarheit, Streicher und Klarinetten liefern die Akzente der Arrangements, die von Roots Reggae über Soca, Uptempo-Beatboxing bis zum Dreivierteltakt ein beachtliches Spektrum abdecken. Überreicht wurde uns die CD vor zwei Tagen in einem fensterlosen Raum einer unscheinbaren Gewerbeimmobilie südlich der Themse, der als Büro von Big Dada Records fungiert. Das schuhkartongroße Teil hätte in Loteks Studio noch locker neben der Kochnische Platz gehabt. “Ja, bei Big Dada sind sie ein bisschen neidisch auf den Platz, den wir hier haben”, grinst Wayne Bennett, als er uns durch die weitläufigen Räume des umfunktionierten Warehouse führt. “Das ist Birmingham. Kein Stress, guter Vibe … und niedrige Miete.” Dabei ist er Enge gewohnt: Die Anfänge von Lotek Hifi liegen unter dem Hochbett des Roots-Manuva-Managers. Dort entstanden auf engstem Raum die ersten Beats für Mr. Manuva, und dort schälte sich aus dem emsigen Kommen und Gehen der jungen Dachse, die sich auf Loteks Beats versuchten, die Mannschaft von Lotek Hifi heraus.

Deren zweites Vollmitglied, der Rapper und Texter Aurelius, ist gerade aus London zu Besuch, um sich von Wayne einen Crashkurs in Reason geben zu lassen. Der wird nun unterbrochen für ein einstündiges Interview, in dem ein kiffender Lotek zu voller Quasselstrippenform aufläuft, während das Kraut auf Aurelius eher kontemplationsfördernden Einfluss hat. Dessen Resultat kommt erst dann zum Klingen, wenn der Chef mal eben zum Telefonieren den Raum wechselt. Wayne Paul weilt derzeit leider auf dem Kontinent. Im Hintergrund dubbt sich King Tubby eins, während Wayne Bennett die Philosophie von Lotek Hifi erläutert, wie sie unter dem bewussten Hochbett entwickelt wurde. “Zunächst gab es keine richtige Idee, nur dass ich wusste, was ich nicht machen wollte: den üblichen HipHop. Ich hasse diese Routine, den Rapper der Stunde mit dem Beat der Stunde zu kombinieren. Beatmacher und Vokalist müssen sich gegenseitig fordern, sich gegenseitig eine Freude machen wollen. Aber in der Regel kaufen die Plattenfirmen einen Neptunes-Beat und weil er so teuer war, müssen die ihn benutzen. Und dann kommt dieser Grütz raus, der sich bei näherem Hinhören so dünn wie Papier anhört. Hör dir dagegen so einen Tubby-Mix an! Homegrown from the foundation. Ich selber bin halber Jamaikaner, also war da schon ein London/Jamaika-Aspekt in meiner Kultur, bevor ich auch nur gerappt habe. Drum and Bass hat das dann noch gefestigt, denn es ist ja auch eine Extension von Reggae: Dub mit Uptempo HipHop-Beats.” “Sogar bei HipHop selbst war Dancehall-Culture entscheidend”, wirft Aurelius ein: “Kool Herc war Jamaikaner.” Wayne nimmt den Faden auf: “Das ganze DJ-Prinzip, die Blockparties, das kommt von der Insel. HipHop ist also eigentlich jamaikanisch, wir haben einfach den Mittelsmann weggecuttet. Wir haben den direkten Weg von Jamaika nach England nachgezeichnet, mit nur einem Auge auf die USA.”

