Lucianos zweites Studioalbum "Tribute the Sun" ist verspielt genau, elektronisch organisch, multikulturell persönlich. Südamerikanisches verschmilzt mit Schweizer Alphörnern. Im Kontinuierlichen, im Kontrapunktischen und vor allem in der Konsistenz liegt die Größe dieses Albums.
Text: Nikolaj Belzer

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Aus dem Special in De:Bug 136: HELVETIA HOPP!

Material aus drei Jahren hatte sich bei Luciano angesammelt, der älteste Track auf dem neuen Album ist gar vor fünf Jahren entstanden. Fast 150 Tracks waren es am Ende, aus denen er mit Kollegen und Freunden die 10 richtigen ausgesucht hat. Obwohl dieses Album im Gegensatz zum letzten – und, so Luciano, auch zum nächsten – ganz klar auf den Dancefloor zielt, ging es bei “Tribute to the Sun” auch darum Brücken zu bauen:

“Im Endeffekt ist es ein Mix aus meinen persönlichen, eher traditionellen Wurzeln und eben elektronischer Musik. Es war wichtig, verschiedene Farben mit auf das Album zu bringen.”

Die Palette reicht von Features des Senegalesen Ali Boule Santo mit seiner Kor-Harfe, dem Schweizer Bruno Bieri, als Erfinder der Hang, einer Art Finger-Steel-Drum, über die Britin Martina Topless-Bird, die durch die Zusammenarbeit mit Tricky bekannt wurde und mit der Luciano schon am nächsten Album arbeitet.

Musik ist für Luciano existentiell: “Meiner Stimmung entsprechend, ändert sich auch die Musik. Im Winter gehe ich mit meinen Kindern in den Bergen Snowboarden und komme abends frisch ins Studio. Oder ich muss nach einem langen Wochenende erst einmal die ganzen neuen Eindrücke wortwörtlich auskotzen. Es hängt alles miteinander zusammen.”

Einen Interlude-Track wie “Pierre for Ani”, der aus Field-Recordings im Backstage des Womb Clubs in Tokio entstanden ist, beschreibt Luciano entsprechend als das Stück Ingwer, das zwischen den Sushi-Stücken den Geschmack neutralisieren soll.

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Natürlich spielt hier auch der Cadenza-Sound mit rein: Lotion, rhythmisch und Drum-lastig, aber trotzdem alles andere als schwermütig oder dunkel. “Das sind halt meine Wurzeln, die kann ich nicht verleugnen. Selbst wenn ich etwas anderes versuchte, käme ich immer dorthin zurück.”

Das Lebendige, das Menschliche ist es, was Luciano an Musik begeistert. Trends, Modeerscheinung und die Orientierung daran gehen ihm ab: “Diese Themen entstehen doch nur, weil Leute, die eher über Musik reden, anstatt wirklich mit Musik zu arbeiten, etwas zum Quatschen brauchen.”

Das Faszinierende an “Tribute to the Sun” ist neben der Vielfalt an musikalischen Ansätzen die Soundästhetik. Zum einen klingt jeder Track, egal ob der von afrikanischen Kinderchören durchzogene “Los Ninos de Fuera” oder der Techno-Brecher “Metodisma” extrem organisch. Das liegt aber nicht nur in der Soundauswahl begründet – Luciano verweist hier auf die Unzahl von Hardware-Geräten, die er im Studio einsetzt -, sondern hat auch mit der Art und Weise zu tun, wie der Chilene arbeitet. Absolute Konsistenz steht im Mittelpunkt. Jeder Track klingt so, als würde er den ihm zu Verfügung stehenden Raum, den der Track paradoxerweise selbst vorgibt, bis zum letzten Winkel nutzen.

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Wäre Luciano ein abstrakter Maler, er würde auch alle Leerstellen mit “seinem” Weiß ausmalen. Ein Punkt, auf den er, wie er selbst sagt, ganz genau achtet. Immer genug, aber nie zu viel ist die Devise. Hierfür braucht es ein feines Gespür, um den Hörer zu überraschen, ohne den Track seines ureigenen Charakters zu berauben:

“Ich arbeite sehr hart daran, dass man selbst dann, wenn ein Element verschwindet oder neu auftaucht, als Hörer nicht verloren geht. Es gibt da einen großen Unterschied zwischen ‘Überraschen’ und ‘aus dem Konzept bringen’. Genau das ist für mich das Organische: neue Element hineinzubringen, die trotzdem noch Teil des Tracks sind.”

Typisch für diese Herangehensweise sind Tracks wie “Celestial” oder “Hang for Bruno”. Der Produktions-Ansatz ist weniger linear, vielmehr arbeitet der Schweizer Chilene in die Tiefe des (Klang-)Raumes hinein. Das passt zu Produktionen, bei denen vor allem die durch Drums generierte Klangästhetik im Mittelpunkt steht – Melodien, Synth, und Samples eher als Ausschmückung fungieren:

‘Hang for Bruno’ war eine wirkliche Herausforderung, da der Track ursprünglich allein mit Schweizer Instrumenten aufgenommen werden sollte. Ein Freund von mir hat in Bern sieben Jahre lang an der Konstruktion dieses Instruments [der Hang-Drum] gearbeitet, das Horn wiederum, ist ein richtiges Alphorn aus den Schweizer Bergen. Entstanden ist der Track, weil ein Fernsehteam bei mir im Studio für einen Bericht vorbeikam, als ich gerade mit der Hang rumspielte. Die sind total auf die Connection abgefahren, weil sie erst ein paar Tage vorher etwas über diese Jungs in Bern gedreht hatten. Also habe ich die in Bern angerufen, um eine große Reportage über die verschiedenen Schweizer Musiken zu machen, die sich schließlich auf diesem Track wieder zu einem Ding zusammenfinden.”

Luciano, Tribute To The Sun, ist auf Cadenza/WAS erschienen.

Aus dem Special in De:Bug 136: HELVETIA HOPP!

http://www.cadenzarecords.com

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