Die Europäisch-Chilenische Brücke hat ihren ersten Schweiz-Immigranten und die morbid verführerischsten Blüten gefunden. Der in Genf lebende Lucien Nicolet veröffentlicht als Luciano auf Bruchstücke, Perlon oder Klang Musik, die das Wissen von Hochhausparties ohne Absperrung transzendiert.
Text: Aljoscha Weskott aus De:Bug 64

Auch Luciano aka Lucien Nicolet gehört dieser oft gepriesenen Post-Pinochet Sound-Schule an, die eine Achse des Guten entwickelt: Santiago de Chile – Detroit – Somewhere in Europe.

Klar sieht er verdammt gut aus. Und weiß er das auch? Wahrscheinlich schon. Er lässt es aber niemanden anmerken. Luciano hat besseres zu tun. Er verwandelt die Welt in vielfältige Drehscheiben, in Dancefloors des Lebens, die alle Gefestigten ins Wanken geraten lässt und allen Ungefestigten einen Halt verspricht. Bei jedem wirken die Fliehkräfte eben anders, was dazu führt, dass schon der Weg zur Dancefloor-Drehscheibe zu einer Zerreißprobe werden kann. Auf Bruchstücke 9 ziert das Vinyl ein zerissenes Spiegelbild einer Comic-Diva mit Cocktailglas, die als Marca Deposita (eingetragene Marke) präsentiert wird. Ihre Zerreißprobe ist die Lucianos. Seine Stimme erklingt so popauthentisch, dass nur unterschwellig ein Karaoke-Gewimmer gepaart mit Tränen britischer Mellow-Indie-Schniefer zu vernehmen ist: Das wirkt sehr zerbrechlich, dass selbst bei zarten Winden der Halt im Cafe del Mar verloren zu gehen scheint, weil auch die fein ausdifferenzierten Rhythmen einen davontragen können und zu einer fast bedrohlichen Essenz allen Seins stilisiert werden: Dr. Rhythmus, der Schrittmacher eines individuell geführten Lebens …

Szenenwechsel hier

“Vor fast drei Jahren bin ich aus Chile in die Schweiz zurückgekehrt, um weiter zu studieren. In Chile dauerte mir das Studium einfach zulange. Als ich zehn Jahre alt war, bin ich mit meiner Mutter nach Chile gegangen – sie ist Chilenin, mein Vater Schweizer.”
Und in Genf, wo Luciano nun lebt und eine Musikhochschule besucht, überwiegt der beschauliche Charme des Neutralen. Einst Badewannen-Endstation für Reisende, hat sich Genf zu einer kleinen Capitale Eletronica entwickelt. Das ist vor allem dem allseits beliebten Mental Groove–Label zu verdanken, aber auch entstehenden Clubstrukturen, die mit Zürich mithalten können.

Szenewechsel dort

Was sich genau auf dem südamerikanischen Kontinent abspielt, ist momentan noch schwieriger nachzuvollziehen. So hat die ökonomische Krise in Argentinien auch Auswirkungen auf den Entertainment-Sektor. Aktuell verschieben sich ganz unmerklich die Koordinaten des Dancefloors. “In Buenos Aires schließen die Clubs. Einige Musiker und DJs sind schon nach Santiago gekommen. Es stellt sich in Buenos Aires nunmehr auch auf dem Techno-House-Sektor eine gewisse Isolation ein. Wer soll die Bookings bezahlen? Die Leute wollen weg.”
Weiterhin bleibt Südamerika hinsichtlich der Mikroebenen soziokultureller Praktiken ein blinder Fleck. Dass in Venezuela härtere Parties stattfinden – auf Hochhäusern ohne Absperrung – und es auch in Lima Techno und House-Clubs gibt – who knows? Der Chilen-Schweizer Lucien Nicolet begibt sich mindestens zwei mal im Jahr auf die Reise nach Chile. Dort haben sich die Bedingungen für elektronische Musik verbessert: “Mittlerweile gibt es zehn gute Clubs in Santiago. Von “Pure Techno” bis kalifornischen House-Schleifen ist alles vertreten. Ich bin immer wieder erstaunt, wie genau sich die Leute mit Musik beschäftigen, trotz immer noch schlecht funktionierender Informationskanäle alles dran setzen, sich zu informieren.”

Szenenwechsel Carabina: Loaded

Luciano ist auch Verfechter kollektiver Produktionsweisen. Neben dem Projekt Sense Club, das er mit Ricardo Villalobos für Perlon entwickelte, ist nun zusammen mit dem Vorsitzenden des Ruta 5 Labelkörpers Dandy Jack das technolastige Projekt Carabina 3030 entstanden.
”Ich arbeite an verschiedenen Projekten, die eben auch unterschiedliche Euphorie-Ebenen entfachen.” So ist das Carabina 3030-Projekt mit Dandy Jack auch eine Rückeroberung des schnelleren Taktschlags, der härteren Bassläufe, nicht um super sonic-housy an Techno anzudocken, sondern den unverzichtbaren Kälteschauer von Techno auf sich einwirken zu lassen, diesen mit vielen zu teilen.

Szenenwechsel: to wake up in the Sea of Sounds

Der Stillstand der Information, gar ihre völlige Abwesenheit, verleitet Luciano zum akustischen Scannen seiner Umgebung. (Da könnte er sich durchaus mal mit Godard zu einem Spaziergang am Genfer See verabreden) –
Das Aufwachen im Geräuschlosen, in einer Art Niemandsland, ist für Luciano nach einem Wochende unendlicher verschiedener Sound-Verkettungen erreicht. Dann deuten sich neue Ausdrucksformen an, sind ganz nah, fast greifbar, nachdem alle Tracks ineinander gerutscht waren und kurzfristig ein diffuses Ganzes bildeten. Jetzt muss alles neu sortiert und etwas hinzugefügt werden. Das ist der Augenblick Lucianos.

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Elektronische Lebensaspekte.