Text: david hudson aus De:Bug 01

There is no Government like No Government

Der Wired Gründer Louis Rosseto redet über die Cyberliberalisten Agenda mit David Hudson

David Hudson:
Ich möchte zur Einstimmung erst mal aus einem Satz meiner frühen Notizen zitieren: “Wired ist jeder Glaubwürdigkeit beraubt, ausser vielleicht der ein Hochglanz-Handlanger für “out-of-whack” Liberalisten zu sein.” Und, um es ein wenig glanzvoller zu machen, das neben die Einschätzung des frühen Wired Mitarbeiters Mark Dery stellen, der letztes Jahr (in Educom Review) Wired als “eine Kanzel für klüngelnde Futuristen, lassez-faire Evangelisten und die Propheten der Privatisierung” beschrieb. Ich denke, was viele Leute an Wired so wurmt ist, daß es enorm erfolgreich war, im wahrsten Sinne des Wortes ein Kulturgut geworden ist, indem es nicht nur den George Gilders und Alvin Tofflers dieser Welt eine Plattform gab, sondern tatsächlich als deren Sprachrohr diente. Und ich ich denke genau diese Leuten haben jetzt den Eindruck, daß ihnen das Netz aus den Händen gleitet. Sie spüren diese überhastete Evolution des Netzes jenseits jeder Möglichkeit der Kontrolle oder Beeinflussung von einem Potential einer Struktur des Von-vielen-für-viele, hin zu dem alten, dem von oben diktierten, hierarchischen Medienmodell.

Louis Rosetto:
Wired hatte es nie darauf angelegt zum Held zu werden. Alles was wir wollten, und immer noch wollen, ist über die Zukunft die ständig ankommt zu berichten. Der Wired-Leitspruch ist heute der gleiche wie zum Zeitpunkt als die Zeitung entstand. Wir glauben heutzutage immer noch genau so fest an Mitch Kapor’s Vision einer “jeffersonian democracy in cyberspace”, wie zu dem Zeitpunkt als wir sie im ersten Wired Jahr veröffentlichten. Wir haben sehr hart für die Freiheit im Cyberspace gekämpft, IDG und Ziff, die New York Times und Mother Jones haben das nicht. Und wir haben uns von keinem Abhängig gemacht.
Wired berichtet über die Welt die wirklich da draussen ist, nicht über die wie sie die PC Linken oder die Christliche Rechte gerne hätte, und nicht über die an die uns eine zyische gedankenlose Medienverzerrungsmaschine glauben lassen möchte, sonder über die Welt die grade jetzt auftaucht. Diese Welt ist mitten in einer tiefen Revolution, deren Motor nicht verachtungswürdige politische Ideologien sind, sondern Leute die konvergierende Technologien zur Lösung von Problemen benutzen, und neue Möglichkeiten in ihrem geschäftlichen und privaten Leben schaffen. Das ist die eine überwältigende Tatsache unserer Zeit. Das zu verneinen heißt in einer Fantasie zu leben, die beschaffen ist wie eine gesellschaftliche Patentlösung aus dem 19Jahrhundert, oder noch älter, und schon an Religion grenzt. Ich glaube nicht an Religionen.
Diese neue Welt charakterisiert sich durch eine neue globale Ökonomie, die in sich anti-hierarchisch und dezentral ist, und die nationale Grenzen, die Kontrolle von Politikern, Bürokraten und Machtmogulen unterläuft. Und durch ein globles vernetztes Bewußtsein das eine neue Art Demokratie schafft um einen sozialen Konsens zu erreichen, der die bankrotte Wahlpolitik die wir letztes Jahr erleben durften in eine Sackgasse treibt. Diese beiden Faktoren drehen sich nicht um eine Kontrolle von oben, die noble oder selbstsüchtige Ziele hätte, sondern um einen globalen “schwärmenden” Geist, der zu einer neuen, spontanen Ordnung führt. Wired geht es nicht darum das soziale Denken des 19ten Jahrhunderts wiederzukauen. Leute die das wollen sollen sich die die “NAtions” oder Nationalen Reviews der Welt ansehen. Davon gibt es viele. Ich würde sogar so weit gehen zu behaupten, daß der Rest der Medien genau an diesem Platz festsitzt. Wired redet über eine ausbrechende Zukunft. Ökonomen, Philosophen, Künstler, Wissenschaftler, Technologen und Businessleute, und, ja, auch Gilder und Toffler reden über diese Zukunft, und wir berichten über sie.
Wenn es Linke gäbe die neue orginelle Ideen über die Zukunft hätten, würden wir auch über sie berichten. Aber die traurige Wahrheit, und “traurig” ist in diesem Zusammenhang ein Wort das ich auch wirklich so meine, ist daß es nicht viele davon gibt.

