Mit dem Cadenza-Chef in den Schweizer Bergen
Text: Hendrik Lakeberg aus De:Bug 111


Lucien Nicolet war in Chile schon ein Star, bevor er in Deutschland und der Schweiz seine zweite Technokarriere wieder von Null aufbaute. Mittlerweile bewegt er sich als DJ, Produzent und Besitzer des “Cadenza”-Labels auf Augenhöhe mit seinem Jugendfreund Ricardo Villalobos.

“Let’s do it the chilenian way.” Lucien “Luciano” Nicolet rückt lässig seine pechschwarze RayBan-Sonnenbrille zurecht. Dann tritt er aufs Gas und zieht links an den wartenden Autos vorbei. Als wir das vordere Ende der Schlange erreichen, bremst er und setzt den Blinker. Lucien gestikuliert betont unschuldig in Richtung eines Fahrers ganz vorne in der Schlange. Der freundliche Mann in dem schweren Mercedes lässt ihn einfädeln. Hier oben, wo sich Geld und behäbige Urlaubsstimmung die Hand reichen, zahlt sich Dreistigkeit aus.

Wir fahren die gewundenen Serpentinen den Berg in Richtung Montana hoch und lassen den Schweizer Touristenort Sierre hinter uns. Die Berghänge sind gesäumt von kahlen Weinreben. Die Sonne strahlt unwirklich hell aus einem makellos blauen Himmel. Über uns leuchten die Gipfel der Alpen blendend weiß. Lucien hat es eilig. Zusammen mit Ricardo Villalobos wird er eine gute Stunde später eine Horde ravender Snowboardfahrer und verstrahlter Technotouristen in jubeltaumelnde Euphorie versetzen. Aber vorher würde er als passionierter Snowboarder gerne selber noch auf die Piste gehen.

Das Auto passiert die Schneegrenze. Es ist beeindruckend zu sehen, wie scharf sie verläuft. Auf der Rückbank sitzt An Reich, seit kurzem verantwortlich für die administrativen Angelegenheiten bei Lucianos Label Cadenza. Nach Ans und meinen schwärmerischen Kommentaren auf die Landschaft entspinnt sich eine kleine Diskussion über den ökologischen Zustand der Alpen. Irgendwann sagt Luciano: “Wegen der Erderwärmung liegt in den Alpen in ein paar Jahren vielleicht gar kein Schnee mehr.” Kurze pflichtbewusst betretene Stille. Aber die Landschaft ist in diesem Moment zu schön, um sie mit düsteren Gedanken zu verdunkeln. “So ist es halt. Man muss es hinnehmen”, ergänzt Luciano in fast buddhistischem Gleichmut und steuert das Auto um eine scharfe Kurve.

Luciano und Ricardo Villalobos werden seit drei Jahren von dem Schweizer Festival Caprices gebucht. Ein Job, den sie liebend gerne annehmen. Denn er bedeutet eine Woche Skilaufen zu können, mit ihren Frauen und Freunden eine Woche Urlaub zu machen und dabei, umringt von der imposanten Alpenkulisse, mit ihrer Musik auf den Dancefloors des Festivals Euphorie zu verbreiten. Klingt fast zu schön, um wahr zu sein.

Am Skilift angekommen, treffen wir auf Lucianos Frau und eine Gruppe von Freunden. Alle noch merklich lädiert von der zurückliegenden durchfeierten Nacht. In einem Festival-Bus trudeln die Plattenkisten von Ricardo ein, der schon vorher auf den Gipfel gefahren ist und sich wahrscheinlich gerade auf Skiern in Richtung Tal befindet. Kurzes Augenrollen wegen Ricardos schwergewichtigen Plattenkisten. Dann in die Gondel und ab auf den Gipfel.

