Die kanadische Software Firma "Applied Acoustics", bei der u.a. Scott aka Deadbeat programmiert, bringt mit dem "Lounge Lizard" ein neues E-Piano PlugIn auf den Markt, das sich hinter Emagics "EVP" nicht verstecken muss. Und billiger ist es obendrein.
Text: Thaddeus Herrmann aus De:Bug 64

Harry, mon amour

Lounge Lizard EP-1: VST-E-Piano

Mit dem EVP88 gelang Emagic vor einiger Zeit der große Wurf. Eine mehr als realistisch klingende Emulation der guten alten E-Pianos: Rhodes, Wurlitzer und Hohner Electra Piano wurden hier in ein kleines PlugIn verpackt. Der Clou: Das EVP streamte keine Samples von der Festplatte wie etwa die Konzertflügel-Emulation ”The Grand“ von Steinberg, müllte demenstprechend auch nicht die Festplatte mit einer halben Gigatonne Samples zu und schonte dementsprechend die Performance des Rechners. Dass es in diesem Genre aber dennoch viel Potential gibt, zeigt nicht nur die Reihe der angekündigten Spezialemulationen von Emagic, sondern auch PlugIns wie der Lounge Lizard der kleinen, feinen Softwareschmiede Applied Acoustics aus Kanada.

Knöpfchen gucken

Während sich Emagic über das Synthese-Geheimnis des EVP ausschwieg, hauen einem die Kanadier ihren Stolz um den Kopf. Echter ginge es nicht mehr, weil die eigens entwickelte Physical Modeling Technologie einfach alles andere killt. Naja, wenn’s hilft, umso besser. Das Interface des Lounge Lizard bietet zunächst einmal deutlich mehr Eingriffsmöglichkeiten in den Sound, auch wenn Ähnlichkeiten mit den EVP-Parametern natürlich überall zu erkennen sind. Die drei Hauptsektionen sind ”Mallet“ (Hammer), ”Fork” (Gabel) und der ”Pick Up“. Hier wird der generelle Sound geformt, bevor er dann durch die Effektsektion geleitet wird. Neben dem obligatorischen Phase findet sich beim Lounge Lizard noch ein Wah Wah mit Frequenz- und Resonanz-Potis für das Filter und Regler für Speed und Depth für Modulation und ein Delay mit Knöpfchen für Time und Feedback. Das Delay fehlt beim EVP völlig und anstelle des Wah Wah spendierte man dem EVP ein Chorus. Ein Tremolo (mit zwei Wellenformen zur Auswahl!) und ein EQ runden den Lounge Lizard ab.

Hören will

Ich darf mich kurz fassen. Der Lounge Lizard klingt killer. Kann man einerseits noch mehr Einfluss auf den eigentlichen Klang des E-Pianos nehmen, klingt er andererseits einfach noch realistischer und ist gegenüber dem EVP auch viel durchsätzungsfähiger, druckvoller und lauter. Die CPU-Usage hält sich sehr in Grenzen und stellt einem kein Bein. Das hat schon Logic Audio besorgt, meine Host Applikation. Ein klarer Eifersuchtsfall, wenn ihr mich fragt. Zwei E-Pianos auf einer Festplatte…ich hätte wissen müssen, dass das nicht gut gehen kann. Zunächst könnte ich auf keins der 50 Presets zugreifen und bis heute weigert sich Logic mehr als eine Instanz des Lounge Lizards zu öffnen. Aber ich will nicht kleinlich sein. Hängt man erst mal über dem Keyboard, träumt man sich zwar nicht gleich in die Glitzeranzüge von damals zurück, landet aber früher oder später im ewigen Tremolo-Zeitloch. Und das ist auch schon viel wert. Wenn man jetzt noch vergisst, dass der vollen 88-Tasten-Polyphonie des EVP lediglich 32 Stimmen beim Lounge Lizard zur Verfügung stehen, steht fest: Hier kommt ein klarer Gewinner nach Punkten.

About The Author

Elektronische Lebensaspekte.