DH: Tatsächlich? Die Mailinglisten bei denen ich subscribed bin scheinen voll davon zu sein. Und, um fair zu sein, viele der Leute darin arbeiten bei Wired oder Hotwired. Wahrscheinlich eine stumpfe Frage, aber ich muß es einfach fragen: Verfolgst du die neuen Ideen auf der linken Seite des Zauns, genau so aktiv wie die auf der anderen, der der Liberalisten?

LR: Geschichten für Storys in Wired kommen aus zwei Quellen. Interne und externe. Die Meisten der Ideen aus denen Geschichten werden kommen von aussen. Wenn du eine Idee hast, schick sie uns. Das Medium (das Netz) entwickelt sich immer weiter, wie es das seit dem Tag getan hat an dem das erste Byte da durch ist. Wenn du denkst das die Corporates irgendeine Ahnung haben was da los ist, daß sie kontrollieren können was passiert, dann frag doch Microsoft wie es geschehen konnte, daß Netscape sich zur am schnellsten entwickelnden Softwarefirma der Geschiche entwickeln konnte.

DH: Und wie Microsoft, als sie einmal deren faulen Atem gerochen haben, angefangen haben Netscape zu jagen, wie eine Schmeißfliege auf ihrem Kuchen.

LR: Es ist volkommen unklar wie die Microsoft/Netscape Geschichte ausgeht, und wer es weiß könnte ein verdammt reicher Mann werden. Netscape wird nicht verschwinden, und Microsoft haben sich vielleicht schon mehr in den Mund gesteckt als sie verdauen können.
Das Netz ist, und wird es auch bleiben, ein Medium von vielen für viele. Hierarchische Medienmodelle werden nicht funktionieren. Und sie existieren im Netz nicht. Es gibt keine drei großen Networks, es gibt 500.000 Web Seiten. Du brauchst nicht mit dem Programmdirektor von NBC zu sprechen um Rewired ins Netz zu legen. Alles was du tun musst ist einen Computer besorgen und den Zugang zum Netz bezahlen. Ein Preis der, verglichen mit dem was es kostete eine Zeitung zu drucken, und die Distributionskanäle auszuarbeiten, gering ist. Leute die von einer Ankunft der Kontrolle von Oben reden wissen einfach nicht was sie sagen.

DH: Die traurige Ironie in der sie das allerdings tun, ist die, daß die Stimme dessen, was wir für unsere “Revolution” hielten, uns sagt, die da oben ihr Ding tun zu lassen auch wenn sie ausser Kontrolle geraten.

LR: Die traurige Ironie ist doch wohl, daß die Gruppe der Leute die immer “Power To The People” gerufen haben, den Leuten nicht trauen, und daran festhalten daß es notwendig sei die Revolution zu kontrollieren, obschon es immer unmöglicher ist.
Denn die Realität ist doch, daß die Revolution ausser Kontrolle ist. Und je mehr sie ausser Kontrolle ist, desto besser. Die da oben drehen nicht durch, wie jeder, der ein bischen Zeit darauf verwendet hat mit den sogenannten “Medien-Leadern” zu sprechen weiß. Und wenn dann vor Angst. Niemand weiß wie das Netz in 6 Monaten aussehen wird, und noch weniger wie es in 5 Jahren sein könnte. Und je grösser die Firmen, je mehr sie “oben” sind, desto weniger Ahnung haben sie davon. Nein, diese Obsession der Leute da oben die “durchdrehen” ist doch eine charakteristische Knieficker Reaktion der Linken, wie immer wenn sie mit dem Gedanken der Freiheit konfrontiert werden. Auf die gleiche Art wie die Knieficker Reaktion der Rechten die der Kinderpronographie ist, wenn sie an die Freiheit denken. Beide Obsessionen sind doch Produkte der dunklen Ecken rechter, respektive linker Psyche. Einerseits, daß die Erfolgreichen weiter erfolgreich sein könnten, andererseits, daß überhaupt irgendjemand Spaß haben könnte. Und, sorry, aber beide liegen falsch. Und keiner von ihnen wird einen Platz in Wired haben.
Wenn die “Linken” tatsächlich einen Einfluß auf den Ausgang der Revolution haben wollen, dann sollten sie aufhören das Unvermeidbare zu bekämpfen. Sie sollten erkennen daß, genausowenig wie die Erde das Zentrum des Universums ist, der Staat nicht der Motor sozialer Veränderung sein wird. Sie sollten all das bashen der Cyber-Liberalen, die vermutlich ihre Verbündeten sind, im Kampf gegen die existierende Ordnung, vergessen, und ihre Wurzeln wiederentdecken. Sie sollten damit beginnen eine wirklich fortschrittliche Vision der Zukunft zu entwickeln.