Hoch oben
Oben in der Skihütte, die unmittelbar an die Gondelstation angeschlossen ist, renne ich fast in einen mit rosa Poloshirt bekleideten Typen. Er trägt eine Kappe, auf der “New Heaven” steht, und er wirkt, als habe er sich bereits mit diversen chemischen und alkoholischen Drogen aus der Wirklichkeit katapultiert. Ziellos und unkontrolliert deutet er im Raum umher und redet wirres Zeug. Die holzvertäfelten Wände der kargen Skihütte sind stellenweise mit silberner Folie dekoriert. Auf dem braun gefliesten Boden stehen hölzerne, schmucklose Tische. Etwas mitgenommene Liegestühle flankieren die breite Fensterfront. Schmucklos wirkt das alles. Ein wenig wie der Speisesaal einer Jugendherberge.

Im hinteren Teil des Raumes gibt die gerade Bassdrum bereits den Takt des Nachmittags vor. Die Veranstalter haben eine Nebelmaschine aufgestellt und pumpen damit den Raum voll. Hinter den beschlagenen Scheiben türmt sich das majestätische Alpenpanorama auf. Luciano beginnt sein Set mit sanftem Minimalhouse. Die Tanzfläche füllt sich. Ein Richgirl mit Louis-Vuitton-Käppchen tanzt neben einer amerikanischen Snowboarderin im Grateful-Dead-T-Shirt. Dazwischen tummelt sich hippe Schweizer Incrowd. Während Luciano das Energielevel seines Sets langsam hochschraubt, entsteht in diesem seltsamen Raum, auf diesem Berg weit weg von der normalen Welt unter diesen komplett verschiedenen Leuten eine Magie, die sich steigert, als Ricardo den Raum betritt und Luciano zur Seite springt.

Einzelne Raver recken die Hände über das DJ-Pult. Ricardo und Luciano schütteln sie und grinsen in ihre Richtung. Schneidend scharfe Snaredrums peitschen die wiegende Menge in euphorische Jubelstimmung. Kristallin glitzerndes MDMA wechselt den Besitzer. Ein paar Leute liegen sich bereits in den Armen. Draußen sinkt eine Gondel gefüllt mit Rentnern ins Tal, vor den Fenstern spielen Kinder im Schnee. Drinnen flirren spanische Gesangsfetzen durch den Raum, tiefe Bassfrequenzen pulsieren in wabernden Grooves. Als Luciano die ersten Vocal-Schleifen der Blaze-Hymne “Lovely Dae” durch den Raum schweben lässt, tobt die Menge. Arme fliegen in die Luft. Draußen geht die Sonne langsam unter und die Berggipfel färben sich rot. Jetzt liegen sich auch Luciano und Ricardo in den Armen.

Dann ist plötzlich alles vorbei. Abrupt. Draußen wird zur letzten Abfahrt aufgerufen und der Gondelbetrieb schließt in wenigen Minuten. Hastig packt Luciano seinen Plattenkoffer. Wir gondeln zurück ins Tal.

“Routine werden solche Momente nie”, sagt Luciano im Interview, während in der Küche einige Freunde Abendessen zubereiten. “Routine wird das Reisen. Auf Flughäfen rumsitzen und warten. Aber Leute lächeln zu sehen, vor Leuten zu spielen, die gerade genau das fühlen, was du hinter den Plattenspielern machst. In diesen Augenblicken steckt so viel unmittelbare Ehrlichkeit. Es ist ein riesiges Glück, da zu sein und diesen Moment zu teilen. Manchmal wenn man drei Gigs an einem Wochenende hat und in einem Club spielt mit über 3000 Leuten, dann gibt es Momente, in denen ich mich verloren fühle. Vor allem dann, wenn ich selber niemals in den Club gehen würde. Aber wenn alles funktioniert, dann ist dieses Einverständnis, das im Club entsteht, überwältigend. Diese Momente, in denen das Erinnern von guten und schlechten Momenten kulminiert. Wo so viele Emotionen in eins zusammenfallen.”

