Kennt ihr etwa nicht die Band "Apoptygma Berzerker"? Die 22-jährige Wahl-Londonerin Lotta Skeletrix hört sie, wenn sie ihre Gothic-Kollektionen entwirft. In London versteht ihren Humor gerade jeder.
Text: Nikolaj Belzer aus De:Bug 104


Gothic mit Gag
Lotta Skeletrix

Lotta Skeletrix ist einer der Gründe dafür, dass die i-D in ihrer Juni/Juli-Ausgabe eine Fotostrecke aufs Cover bringt, die ausschließlich Accessoires und Kleidung von Dior verwendet, aber, lässt man mal die Glitzer-Augenbinde weg, ganze klare Bezüge aus der Gothic- und Death-Metal-Szene verwendet und diese mit dem Untertitel ”Fashion has no mercy“ versieht. Dunkle Stoffe auf weißer Haut, hauptsächlich weit geschnittene, fast schon Arbeitskleidung, all das stets mit einem Schuss Blut versetzt. Seit Lotta ihre ersten Shows während der Pariser und Londoner Fashion Week im letzten Jahr gezeigt hat, entwickelt sie sich zum neuen Design-Star einer Modeszene, die gerade verstärkt mit Gothic anbändelt.

Mit 17 Jahren ist Lotta aus Wladiwostok nach London gekommen, um am St. Martin’s College Fine Arts zu studieren und später abzuschließen. Jetzt ist sie 22 Jahre jung, macht einen sehr fröhlichen Eindruck und ist vor allem unglaublich auf dem Boden geblieben. ”Warte vor dem Astoria auf mich; ich hol dich da ab, dann gehen wir irgendwo in Soho einen Kaffee trinken“, schallt es aus meinem Handy. Mehr als 20 Stunden später sitze ich mit Lotta in einem Tee-Haus um die Ecke von Tottenham Court Road. Es ist 12 Uhr am Samstagvormittag; man ist alles andere als frisch, aber guter Dinge. Lotta: ”Ich bin damals ursprünglich gekommen, um zu studieren. Aber ich war immer schon interessiert an London, weil es so voll mit verschiedenen Subkulturen ist. Viele davon haben ihren Ursprung in London. Es ging hier immer um junge Leute, die rausgehen und das machen, was sie wollen. Dabei war ich auf diesem Metal-Trip und es gibt eine Menge Metal-Bands aus London. Was die Mode angeht, ist London immer schon ein bisschen unverschämter gewesen.“
Trotzdem fragt man sich, wie eine junge Teenagerin im fernen Wladiwostok am Pazifik direkt zur Mode und vor allem zum Metal kommt. Ohne Zweifel ist das nicht gerade das Kulturbild, das einem in Westeuropa vorschwebt. ”Ja, das ist witzig, aber Wladiwostok ist eine der Städte, die immer schon irgendeiner Art von westlichem Einfluss ausgesetzt waren. Vor allem wegen des Hafens gab es immer schon Einwirkungen aus Japan, Korea und des jenseitigen Amerikas; selbst in den 80ern und frühen 90ern. Hinzu kommt, dass mein Vater ein Kapitän war und ich einen älteren Bruder habe, der sich mit allen möglichen Dingen beschäftig hat.“ Und obwohl sie in den fünf Jahren London nur ein einziges Mal zu Hause war, ist der russische Einfluss in ihren Arbeiten stets präsent. ”London ist mein Zuhause, aber ich fühle mich selbst immer noch total russisch und in keiner Weise englisch. So versuche ich das auch in alle meine Arbeiten hineinzubringen.“