DH: “Out Of Control”. Kevin Kelly hat tatsächlich ein Set faszinierender Ideen geliefert. Wie antwortest du gegen die Vorwürfe des Sozialdarwinismus, den viele darin sehn.

LR: Ich würde sagen, zieht euren Kopf aus dem 19ten Jahrhundert und seht euch um. Kevin beschreibt wie die Welt zur Zeit ist. Nicht die Art wie soziale oder religiöse “Creationists” glauben würden daß sie ist. Er sagt daß die Technologie biologisch wird, und die Biologie technologisch. Was absolut wahr ist. Den Wetteransager für das Wetter verantwortlich zu machen ist doch einfach dumm.

DH: Würdest du so weit gehn, wie die “Techno-Transzendentalisten” (Tushkoff, Barlow)? Werden die die beiden Bereiche tatsächlich in einen einzigen globalen Geist münden?

LR: Vor 50 Jahren redete Teilhard de Chardin von elektronischer Technologie als Teil der Evolution, der Evolution der Erde die sich selbst mit einem Hirn bekleidet. Ich denke die Metapher ist ziemlich treffend. Ein einziger globaler Geist? Vielleicht nicht mehr als daß es ein einziges menschliches Gehirn in unseren Schädeln gibt. Wir haben allerdings alle die verschiedensten “Geister”, die miteinander verhandeln. Was sich allerdings zu entwickeln scheint, ist eine Art globalen Bewußtseins, das sich aus Diskussionen, Verhandlungen und geteilten Gefühlen von Individuen bildet, die an Netzwerke über “Hirn-Apparate” wie Computer angeschlossen sind. Je mehr Geister sich verbinden, desto kraftvoller wird dieses Bewußtsein sein. Für mich ist das die reale digitale Revolution. Nicht Computer, nicht Netzwerke, sondern Hirne die sich mit Hirnen connecten.

DH: Könnte sich das Netz von dem demokratischen Modell wegentwickeln?

LR: Alles kann passieren. Aber zur Zeit gibt es keine Zeichen die darauf hindeuten würden. Was grade passiert ist, daß der Handel im Netz ankommt, so wie er überall auftaucht wo sich Menschen sammeln. Ich denke nicht, daß das schlecht ist. Leute die das für eine schlechte Idee halten sollten das wohl erst mal erklären, und nicht einfach in die üblichen, und absolut scheinheiligen Reaktionen gegen alles Kommerzielle verfallen.

DH: Scheinheilig in welcher Hinsicht?

LR: Weil Kommerz dem menschlichen Leben absolut inhärent ist. Jeder tut es. Und jeder muß ein Teil davon sein um zu überleben. Selbst der Unabomber musste einkaufen gehn. Es wie Heresie zu behandeln, so zu tun als gäbe es da draussen eine heile, reine Welt die das Kommerzielle verletzen würde, während man zur gleichen Zeit, in der ein oder anderen Weise davon und darin lebt, das ist scheinheilig.

DH: Ok, dann hier meine Hauptfrage. Du sagst daß Wired weder rechts noch links ist, sondern etwas neues repräsentiert, eine dritte Alternative. Das ist eine Aufregende und ansprechende Hypothese, offensichtlich, vor allem wenn die Wahlen, in ihrer “schmeißt die Penner raus”-Stimmung, jedes Jahr aufs neue zwischen diesen sehr begrenzenden Positionen hin und her schwingen müssen. Aber wie übersetzt man dieses “außer Kontrolle” sein in die Realität eines täglichen Handelns? Eines sich darum Kümmerns? Ist es nicht, zumindest bisher, einfach nur der weit geöffnete Markt der neuen Rechten in cybercoolen neuen Kleidern?