De:Bug: Siehst du darin einen spirituellen Moment?
Luciano: Absolut. Viele Leute gehen in den Club und sehen den DJ als eine Art Musikbibliothek. Es geht viel zu oft nur darum, zu zeigen, was ich weiß und welche Platten ich kenne, egal ob die Musik gerade funktioniert oder nicht. Ich finde vor allem wichtig, eine gemeinsame Verstehensebene zu erreichen. Mit den Leuten zu sein, sie zu begleiten. Es sollte bei jedem DJ-Set darum gehen, an den Punkt zu gelangen, an den das Publikum kommen will. Nicht an den, an dem es der DJ gerne hätte. Auflegen ist in erster Linie eine Sache von Kommunikation und Energie. Alles andere ist zweitrangig.

Es schient, als ob sich Luciano gerade auf einer Mission befindet, die DJ-Kultur an seine ureigenen Traditionen zu erinnern. Dann, wenn er die magischen Momente zwischen DJ und Publikum beschwört und wenn er mit seiner neuen Platte “No model no tool” versucht, die Idee des klassischen Techno-Tools wieder salonfähig zu machen.

Luciano: Auf der Platte befinden sich nur rein instrumentale Ambient-Stücke und grob arrangierte Technotracks. Ich möchte mit meiner Platte und der danach folgenden ‘Split Composition’-Serie das Auflegen wieder in eine kreative Richtung bringen. Es sollte nicht nur darum gehen, Platten aneinander zu reihen. Mit den Platten kann man komponieren. Die Idee hinter dem Projekt war: Make your own record. DJing ist nicht nur etwas, mit dem man Geld macht, das jeder Idiot kann. Die Plattenspieler sind Instrumente. Ich möchte das ins Bewusstsein zurückholen. Mir fällt immer wieder auf, dass viele DJs viel zu oft ihr Set allein auf Hits aufbauen. Dabei vergessen sie ihre Vision vom Auflegen. Es läuft überall die gleiche Musik. Dabei sollte es eigentlich darum gehen, so kreativ wie möglich zu sein.

Das Roots-Dingy
Es ist fast egal, worüber man mit ihm redet, auf einen Punkt kommt Luciano immer wieder zu sprechen: Ehrlich gegenüber sich selbst zu sein und sich selber treu zu bleiben. Luciano wiederholt das wie ein Mantra in Verbindung mit fast allen Aspekten seines Lebens. “Stay true to myself” haucht Cassy Briton in dem gleichnamigen Ricardo-Villalobos-Track. Gemeint ist damit, Musik als ein basales, natürliches Ausdrucksmittel zu sehen, das ein Lebensgefühl und den Lebenszustand authentisch und unmittelbar widerspiegelt. Ähnlich einer Sprache. Musik ist für Luciano sowohl Lebensantrieb als auch Überlebensstrategie. “Mein Musikverständnis orientiert sich an der Straßenmusik, so einem Roots-Ding. An jemandem, der Gitarre spielt, um zu überleben. Jemandem, der in seinem Leben ein Risiko eingegangen ist, der wirklich an das glaubt, was er macht. Der an seinen Visionen arbeitet und keine Kompromisse eingeht. Ich möchte diesen Gedanken am Leben erhalten. Es ging mir immer darum, in dieser Welt zu überleben und gleichzeitig etwas zu machen, hinter dem ich hundertprozentig stehe.” Seit er sechzehn ist, lebt Luciano tatsächlich von nichts anderem als Musik. Er wächst in der Schweiz auf. Sein Vater verdient Geld, in dem er Jukeboxen repariert. Seine Mutter ist Lehrerin. Nachdem sich seine Eltern trennen, zieht Luciano als Elfjähriger in das Heimatland seiner Mutter, nach Chile.

