LTJ Bukem hat es geschafft. Mit seinem Labelimperium "Good Looking" regiert er die Drum and Bass Nation jenseits der Darkness. Grinsend, bebrillt und silberdaunenbejackt, nimmt er seine Plattenspieler bestimmt mit ins Bett. Und wenn seine Schulter mal ausgekugelt ist, legt er eben einarmig auf. Nach seinen Klassikern 'Music' und 'Horizons' veröffentlicht er jetzt sein Debutalbum.
Text: sven von thülen, sven.vt@debugOS.de aus De:Bug 34

/drum and bass Die Reise ins Ich LTJ Bukem In den letzten Monaten hat sich im Hause Good Looking einiges getan. Nach jahrelanger DJ-freundlicher Kleinarbeit (12″s) hat jetzt fast jedes der mittlerweile sieben Labels, die der Good Looking Organisation angehören, eine umfassende Labelcompilation in die Platten- und CDregale der Welt gebracht. Und da sich CDs aus dem Good Looking Umfeld immer gut verkaufen, dürfte der Cashflow für die nächsten Monate gesichert sein. Gleichzeitig hat man mit dem Downbeat Label Cookin wohl eines der ehrgeizigsten Projekte von Bukem und Konsorten innerhalb von kürzester Zeit ein ziemlich heisses Eisen in den Downbeat und NuJazz Ofen geschoben und nicht nur dort für einigen Wirbel gesorgt. Es ist verblüffend, mit welcher Sicherheit man es im Hause Good Looking immer wieder schafft, neue Projekte aufzubauen, ohne dabei im Gewühl der Ideen und unterschiedlichen Vorstellungen die musikalische Kompetenz zu verlieren. Egal, wie man zu den einzelnen Labeln der Good Looking Organisation stehen mag, jeder Release fügt sich in das homogene Gefüge, das über Jahre aufgebaut wurde, zentimetergenau ein. Und spätestens wenn man die heimische Anlage richtig aufdreht oder in die meist klaustrophobische Enge einer Logical Progression Session gerät, merkt man, dass die meisten Good Looking Tracks auch ordentlich kicken können. Mit dem langerwarteten Debutalbum von LTJ Bukem, der 1991 Good Looking Records gründete, steht jetzt das aufmerksamkeitsbündelnde Grossereignis an, das den Status des umsatzstärksten Underground Drum and Bass Labels mit eingebauter Crossovergarantie und für manche nicht ganz unverdächtigem Popappeal einmal mehr beweisen dürfte. Tausende von Sekretärinnen können nicht irren. Am Anfang war der Rave Dass Danny Bukem irgendwann mal ein junger Raver war, der auf den grossen Free Parties verpeilt durch die Nacht gehüpft ist, kann man sich nicht so recht vorstellen. Aber auch bei ihm sind die illegalen Parties nicht nur ein wichtiges biographisches Detail, sondern waren eine Initialzündung. Auch er kann mit leuchtenden Augen von dem Vibe erzählen, der vor einem Jahrzehnt halb Britannien packte, die Nation ordentlich durchschüttelte und die euphorisierte Jugend mitriss, von Party zu Party durch die britische Pampa zu tingeln. Heute zieht Danny lieber gemütlich an einer Tüte und erzählt grinsend, dass er sich spätestens 1994 von der (Happy) Hardcore Front verabschiedet hat. Für viele Drum and Bass Liebhaber (vor allem die, die es gerne hart und ravig mögen) sind seine ersten Tracks wie ‘Demon Theme’, ‘Music’oder ‘Horizons’ selbst von ihm unerreichte Klassiker. Ihm selber ist das egal. Aber Bukems zu bewundernde Kompromisslosigkeit lag schon immer jenseits vom Dancefloor und einengenden Szene-Dogmen. Während so ziemlich jeder der grossen DJs und Producer spätestens 1994 ihren Major-Deal in der Tasche hatten, blieb Bukem mit Good Looking independent und verfolgte den eingeschlagenen musikalischen Weg weiter. Und die Dimensionen, in die er Good Looking geführt hat, geben ihm Recht. Während auf den Dancefloors von London bis Mannheim düstere paranoide Tracks eine weitere Renaissance feierten, stiess Danny Bukem immer weiter zu seinen musikalischen Einflüssen aus Jazz, Soul, Rare Groove und Garage vor. Gleichzeitig versammelte er um sich eine ganze Garde von ambitionierten Produzenten, die Bukems Vision von mellow Drum and Bass teilten. Mit dieser personellen Basis wurde eifrig am Projekt Good Looking gearbeitet. Kaum jemand war so viel auf Tour wie LTJ Bukem mit seiner Logical Progression Session, und kaum jemand hatte mehr Einfluss darauf, dass auch die House Fraktion ihre Ohren für gebrochene Beats öffnete. Nach und nach entstanden immer neue Plattformen, auf denen sich die Good Looking Artists austoben konnten: Eine eigene Clubnacht (Logical Progression Session), die Bukem und Bundesgenossen eine Residenz im Londoner Superclub Ministry Of Sound und dem nicht weniger renomierten Liverpooler Cream einbrachte, und sechs weitere Labels, die der Good Looking Familie angehören. Kein Track sollte im Studio vergammeln, egal welcher Stil. Die wilden Jahre sind vorbei. Nie wieder Amen Break Mit ‘Journey Inwards’ ist LTJ Bukem da angekommen, wo er eigentlich immer hin wollte. Mitten ins Herz einer Musikalität, die nicht nur vom Klang, sondern auch von den Produktionsweisen näher an Jazz und Soul liegt als an Techno und dem, was daraus an musikalischen Genres entstand. Als Kind hatte er Klavierstunden, und seine musikalische Ausbildung machte ihn von Anfang an ambitioniert. Basieren seine genredefinierenden Tracks wie ‘Music’ oder ‘Horizons’, die er in der ersten Hälfte der Neunziger herausbrachte, grösstenteils zwar noch auf Loops, kann man ihnen aber schon anhören, dass für ihn der Weg zu live eingespielten Instrumenten ein logischer Schritt sein würde. Im Interview betont Bukem immer wieder, dass Drum and Bass Musik ist, die noch am Anfang steht. Und dann hört man ihn von Jazz reden, von Rare Groove und Soul. Der Loop orientierte Drum and Bass (respektive Jungle oder Hardcore), der Anfang bis Mitte der Neunziger auf teilweise sehr spärlichen Equipment schnell zusammengeschraubt wurde, lebte, wie Bukem sagt, vor allem von seiner Euphorie und davon, dass diese Musik vollkommen neu war. Drum and Bass hat sich entwickelt und ist den Kinderschuhen entwachsen. Die technischen Möglichkeiten und die Engineer-Fähigkeiten sind in neue Dimensionen vorgestossen. Und für jemanden, der wie Bukem, dem es nach einer Welt verlangt, in der Drum and Bass in einem Zug mit Jazz und Rare Groove genannt wird, auch die Ambitionen und der Anspruch an sich und seine Musik. Auch wenn man manchmal das Gefühl bekommt, dass das Gerede von grösserer Komplexität und Musikalität durch Live Instrumentierung der konterrevolutionäre Backlash nach zehn Jahren Techno ist, ist Bukem mit ‘Journey Inwards’ eher einen ähnlichen Weg gegangen wie Carl Craig mit seinem Innerzone Orchetra oder 4 Hero mit ihren Two Pages. Auch wenn musikalisch lange nicht so radikal und experimentell, ist es Bukems Versuch, seinen Platz zwischen den Stilen, die ihn geprägt haben, zu finden.

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Elektronische Lebensaspekte.