Düster ging's schon immer zu in den Filmen von Lukas Moodysson. Bei "Container" wird es auch noch experimentell. Ob der Shootingstar der Berlinale 1999 damit seine Vorschusslorbeeren verspielt hat?
Text: Verena Dauerer aus De:Bug 101


Das Leben ist nicht linear

“Lilja 4-ever“-Regisseur Lukas Moodysson stellt auf der Berlinale seinen neuen Film “Container“ vor und wirkt dabei ganz klein in Schwarz mit Hut. Falscher Eindruck, im Gespräch gibt er sich eigensinnig bis mürrisch verstockt.
“Container“ bedeutet zuallererst dem Namen nach ein Behältnis, eines für alle mädchen- und jungsrelevanten Dinge dieser Welt oder alle möglichen Einzelheiten einer Situation, bei der “99 Prozent aller Betroffenen weiblich sind“, wie es Lukas ausdrückt. 74 Minuten lang scheint es, als würde er Kram aus dem Netz präsentieren und hätte er die Blogs aller mädchenspezifischen Themen mittels einer Zitat-Software herausgefischt und zerschnipselt: vom Umgang mit dem Körper bis zu Essstörung und Selbstzerfleischung, von Britney über Brad Pitt und was sonst in den Klatsch-Foren und -Magazinen vorbeifliegt. Der Experimentalfilm verwurstet das als Bewusstseinsstrom. Es gibt keine Handlung, nur eine Stimme aus dem Off, die redet und immer müder redet, als würde sie querbeet aus verschiedenen Blogs vorlesen. Dazu hantiert ein dicklicher Junge halb assoziativ mit verschiedenen Gegenständen herum, irgendwann kommt ein Mädchen. Sie ist die Verkörperung von dem, wie es eigentlich in dem Jungen aussieht, schließlich fühlt er sich als Mädchen. Und dann ist da die Außenwelt, in der der Junge lebt.
Beide werden zusammen in ein voll gestopftes Zimmer gesteckt, umgeben von Moodyssons eigenen, gesammelten Sachen: Paris Hiltons Autogramm, gekauft bei ebay, eine Kollektion an DDR-Briefmarken, LPs mit Reden von Breschniew, die Stiefel der 90er-Jahre-Pornodarstellerin Savannah. Wieso gerade die? “Ihr richtiger Name war Shannon Wilsey. Das ist eine Angelegenheit, wo jemand mit einem neuen Namen ein neues Leben beginnen und mit dem alten auch das alte Selbst wegwerfen will. Darum geht es: sich selbst mit dem neuen Namen eine neue Identität geben. Das Innen ist eine andere Angelegenheit als das außen“, sagt Moodysson.
Das Außenrum kann aber so aussehen wie das Innen. Deshalb filmt er die beiden in Gebäuderuinen in Tschernobyl, auf einer rumänischen Müllhalde oder in einem Stockholmer Krankenhaus, das unter der Erde gebaut wurde: die ersten beiden Orte, schön in ihrem Verfall und wundervoll, wie sich in ihnen alles chaotisch auflöst und zur eigenen Ordnung findet. Das Chaos ist offensichtlich etwas, dem auch Moodyssons Filme immer mehr folgen und ihre Erzählstruktur aufgeben. “Fuckin Åmål“ handelte noch von lesbischen Teenagern, bei “Lilja 4-ever“ ging es um das Mädchenleben in Russland und seiner Ausbeutung als Prostituierte. Der letzte, “A Hole in My Heart“, hatte seine inhaltliche Struktur ganz aufgegeben und zeigte das Abbilden des Körpers beim Pornodreh. Moodysson zieht Personalisierungen vor: “Ich mache Filme über spezifische Orte und spezielle Sachen. ‘Container‘ ist die Ausnahme.“ Ja, hier packt er Dinge zusammen und guckt, was passiert. “Ich akzeptiere, dass die Welt aus Chaos besteht. Das wollen die meisten nicht wahr haben. Es gibt keine Ordnung, es gibt nur Muster. Die arrangiere ich nur so weit, dass sie zueinander passen“, sagt er. Also eher ein determiniertes Chaos, in dem er wiederkehrende Muster findet. Beim Filmemachen hat er es sich mit dieser Methode eingerichtet, denn “die meisten linearen Filme sind viel weniger wahrhaftig zum Leben, weil sie versuchen, das Leben dem Linearen anzupassen. Eine Geschichte von A bis C zu erzählen, bildet nicht das Leben ab. Das geht eher seine verschlungenen Wege.“ Wahrhaftig zum Leben sein, heißt etwa für ihn, assoziativ zu filmen: die Einrichtung des Zimmers, den Blick aus dem Fenster und dann vielleicht das Gegenüber, das den Raum verlässt. Also verfährt er beim Dreh, als würde er verschiedene gefilmte Wahrnehmungsmuster wie zum Puzzle zusammensetzen. Jeder erkennt mindestens einen Ausschnitt, ein Stückchen und könnte es, abhängig von seiner Vorgeschichte für sich zusammensetzen. Wenn er den Nerv dazu hat, denn gefilmtes Chaos anzuschauen ist schön, aber anstrengend. Das war gewollt. Lukas: “Man muss Sachen ausblocken und an ihnen vorbeigehen, um zu überleben. Sonst wird man schizophren. Interessant sind aber die Dinge, denen man sich nicht verschließen kann.“

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Elektronische Lebensaspekte.