LR: Es gibt tatsächlich nur zwei Alternativen. Vertrau dem Universum, oder vertrau den Politikern und Bürokraten. Im Moment glauben die meisten Leute daran, daß Regierungen notwendig sind, und daß Wahlpolitik die höchste Form der Demokratie ist. Sie verwechseln sogar das eine mit dem andern. Und das mag ja auch, als diese Ideen einer Repräsentation des Volkes durch Politiker gegen die herrschenden Monarchien erfunden wurde, so gewesen sein. Diese Gleichsetzung von Wahlpolitik und Demokratie ist heutzutage allerdings völlig unzureichend. Die leute glauben daran daß Wahlpolitik Demokratie bedeutet, weil sie eine Gehirnwäsche hinter sich haben. So ist es, und nicht anders. Kinder wird in öffentlichen Schulen Geschichte gelehrt, was, genaugenommen heißt, die Geschichte des Staates, die einer bestimmten Sichtweise auf den eigenen Staat, und diese Ideen werden konstant von den Massenmedien und der generellen Struktur verstärkt. Was Demokratie in Amerika ist? Ein vierjährliches Schattenspiel, das mit Steuern bezahlt, von Politikern und Bürokraten nach ihren Interessen, und denen der ökonomischen Interessen und Interessenten die sie beeinflussen.

DH: Ein Zitat von Richard Sclove, dem Autor von “Democracy and Technology”: “Karl Polanyi, erklärte in “The Great Transformation” vor 50 Jahren, daß wahrhaft entfesselte freie Märkte, unbestreitbar ein menschliches und soziales Desaster sind. Sie erschüttern die Menschen, Kommunen und natürlichen Umgebungen in vernichtender Art und Weise, und haben immer dazu geführt, als Kompensation daß sie einfach den Dreck wieder wegmachen, um das Leiden ein wenig zu lindern.” Haben solche in Lektionen der Geschichte irgendeinen Einfluss auf das 21ste Jahrhundert?

LR: Auf dem untersten Level halten tausende von Leuten jeden Tag einen Volksentscheid über die Marktsituation. Sie entscheiden sich dazu ländliche Gebiete zu verlassen und in die Stadt zu ziehen. Entgegen der Grausamkeiten der Favelas, entgegen der Grausamkeiten am untersten Ende der sozialen Hierarchie zu landen, strömen sie immer weiter in die Städte, und damit auf den Markt. Sie tun es, weil sie eine Rechnung durchführen, und entscheiden sich, daß die Vorteile die Kosten überweigen, daß es ihnen besser gehen wird. Wenn Polanyi recht hätte würden die Massenmigrationen in die andere Richtung verlaufen. Veränderungen haben ihren Preis, keine Frage. Und massive Veränderungen haben einen ebenso massiven Preis. Die Welt, so wie wir sie kennen wird umgekrempelt. Es gibt eine Menge Dislozierung. Menschen werden verletzt. Aber, im Ganzen, profitiert die Gesellschaft davon. Es gibt einen Grund dafür warum es heute 5 Milliarden Menschen auf diesem Planeten gibt, und der ist nicht die schlaue Idee irgendwelcher Bürokraten oder Politiker.

DH: Das eröffnet irgendwie ein Faß ohne Boden. Wir könnten theoretisch über die verschiedensten Gründe von Migrationen in der ersten, zweiten, dritten und vierten Welt, wochenlang reden. Aber laß mich, stattdessen, einfach sagen, daß, als jemand der die rolle der freien Märkte in Gesellschaften zu schätzen weiß, sagen, daß ich diese Gedanken ziemlich beängstigend finde. Nicht nur sagst du, daß es OK wäre, daß ganze Völker entwurzelt werden und dazu gezwungen ihr Land zu verlassen (wo selbst im digitalen Zeitalter immer noch die Ressourcen liegen), und es in vollkommen überlasteten erschöpften Städten versuchen, sondern daß es der Markt wäre, der ihnen keine andere Wahl läßt. Ich weiß daß ich deine Worte etwas überstrapaziere, aber gibt dein Beispiel Polanyi nicht eher recht?