“Es war eine großartige Erfahrung, von einem kleinen Paradies in den Schweizer Bergen in ein Land zu kommen, wo das Leben komplett anders läuft. Ich bin meiner Mutter bis heute dankbar dafür. In der Schweiz lebten wir in einem sehr kleinen Dorf. 300 oder 400 Einwohner. Plötzlich fand ich mich in einer 9-Millionen-Stadt wieder. Das war wie ein Schlag ins Gesicht. Meine Mutter hat mir eine Gitarre gekauft, um mich von der Flut neuer Eindrücke abzulenken”, erinnert sich Luciano. Er lernt schnell. Als er in Chile eintrifft, war der Diktator Pinochet gerade gestürzt und die chilenische Kultur regeneriert sich langsam von den jahrzehntelangen Repressionen der Militärdiktatur. Als Teenager beginnt Luciano sich für Punkmusik zu interessieren, wird Skater und gründet mit Freunden eine Band. Aber seine Passion für Musik ist so ausgeprägt, dass ihn das Arbeitsmodell Band frustriert. Das Spiel mit anderen Musikern bedeutet immer auch, auf andere angewiesen zu sein. Als er bei einer Punk-Band sah, wie sie anstatt eines Schlagzeugs einen Drumcomputer verwendeten, wurde ihm klar, dass genau darin seine musikalische Zukunft lag. Er kauft sich einen Drumcomputer und fängt an, sich mit elektronischer Musik zu beschäftigen. “Plötzlich änderte sich meine Musik radikal. Sie wurde sehr ruhig und gelassen. Ich habe diese ganzen aggressiven Dinge, die politische Wut, die im Punk stecken, aus meinem Leben gedrängt, weil ich realisierte, dass das alles nur meine Werkzeuge waren, um irgendjemand zu sein.”

Seine neue musikalische Orientierung findet Luciano zunächst im Chicago House, dann im Techno. Regelmäßig reist er als Teenager zurück in die Schweiz. Freunde geben ihm Mixtapes mit alten Chicago-House-Klassikern. Nur wenig später beginnt er in Chile aufzulegen. Doch die Popmusik ist vor allem von Rock geprägt. “Zwischen den Rockkonzerten hat uns der Besitzer eines Clubs ermöglicht, für eine halbe Stunde unsere Musik zu spielen. Am Anfang haben die Rocker ihre Zigaretten auf unseren Platten ausgedrückt. Zum Glück stand ich damals mit einem guten Freund hinter den Plattenspielern. Wir konnten darüber lachen. Alleine hätte ich das nicht ausgehalten. Dann wurde das immer erfolgreicher. Wir bekamen einen ganzen Abend im Monat, dann in der Woche und schließlich gründeten wir unseren eigenen Club. Die ganzen Rockleute haben ihre langen Haare abgeschnitten und pink gefärbt.”

Flucht vor dem Erfolgy
Als Luciano 22 ist, hat er in Chile eigentlich fast alles erreicht. Er veranstaltet Partys für über 15.000 Leute, war an einem Club beteiligt und ist ein erfolgreicher DJ. Doch es kam der Punkt, an dem ihm das Leben in der chilenischen Techno-Szene zu eng wurde. Er entschied, alles, was er dort aufgebaut hatte, hinter sich zu lassen und in Europa neu anzufangen. Luciano zieht in die Schweiz. “Hier wusste fast niemand, was ich in Südamerika gemacht hatte. Aber ich kannte Ricardo, seit ich 16 bin. Wir haben schon in Chile ‘Sense Club’-Partys veranstaltet. In meiner ersten Zeit in Europa habe ich Zip von Perlon kennen gelernt und auf seinem Label zusammen mit Ricardo die ‘Sense Club’-Maxi veröffentlicht. Das waren meine ersten Kontakte hier in Deutschland. Wenig später habe ich Derrick May und Carl Craig wieder getroffen, mit denen ich schon in Chile Partys veranstaltet hatte. So hat sich die Veröffentlichung von ‘Pasando Una Puerta’ auf einer Transmat-Compilation ergeben.”