Einfluss vom anderen Ende der Welt
Schließlich ist es auch dieser Mix, der ihre Entwürfe so interessant macht. Das ist nicht einfach nur eine Avantgarde-Kopie der Gothic-Kultur, deren Präsenz sie vor allem in Deutschland so sehr schätzt. Gerade an Farben und Details lässt sich erkennen, dass das Label Lotta Skeletrix eben aus dem Bruch zwischen der dunklen und der humorvollen Seite, aus dem Gegensatz zwischen Ost und West seinen Reiz zieht: ”Ich glaube, eine gewisse Form von Humor ist sehr wichtig. um verschiedene Seiten eines Aspekts zu erforschen. Das macht meine Kollektionen ja gerade interessant. Es ergibt doch keinen Sinn, einfach irgendeinen Gothic-Look rauszubringen, da kann ich auch nach Camden fahren, wenn ich mir das angucken will. Mir ging es immer darum, die verschiedenen Einflüsse zu mischen, an die ich irgendwann einmal geraten bin.“ Nach einer relativ wilden Anlaufphase der Entwürfe wurde der eigene Hintergrund zum zentralen Thema. ”Die zweite Kollektion für Herbst/Winter 2006 habe ich im Januar in Paris gezeigt. Hierfür war ich in erster Linie daran interessiert, dahin zurückzugehen, wo ich herkomme, und das mit dem zu mischen, was mich im Moment interessiert. Es ist auch eine Mischung innerhalb der russischen Kultur mit viel Prä-Perestroika-Einflüssen, gerade der Zeitpunkt, als viele Einflüsse von außen nach Russland kamen. All das aber immer in einer sehr komischen russischen Art und Weise. Komisch, weil es auf der einen Seite sehr 80er und auf der anderen wieder sehr 90er ist. Es ist sehr gothic und gleichzeitig sehr white-trash. Ich benutze viele Jacken und Hosen in Übergröße. Und dann wieder Zeug, um das Ganze härter zu machen. Zum Beispiel viel Gummi oder Kautschuk, ich stehe total auf Gummi, weißt du.“ Diese Liebe für Details hat sich aber auch schon in ihrer ersten Kollektion angedeutet, die sie vor ca. einem Jahr in London bei der ersten, zum Großteil selbst finanzierten, Show zeigte: ”Damals bin ich noch mehr auf Hardcore-Musik abgegangen, sehr grob und auf geraden Formen basierend, so ein bisschen wie Skateboard-Klamotten; Obendrein gibt es aber noch sehr eigene Ansätze an demselben Stück. Dieses Handwerker-Ding mag ich – seinen eigenen Weg finden, etwas zu tun. Sehr viele Stücke sind unheimlich kompliziert, weil sie mit vielen Kleinigkeiten an der Oberfläche versehen sind. Diese erste Kollektion ist wirklich ‘Couture’ auch dahingehend, dass man teilweise zwei Tage an einem einzigen Stück sitzt.” Die Tatsache, dass ihre Entwürfe gerade im Moment so angesagt sind, wundert sie. Schließlich war dieser dunkle Gothic-Ansatz, der nicht zufällig oft an die frühen Neunziger, die Jahre der russischen Öffnung nach Westen erinnert, immer schon ihr Ding. Dabei sind die ersten beiden Kollektionen ohne Frage sehr unterschiedlich. Die nächste Kollektion (Sommer 2007) soll ”die Ideen aus den ersten beiden zusammenbringen und vereinen“.
In Deutschland bekommen wir diese Sachen schon im Juli auf der IDEAL Modemesse in Berlin zu sehen, von deren inhaltlicher Konzeption Lotta ganz begeistert ist: ”Ich schätze die Organisatoren dafür, was sie da machen. Ich glaube, sie versuchen wirklich Mode und vor allem junge Designer in Berlin zu pushen. Weil natürlich mit Bread&Butter und Premium auch wesentlich mehr Mode in Berlin stattfindet. Aber diese beiden Veranstaltungen sind wesentlich kommerzieller als zum Beispiel die IDEAL. Und (kurze Pause), ich lege sogar auf der After-Party auf, ich freue mich wirklich richtig darauf. Ja, wir legen zusammen mit Wendy & Jim aus Österreich auf. Kennst du die? Die sind echt witzig.“ Auch in London betätigt sich Lotta des öfteren mal nebenbei als DJ. ”Musik ist sehr wichtig für mich. Sie beeinflusst mich unheimlich und ist andersrum von großer Bedeutung für alles, was ich sonst mache. Im Moment stehe ich total auf Gothic, was nicht wirklich viel bedeuten muss; Gothic heißt da eher dunkle Musik. Ich mag EBM (Electronic Body Music), Industrial, ein paar ältere Sachen. Außerdem diese witzigen trashy Bands aus Deutschland wie Wolfsheim (lacht). Bei Gothic stehe ich im Moment total auf diese Band mit Namen ‘Apoptygma Berzerker’. Aber das ist wirklich so ne Phase. Und natürlich Punk in den frühen 80ern. Ich mag’s härter wie z.B. bei (überlegt kurz) … ‘Neubauten’? Oh Gott, das Wort sage ich jetzt nicht, da mach ich mich nur lächerlich (lacht).“ Neuer Versuch: ”Einstuerszente Neubouten…., die sind experimentell, so ein bisschen industrial, aber gleichzeitig in ganz verschiedene Richtungen.“ Die Liebe zur Musik ging schon so weit, dass Lotta sich in ihren ersten Jahren in London (mit 17!) als Party-Veranstalterin betätig hat: ”Als ich nach London kam, war ich ziemlich in das ganze Electronic-Ding involviert. Damals nannte man das Electro-Clash, um es direkt zu sagen. Ich traf diesen Typen, der einen Club namens ‘Cash Point’ betrieb, da ging es um so ‘ne Art 80s-Revival. Das findet immer noch statt, aber ich habe das Projekt vor drei Jahren verlassen. Zu Beginn war es wirklich experimentell und wir haben versucht, ein wenig die Grenzen von verschiedenen Musikstilen zu sprengen; auch in der Hinsicht, was man im Club spielen kann und was wieder nicht.“ Ohne Frage fungierte die Musik so auch als Einstieg in die Modewelt: ”Ich glaub,e ich hatte damals auch echt Glück. Denn es war der richtige Ort zur richtigen Zeit und ich war einfach an den richtigen Dingen interessiert, wenn man so will. Damals bin ich in Clubs wie ‘Trash’ oder ‘Nag Nag Nag’ gegangen. Viele Mode-Leute sind da auch hingegangen und so kam alles zusammen.“ Im Rückblick sieht sie ihre Heimat auch nicht unkritisch. Natürlich schaut sie ab und zu, was z.B. in Moskau passiert: ”Hmm, also die arbeiten hart (lacht …). Ich meine, die probieren viele Dinge aus im Moment, ich bin mir aber nicht so sicher, wie sehr sie daran interessiert sind, ihre eigene Identität zu bewahren.“ Identität, kulturelles Erbe, diese Dinge sind von großer Bedeutung für Lotta und sie schafft es, diese mit neuen, aktuellen Erfahrungen in ihren Entwürfen zusammenzubringen.

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Elektronische Lebensaspekte.

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