LR: Ich sage, daß die Menschen immer die Wahl haben. Ich bin viel durch die dritte Welt gereist. Viel von ihr liegt außerhalb einer Geld-Ökonomie, so wie seit Jahrtausenden. Und Menschen leben innerhalb dieser geldlosen Ökonomie so gut oder schlecht, wie eh und je. Mittlerweile existiert aber die Ökonomie in ihren Städten. Verwandte kommen zurück und erzählen davon. Und die Menschen entscheiden sich dafür in die Stadt auszuwandern. Die Stadt mag hart sein, aber nicht so hart daß sie kehrt machen und in die geldlose Ökonomie auf dem Land zurückkehren, weil ihnen das eher noch schlimmer erscheint. Da geht es nicht um Macht. Macht ist das was Jackson den Seminolen antat. Macht ist wenn Stalin entscheidet, daß die Wolgadeutschen entwurzelt werden sollen und in die Mitte Russlands getrieben werden. Macht ist das was die Serben den Bosniern antun. Die Migration in die Städte ist in den meisten dritte Welt Ländern eine Entscheidung auf Mikoleveln, was Leute für gut für sich selber halten.

DH: Lohnt es sich Minimallöhne beizubehalten?

LR: Ist Minimallohn ein religiöses Artefakt um das man kämpfen sollte? Wenn man Leute damit reicher machen könnte, daß man ein Gesetz dafür erlässt, warum erhöht der Congress die Minimallöhne nicht auf 20$ oder auf 100$? Weil, Überraschung, die Gesetze der Ökonomie noch auf ihre Aufhebung warten. Wenn man die Kosten von etwas erhöht, dann verringert man gleichzeitig den Konsum, so einfach ist das. Wenn man die Minimallöhne erhöht, dann haben die Glück die danach noch einen Job haben, und die, deren Job auf einmal redundat geworden ist, weil das Business die Kosten nicht mehr decken kann, sind arbeitslos.

DH: Was ist mit eurem positiven Aktivismus wie bei dem Ziel alle ans Netz zu bringen.

LR: Universeller Zugang zum Netz kann nur dann ein Issue sein, wenn man es in einer Umgebung will in der eine gewisse Art des Mangels herrscht. Haben wir einen unbeschränkten Zugang zu Luft, Wasser, Nahrung, Kleidern, Fernsehern? Nein, nur zu regulierten monopolisierten Communikationsservices. Die Zunehmende Versorgung mit Telekommunikationsmitteln senkt die Kosten des Zugangs so sehr, daß sich die ganze Bevölkerung einen Zugang zum Netz leisten könnte. Zugang ist kein Problem. Ich vergleiche es immer wieder mit Fernsehn. Hätten wir dafür votieren sollen daß man einen universellen Zugang zum Fernsehn hat? Zu Autos? Nein, denn obwohl sie zu Beginn auf Eliten reduziert waren, haben die Eliten dabei geholfen die Entwicklungskosten nach unten zu treiben, und damit den Weg für den Massenmarkt geebnet.

DH: Und was ist mit der Idee Schulen und öffentliche Plätze ans Internet zu bringen?

LR: Schulen sind obsolet. Wir sollten alles was wir können tun um Kinder von der Sklaverei des Klassenzimmers zu befreien. Nicht ihre Gefängniszellen vernetzen.

DH: OK, da stimme ich zu, aber wie soll die Erziehung in der Zukunft funktionieren?

LR: Denk mal an das Sprichwort: “Wenn die Schule die Aufgabe hätte uns das Sprechen beizubringen, dann wären wir eine Nation von Stummen.” Das meiste was wir lernen, lernen wir aus Neugierde, nicht weil wir in Klassenzimmern sitzen. Das meiste was wir lernen, lernen wir ausserhalb der Schule. Das meiste was wir in der Schule lernen ist wie wir uns der Hierarchie anpassen, und 8 Stunden am Tag auf einem Fleck sitzen bleiben. In anderen Worten: wie man ein guter Industriearbeiter wird.
Das ganze System, von oben nach unten ist obsolet. Man braucht keine Erziehungsfabriken. Man braucht Kinder nicht zu versklaven um ihnen etwas beizubringen.

DH: Gibt es einen Platz, eine Rolle die Regierungen einnehmen sollten, wenn, was ja passiert, Monopole auftreten? Und wären die Konsumenten, und selbst die Telekommunikationsindustrie besser dran wenn AT&T sich teilen würde?