Der Start in Europa lief also bestens. Es folgt die wunderbare Platte “Blind Behaviour”, die er unter dem Namen Lucien-N-Luciano veröffentlicht und die von der Geburt seiner Tochter inspiriert ist. Ein persönliches Album. Auf “Blind Behaviour” klingen die flirrenden Beats und elegant changierenden Synthflächen, als würde glitzernder Sternenstaub aus den Boxen rieseln. Luciano erweitert sein musikalisches Repertoire um Reggae- und Dub-Elemente und arbeitet exzessiv mit Gesang und Stimme. Kurz zuvor erscheint die bahnbrechende “Orange Mistake”-Platte, als erstes Release auf seinem neu gegründeten Dance-Label Cadenza. Ungefähr zur gleichen Zeit lässt Luciano auch die biedere Schweiz hinter sich, um nach Berlin zu ziehen. Dort prägt er zusammen mit Ricardo die wieder aufblühende Berliner Afterhour-Kultur und entwickelt auf Cadenza seine Vision von Techno weiter. Remix-Anfragen stapeln sich. Luciano legt mittlerweile als Resident in den wichtigsten europäischen Clubs auf: Im Rex in Paris, im Fabric in London, dem DC10 Club auf Ibiza, der Panorama Bar in Berlin und zunehmend auch in Osteuropa in einem Club in Bukarest, Rumänien, wo laut Luciano eine neue Technokultur im Entstehen begriffen ist.

Doch als seine musikalische Karriere während seiner Berliner Zeit besser läuft denn je, sein Label Cadenza floriert, gerät sein Leben dort aus den Fugen. “Irgendwann habe ich in Berlin gemerkt, dass mir das alles zu viel wurde. Ich bin hypersensibel und lasse mich sehr schnell von Dingen überzeugen und verwirren. Es kam ein Punkt, an dem ich aus den Augen verloren habe, was ich wirklich machen wollte. Ich habe erkannt, dass ich mich isoliert besser fühle. Ich muss Dinge tun, die ich ehrlich fühle, und nicht etwas hinterherlaufen, das ich nicht wirklich will. Irgendwann haben mich in Berlin über 20 Produzenten am Tag im Studio besucht, um mich zu fragen, welche Maschinen ich benutze. Es war nicht so, dass ich es nicht gemocht hätte. Im Gegenteil, ich bin sehr sozial. Aber irgendwann habe ich meine Tage mit fast nichts anderem verbracht als zu reden. Außerdem habe ich eine Familie und zwei Kinder. Ich wollte meinen Kindern etwas anderes als die Stadt bieten.” Laut Luciano lag es auch nicht an der exzessiven Feierei, den endlosen DJ-Sets. Luciano liebt das. Es ist für seine Musik entscheidend. Er betont den Einfluss der traditionellen brasilianischen Musik. Die endlosen Sessions, in denen wie in einem Vexierbild andere musikalische Feinheiten in den Vordergrund treten, je länger man ihnen zuhört.

Auch auf die Frage, ob der Drogenkonsum überhand genommen hat, antwortet Luciano gelassen: “Ich sehe Drogen eher wie in indianischen Kulturen. Drogen waren dort nicht Selbstzweck, sondern ein Mittel, um eine Tür zur Seele zu öffnen. Eine andere Bewusstseinsebene zu erreichen. Drogen sind der leichteste Weg, um an diesen Punkt zu kommen. Deine Gefühle werden viel sensibler. Kleine Sounds erreichen direkt deinen Körper. Es ist wie ein Ritual. Drogen sollten Mittel zum Zweck sein, es sollte nicht darum gehen, einen Junkiestyle zu verherrlichen. Wenn sie nur ein Mittel sind, etwas zu verdrängen, sich aus dem Alltag zu katapultieren, dann sind sie nicht gut. Drogen zu nehmen, funktioniert dann, wenn man auf der Suche nach etwas ist, sie wie ein Forscher benutzt. Wenn ich total fertige Leute im Club sehe, die nicht mal mehr ihren Namen kennen, dann macht mir das Angst. Dann denke ich immer, hoffentlich kommt meine Tochter nie in eine solche Lage. Aber in Berlin habe ich das selten ausschließlich so erlebt. Ich finde, gerade in der Panorama Bar herrscht eine warme, positive Energie.”

