Text: Patrick Walder aus De:Bug 43

Love Parade in Israel
Ein Land im Krieg feiert das Fest der Liebe

Tel Aviv, 9. November. Morgens sehr früh kommen wir in Israel an. Wir wollen eine Reportage fürs Fernsehen über die Love Parade in Israel drehen. Seit fast zehn Jahren war ich mit gutem Grund nicht mehr hier. Eine lange Geschichte – kurz erzählt: Ich wollte mir diese deprimierende Erfahrung nicht mehr antun. Ein paar Reisen als Journalist nach Israel und in die besetzten Gebiete Westbank und Gaza während der Intifada, dem Aufstand der palästinensischen Bevölkerung, hatten mich damals einschneidend geprägt. Zuerst politisch mobilisiert, langfristig deprimiert. Ein elender Konflikt ohne Perspektiven. Die Love Parade, deutscher Exportschlager im Jahre 2000, sollte mich wieder dahin führen.

Mittags drehen wir ein paar Aufnahmen im belebten Stadtzentrum. Tel Aviv hat sich, weit abseits von den besetzten Gebieten und doch nur wenige Kilometer davon entfernt, seit Mitte der neunziger Jahre zu einer veritablen Partymetropole mit Sushi-Bars, DJs und Drogen entwickelt. Yasmin, eine israelische Freundin, erzählt, dass Parties feiern für sie und andere Tel-Avivis die bevorzugte Methode ist, zu verdrängen und vergessen. Man hat die Schnauze voll von Politik, sieht keine Alternative und will wenigstens Spaß haben. Tanz am Rande des Vulkans.
Außerdem sieht Yasmin ihre Szene auch als Provokation gegen den religiösen und militaristischen Siedlerstaat. Der allerdings nimmt es gelassen und vor allem als Zeichen, wie modern und westlich Israel doch ist. Mit tatkräftiger Unterstützung der Stadtregierung feierten die israelischen Jugendlichen bereits zwei Mal Techno-Paraden auf der HaYarqon-Promenade. Nur dieses Jahr, als mit Berliner Segen unter dem geschützten Namen “Love Parade” und unter internationalem Motto gefeiert werden sollte, versuchte die triviale Politik der Party einen Strich durch die Rechnung zu machen. Nachdem die neue Intifada sogar das israelische Kernland erschütterte und sich nur einen Steinwurf entfernt von Tel Avivs Strandpromenade abspielte, wurde die Party mit dem Motto “One world, one Love Parade” aus Sicherheitsgründen abgesagt. Doch die Organisatoren der Parade, die drei Brüder Ronel (die Parade hier ist Family-Business), ließen nicht locker und setzten einen neuen Termin an – nachdem die neue Intifada innerhalb Israels brutalst niedergeschlagen wurde.

An der Beach von Tel Aviv treffen wir Ilan Ronel, der gerade dabei ist, den Aufbau von DJ-Bühne und Sound System zu koordinieren. Später Nachmittag, sommerlich warm, toller Ort für die Party morgen. “Die Botschaft der Parade – Liebe, Toleranz und Frieden – ist jetzt besonders wichtig in Israel”, erzählt Ilan im Interview. “Die Love Parade kann eine wichtige Rolle in Israel spielen, und deshalb glauben wir, dass wir sie durchführen müssen: Nicht trotz, sondern gerade wegen der aktuellen Situation.” (Dass die Sponsoren der Parade darauf gedrängt haben, die Party endlich durchzuführen, nachdem sie ihre Gelder schon gezahlt hatten, mag ein weiteres Argument gewesen sein. An der Aufrichtigkeit des linksliberalen Ilan Ronel ist dennoch nicht zu zweifeln.) Das geplante Motto “One world, one Love Parade” haben sie allerdings aufgegeben: Zu offensichtlich sind hier zwei Welten in einem Land, von denen es in einer Welt eindeutig keinen Grund zum Feiern gibt. Ilan heißt zwar alle für die Party willkommen. Doch während die PalästinenserInnen von Westbank und Gaza handfeste Gründe haben, nicht teilzunehmen (sie können gar nicht nach Israel einreisen), sehen auch die PalästinenserInnen mit israelischem Pass wenig Grund zum Feiern.

Abends treffen wir in der Tel Aviv University drei palästinensische StudentInnen. Von ihnen möchten wir gerne wissen, was Palästinenser in Israel von der Love Parade halten. Doch Nada, Areeje und Sobhi haben noch nicht einmal von der angesagten Party gehört. Sie sind von der Frage, ob sie sich eventuell vorstellen könnten, am Fest der Liebe teilzunehmen – gelinde gesagt – irritiert. Nach mehr als 180 Toten auf ihrer Seite sei ihnen nicht so sehr nach Feiern zumute. Sie berichten von alltäglichen Erfahrungen mit Rassismus an der Uni und davon, dass sie derzeit schon Angst haben, auf Tel Avivs Straßen Arabisch zu reden.

Später treffen wir die Organisatoren der Parade, Freundinnen und Freunde zum Essen in einem Szenelokal. Angeregte Unterhaltung und erwartungsfrohe Stimmung auf die Parade am nächsten Tag.