LR: Die Rolle der Regierung in dem Aufbrechen von Monopolien wird gerne überschätzt. Der größte Fall von Kartellprozessen war wohl der gegen IBM. Das kostete beide Veranstalter zweistellige Millionenbeträge, und hat tausende, wenn nicht zehntausende Menschenjahre gekostet. Als er anfing, war IBM ein Koloss. Mit 400.000 Angestellten in der ganzen Welt und dem Rabenanteil am Computermarkt. Es war das am besten geführte, das effizienteste und reichste Wirtschaftsunternehmen der Erde. Viele Leute hielten es für ein Monopol. Der Staat hat sie vors Gericht gezerrt. Und wir kennen das Ende der Geschichte. Der Staat hat verloren, aber IBM ist nicht mehr der “Player” der sie mal waren. Tatsächlich ist ihre Konkurrenzfähigkeit inden letzten zehn Jahren so arg gesunken, daß sie den Großteil ihrer Angestellten entlassen mußten, und 75 Millarden Shareholder Value verloren haben. Warum? Sicherlich nicht weil ihr Monopol vom Justice Dept. gebrochen wurde. Sondern weil IBM unfähig war ihr Monopol im Angesicht der rapiden technologischen Veränderungen, und smarterer Firmen zu wahren. In der Zwischenzeit hat sich eine ganze Linie des ökonomischen Denkens darauf geeinigt, daß temporäte Monopole tatsächlich gut sein können. Denk an VHS. Die Tatsache, daß ein Standart gesetzt wird, kann extreme Vorteile haben und die temporären Kosten der Gegenspieler bei weitem ausgleichen.

DH: Wenn vernetzte Kommunikation eine Alternative zu Wahlpolitik sein soll, dann denke ich, die drängenste Frage ist: Wie? Siehst du einen Konsens da draussen, der sich auf mehr bezieht als den Communications Decency Act, einen Fall der ja so unglaublich absurd war, daß wir alle ein gemeinsames Interesse daran haben mussten das zu verhindern.

LR: Ich denke nicht daß der CDA ein spezieller Fall war. Es war ein offemer Angriff auf das was das arrogante politische Establishment für eine kleine hilflose Minorität hielt. Und wenn diese Monorität, wir also, so reagiert hätten wie jede ander Minorität das zuerst mal tut, Protetstmärsche inszeniert , eine politische Lobby gesucht, locale Parteien infiltriert hätte, usw. bis zum Erbrechen, dann hätten wir dieses verabscheuungswürdige Gesetz jetzt auf dem Hals während wir versuchen würden die Gedanken einer politischen Generation zu ändern, die auf unbestimmte Zeit Mittagessen gegangen ist. Anstatt dessen haben wir das Netz benutzt und die Dinge umgedreht.
Das ist keine Ausnahme, aber auch kein triviales Beispiel. Die Regierung aus dem Cyberspace rauszuhalten ist eine Grundvorraussetzung für die Entwicklung des Netzes und die der Neuen Ökonomie und des globalen Bewußtseins.
Für mich war dieser eine Kampf in dem was immer noch ein sehr großer Krieg ist ein unglaublich wichtiger entscheidender Wendepunkt.

DH: Die Brillanz die Wired’s Konzept und Verpackung ausmacht, ließen Wired zur am meisten anerkannten Stimme der digitalen Revolution werden. Eine unglaubliche Position der Macht und, wie es manche sehen, der Verantwortung. Wenn Wired dazu Position beziehen müsste, wie würde die Kommunikation mit denen aussehen, die von der kommenden Umwälzung, ob nun evolutiv oder revolutionär, ausgeschlossen werden?

LR: Ich denke, daß ich noch nicht die Notwendigkeit dazu gefühlt habe mich dazu zu äussern, weil ich die Möglichkeit daß irgendjemand ausgeschlossen sein könnte buchstäblich unglaubwürdig finde. Der Gedanke daß wir uns um jemand kümmern müssten der “ausgeschlossen” würde scheint mir komplett atavistisch, ein Produkt der alten Ökonomie des Mangels, und einem sozialen Denken des 19ten Jahrhunderts das daraus entstanden ist. Massenenmedien, Massenkommunikation, Massenproduktion, Massenarmut, Massenmärkte, Massengesellschaften und Massendemokratie, das ist alles Geschichte. Ford und Marx sind ein für allemal tot. Wir leben im 21ten Jahrhundert. Alles ist, wie der Gründer der Electronic Frontier Foundation John Barlow sagt, im Prozess sein eigenes Gegenteil zu werden.

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Elektronische Lebensaspekte.