Heimat auf dem Golfplatz
Luciano zieht letztes Jahr zurück nach Frankreich nahe der Schweizer Grenze. In ein Haus in der Mitte eines Golfplatzes. Einsam gelegen, mitten in der Natur. Im Endeffekt ist es keine Entscheidung gegen Berlin, sondern für seine Familie. Da er mit An Reich eine dauerhafte und würdige Berlin-Vertretung für sein Label Cadenza gefunden hat und Luciano weiterhin auf den regelmäßigen Cadenza-Nächten in der Panorama Bar spielen wird, verliert er auch seine musikalische Familie nicht aus den Augen. La Familia, darum geht es ihm hauptsächlich: “Ich brauchte lange, um zu akzeptieren, dass ich mit meiner Arbeit in den Clubs mehr Geld verdienen konnte als meine Mutter in ihrem Job. Ich hatte eine Zeit lang ein Problem damit, Geld zu bekommen, nur weil ich Partys veranstaltet habe. Als ich meine Kinder bekam, hatte ich dann einen zwingenden Grund. Bei Cadenza ist es ähnlich. Da geht es mir darum, den etablierten Namen Luciano dafür zu benutzen, meine Freunde zu unterstützen. Der Musik zurückzugeben, was ich von ihr bekommen habe. Es geht immer um Musik, um ein Gefühl, das die Leute weinen und lachen lässt. Wenn man das nicht respektiert und daraus kalt und strategisch Profit schlagen möchte, dann ist das schrecklich.” True to myself eben. Es klingt wie eine abgedroschene Floskel, aber so ist es nicht. Wenn man sich Lucianos Karriere anschaut, dann ist es genau, wie er sagt, Musik ist für ihn eine beharrliche, konsequent gefahrene Überlebensstrategie: “Vor ein paar Jahren haben sie mich und Ricardo aus einem Club in Ibiza geworfen, weil niemand dort etwas mit unserer Musik anfangen konnte. Weil wir so eng mit der Minimal-Musik identifiziert werden und es darum diesen Hype gibt, haben wir solche Probleme nicht mehr. Aber ich finde, dass meine Musik kein Minimal ist. Sie ist voller Elemente, sie verändert sich ständig.”

Minimal hin oder her, musikalisch gesehen liegt genau darin der extrem wichtige Beitrag, den Luciano und die gesamte Chile-Connection geleistet haben. Sie trugen entscheidend dazu bei, Techno auf ein neues musikalisches Level zu hieven, in dem sie die Musik aus mikroskopischen, immer wandernden Details entwickelten. Ihr Techno schöpft die musikalische Energie nicht wie der alte Techno aus offensichtlichen, schematisierten Spannungskurven und einem berechenbaren statischen Sequencer-Groove, sondern sie lädt sich von Moment zu Moment neu auf. Lucianos Musik gebiert ihre Energie aus einem Rhythmus, der genau deshalb groovt, weil der komplette Track immer kurz davor steht, auseinander zu fallen. Organisch nennt Luciano das. Man könnte auch sagen, dass er den Off Beat so weit an seine Grenzen treibt, bis der rhythmische Bezugsrahmen gerade noch der regelmäßige Puls der Bassdrum bleibt. “Es geht mir in meiner Musik darum, Erwartungen zu brechen. Ich hasse Erwartungen. Sie bedeuten unnötigen Druck. Niemand kann Musik kontrollieren. Sie ist frei.”

Let’s do it the chilenean way.
http://www.luien-n-luciano.com

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Elektronische Lebensaspekte.