10. November. Morgens lesen wir in der Zeitung, dass israelische Kampfhelikopter mit Raketen das Auto eines PLO-Offiziellen in der Nähe von Betlehem beschossen und mit ihm gleich noch zwei palästinensische Frauen liquidierten, die zufällig in der Nähe waren. Eine neue Eskalation. (Man stelle sich vor, die PLO würde einen israelischen Offizier mitten in Tel Aviv erschießen lassen – und nebenbei kollaterale Schäden in Kauf nehmen.) Palästinenserführer Arafat, der gerade bei Clinton zu Besuch ist, schwört öffentlich Rache. Jedenfalls scheint es wieder einmal kein günstiger Tag für eine Love Parade in Israel zu werden. Doch der Polizeichef, den wir ebenfalls am Vortag getroffen haben, versprach im Interview, die Parade in Tel Aviv werde der sicherste Ort ganz Israels sein. An die 2000 Polizisten, dazu Armee, Küstenwache und Geheimdienst seien zum Schutz der RaverInnen aufgeboten. (Um illegalen Drogenkonsum würden sie sich dagegen wenig kümmern, meinte er.)

Wir begleiten Yasmin an die Parade. Von dort gibt es wenig zu berichten, ähnliche Bilder sind aus aller Welt bekannt. Die Raverinnen und Raver bieten jedenfalls einen Anblick, der nicht nur ihre orthodoxen MitbürgerInnen schockieren dürfte. Die Stimmung ist ausgelassen und entspannt, die Musik so durchschnittlich wie an jeder anderen Parade, keine Bombe geht hoch und die Polizei hält sich weitgehend im Hintergrund. Ein paar vereinzelte RaverInnen, vermutlich SiedlerInnen oder SoldatInnen auf Urlaub, tragen ihre automatische Waffe umgehängt auf dem Rücken, aber auch das scheint so normal wie sonst immer in Israel. Ein voller Erfolg also für die Liebe, die an der Abschlussparty noch einmal kräftig beschworen wird. Alles hat den Charakter einer gelungenen Party und nur wenig von einer Demonstration, wie sie die Organisatoren verstanden haben möchten. “You can’t stop the love” heißt das neue Motto der Parade.

Abends nach der Parade interviewen wir Yasmin zuhause. Sie möchte die Parade als Zeichen an die PalästinenserInnen sehen, dass auch die Israelis keine Gewalt, sondern Friede und Liebe wollen. Allzu große Hoffnungen macht sie sich allerdings nicht. Beide Seiten seien nicht zum Frieden bereit, “besonders nicht die Palästinenser”, sagt Yasmin, die sich als progressive Linke versteht. In den News kurze Berichte über die Parade und über die Westbank – heute wurden drei palästinensische Jugendliche von Militärs erschossen.

Westbank, 11. November. Eine knappe Stunde von Tel Aviv entfernt ist von der Liebe der Israelis nichts mehr zu spüren. Wir wollen auch diese Seite sehen und palästinensische Jugendliche über ihr Leben befragen. Die Städtchen Ramallah, Betlehem und andere sind von den Militärs abgeriegelt. An einer Straßensperre raunt ein Soldat ins Auto: No entry! Keine weitere Begründung. Über Schleichwege gelangen wir doch irgendwie rein – und geraten in erste, kleine Clashes. Ein paar Kids lungern auf der Straße rum, werfen ein paar Steine über eine Mauer, irgendwohin, offenbar in Richtung einer israelischen Militärstation. Eine amerikanische Pressefotografin schießt ein paar Bilder. Ziemlich übersichtlich erscheint einem das, und ziemlich öde. Wir fahren weiter in den ruhigen Teil des Städtchens, das absolut tot erscheint, alle Läden dicht, keine Cafés, kein Leben, gar nichts. Wir machen Aufnahmen von zerschossenen Wohnhäusern, als unsere Begleiter berichten, dass die Fotografin grade eben erschossen wurde. So heißt es zuerst. Später dann: Angeschossen, unterwegs ins Krankenhaus. (Tage später schwebt sie noch immer in Lebensgefahr, aus den Medien habe ich nichts davon erfahren.) Die jungen Palästinenser Aiman und Visam erzählen uns über ihren Alltag: Seit Beginn des Aufstandes im September sind sie nicht mehr aus ihrem Kaff rausgekommen. Zu tun gibt es hier nichts. Und nachts liegt Beit Sahour regelmäßig unter Beschuss, von Soldaten aus der Militärstation oder aus der nahe gelegenen Siedlung. Dass in Tel Aviv jetzt eine Love Parade gefeiert wird, nun, das können die beiden nicht so recht nachvollziehen.

Bevor es dunkel wird, müssen wir hier weg sein. Auf dem Rückweg treffe ich eine palästinensische Freundin in Ostjerusalem. Zuhause, man könne nirgends wohin gehen, meint sie. Nach so langer Zeit hätten wir uns eigentlich viel zu erzählen. Doch egal wie wir beginnen, landen wir unmittelbar bei der aktuellen Situation. Kein Lebensbereich bleibt davon unberührt. Sie kann ihre FreundInnen nicht mehr treffen, hat Angst aus dem Haus zu gehen, ist deprimiert. Nach gut zwei Stunden verlasse ich sie, bin froh abhauen zu können und fühle mich beschissen. Unterwegs im Bus, auf dem Weg zurück nach Tel Aviv, melden sich die israelischen Freunde. Yasmin und alle anderen sind unterwegs, wo ich bleibe? Als ich sie treffe, ist die Irritation groß: Was ich in der Westbank gemacht hätte? Was das mit der Love Parade zu tun hätte? Sie waren noch nie dort. Meinem Bericht folgen heftige Diskussionen. Danach gehen wir Feiern. Bis zum Morgen, kurz vor Abflug. Für mich nun wirklich das letzte Mal in diesem Land.

About The Author

Elektronische Lebensaspekte.