Digital in Jamaika
Im Gegensatz zum nitty gritty vintage Sound der jamaikanischen Klassiker zeichnet sich Lotek Hifi durch eine strahlende Digitalität aus, die sich wie ein High-Tech-Mantel auch um die zahlreichen Instrumente legt. Cyber Roots! Die einzigen Samples von Platte sind die einleitenden Worte von Deejay Dr. Alimantado, der Rest wurde im Studio aufgenommen und durch Loteks Produktionsmaschine gezogen. Zeit für den Producer, eine (gekürzt wiedergegebene) Hymne auf die Software anzustimmen: “Ich benutze Cubase, yeah. Ich hab’s mit Logic versucht, aber kam nie rein. Ich bin seit den Atari-Tagen auf Cubase, hab’ mich vor 15 Jahren entschieden und bin durch alle Versionen dabeigeblieben. Heute ist Cubase eine Extension meines Körpers. Ich muss nur denken: Ich will den Part kürzer, und er wird kürzer, ohne dass ich über die Prozesse nachdenken muss.” Dafür vertieft sich Lotek in jede Problemstellung mit einer Hingabe, die seine Partner zur Verzweiflung, respektive: an die Playstation treibt. Aber selbst der notorisch ungeduldige Roots Manuva machte die Tiefenschärfe, die Lotek in den kreativen Prozess einbringt, mit verantwortlich für die Qualität seines letzten Albums. “Es ist unglaublich, er ist der beste Producer des Landes”, schmunzelt Aurelius, “aber dafür hängt er mitunter stundenlang an einem Streicherloop!” “Yup”, kommt es aus der anderen Ecke: “Die Strings auf Showdown haben mich drei Tage gekostet. Es basiert auf dem Spiel eines Mädchens, das ich auf 48 Spuren vervielfacht haben, damit es wie ein Orchester klingt. Aber sie spielt eine elektrische Violine, und das klingt einfach nicht wie ein Orchester. Also musste ich jede Spur equalizen und kleine Unregelmäßigkeiten einbauen, damit es eben wie ein Sammelsurium von Streichinstrumenten klingt, sie ein bisschen tunen, plus Nebengeräusche und Reverb, verschiedene Dämpfungen … ich weiß, es ist verrückt, niemand merkt das am Ende, aber es macht mich glücklich.” So wurden im Verlauf der Monate aus 100 Sessions 100 Vibes, die dann in ständigem Permutationsprozess und dank der ausdauernden Kreativität von Sänger Wayne Paul und seinem langjährigen Texter Aurelius zu atmosphärischen, größtenteils dunkel schattierten kleinen Meisterwerken in Wort und Sound verdichtet werden. Lotek kommt vokaltechnisch vom HipHop, kultiviert aber seinen jamaikanischen Einschlag, Aurelius Ausbildung erfolgte auf unzähligen Drum-and-Bass-Parties und Wayne Paul stellt mit seinen Gesangslinien die Verbindung zu den großen Stimmen des Reggae her. Als Gäste machen Roots Manuva, Ex-Mitglied Earl J und das Big-Dada-Talent Sandra Melody – die Stimme von Diplos “Newsflash” – den Braten mehr als fett.

Und doch schreit das Album förmlich nach einer Dub-Version, um die Grooves und herzzerreißenden Harmoniewechsel noch tiefer zu erkunden. Wayne Bennett hat für diesen Gedanken größtes Verständnis, da er alle Ideen bejammert, die notwendigerweise auf der Strecke bleiben. Aber er weiß noch einen besseren Weg, die Vorgänge unter der Oberfläche hörbar zu machen. Die CD-Version der Roots-Manuva-Single “Too Cold” enthält einen kleinen Mehrspurplayer zum DIY-Mixen alternativer Tracks. Lotek ist hin und weg von diesem Tool: “Verschiedene EQs, verschiedene Gitarren, Breaks, Basslines – du kannst deinen eigenen Remix machen. So kannst du den Song eine Million Mal hören, und er ist immer anders! Ich hab mit den Leuten gearbeitet, die die Software herstellen, und will auch so eine Version der Platte machen, wo wir all die verworfenen Versionen der Tracks wieder aufnehmen können, und dann kannst du dir deine eigene Lieblingsversion machen!” Achtung, historischer Moment: Lotek Hifi haben nicht nur einen außergewöhnlichen Blend aus HipHop und Reggae zu verantworten. Möglicherweise öffnen sie auch einen Weg für die Dub- und Versioning-Tradition ins digitale Zeitalter. In jedem Club, auf jeder Radioshow ein anderer, direkt vom DJ editierter Mix desselben Tunes, jeder Head hat seine hausgemachte Version auf dem iPod. Kreativität für alle! Langeweile wäre da erst mal kein Thema mehr.

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Elektronische Lebensaspekte.