Der Mond besteht aus grünem Käse und alle Klone sind identisch. Während der Luna Park 1903 Ersteres suggerierte, beweist Natalie Jeremijenko auf dem aktuellen "Art in Motion"-Festival, wie falsch Letzteres ist. 100 Jahre Wissenschaft als Freizeitspaß, auf der "Art in Motion" im künstlerischen Update.
Text: janko roettgers aus De:Bug 57

Wissen als Erlebnis
Das Art in Motion-Festival 2002

Als Leitmotiv für das dritte kalifornische “Art in Motion”-Festival dient Luna Park, der älteste Erlebnispark der Welt. Zur Eröffnung zeigte Natalie Jeremijenko, wie sie sich künstlerische Wissensproduktion im globalen Erlebnispark vorstellt.

Im Jahr 1903 eröffnete auf Coney Island Luna Park, der erste moderne Vergnügungspark der Welt. Luna Park war eine Art Disneyland, bevor Disney überhaupt an Disneyland denken konnte. Ein Meilenstein zur Organisierung des kommerziellen Vergnügens, aber auch ein Meilenstein der Popularisierung von Science Fiction als Erlebnismoment. Bis dahin waren Themenparks eher eine Mischung aus Laien-Theater, Zirkus und Zoo gewesen und hatten ihren Besuchern nur passiv konsumierbare Unterhaltung geboten. Dressierte Seelöwen, historische Schlachten, alte Kamellen.

Luna Park war da anders. Es führte seinen Besuchern nicht etwas vor, sondern nahm sie mit zu unbekannten Welten. Hauptattraktion des Parks war die “A Trip to the Moon”-Installation, bei der etwa 30 Besucher in ein Raumschiff verfrachtet und damit zum Mond befördert wurden. Dort wurden sie von freundlichen, singenden Mond-Zwergen empfangen, durch Krater und unterirdische Städte geführt und schließlich auch dem “Mann im Mond” vorgestellt. Zum Abschied gab’s von netten Mond-Jungfrauen grüne Käsehäppchen. So manch ein Besucher soll danach tatsächlich gedacht haben, der Mond bestünde aus grünem Käse.

Knapp hundert Jahre später hat der Luna Park-Käse ausgedient, und Disney bestimmt das Freizeitpark-Gewerbe. In Kalifornien, Florida, Paris, Tokyo, weltweit. Sogar im kommunistischen China baut man mittlerweile an einem eigenen Park. Der Hunger nach spektakulären Erlebnissen ist ungebrochen, ebenso wie der Drang nach dem Entdecken unbekannter Welten. Nur dass sich Globalisierung, Genom und Internet eben nicht so leicht mit Mickey und Donald erforschen lassen.

Deshalb steht das diesjährige Art in Motion Festival der School of Fine Arts der Los Angeles University of California unter dem Motto “Luna Park”. Mit einer Online-Ausstellung, mehreren Vorträgen und einem zweitägigen Symposium sollen bis Ende April “digitale Kunstpraxis und Kultur, die Entwicklungen der Begriffe Information, Globalisierung und unsere Faszination für das Spektakuläre” untersucht werden. Gemeinsam haben alle Beteiligten, dass sie auf die ein oder andere Weise Art in Motion, Kunst in Bewegung produzieren. Wobei das so ziemlich alles vom Film über die Schallwelle bis zur Flash-Website fassen kann.

SETI@HOME: DER USER ALS DUMMES TERMINAL

Zum Eröffnungsvortrag Ende Januar hatten die Organisatoren Natalie Jeremijenko eingeladen, die am Center for Advanced Technology der Universität New York lehrt und für das Künstlerkollektiv “Bureau of Inverse Technology” aktiv ist. Jeremijenko widmete sich in ihrem Vortrag der Frage, wie Künstler im Zeitalter der Informationstechnologie an der Wissensproduktion teilhaben und wie sie auch das Publikum in diesen Prozess einbinden können. Gerade daran mangele es nämlich vielen modernen Prozessen der Wissensproduktion, so Jeremijenko. So sei ein Distributed Computing-System wie Seti@Home ein gutes Beispiel dafür, wie man Leute nicht in die Wissensproduktion einbinde. Zwar sei das Projekt auf das Mitwirken tausender Freiwilliger angewiesen, diese müssten jedoch nicht im geringsten verstehen, was ihre Computer da eigentlich errechneten. “Der Benutzer wird zum dummen Terminal degradiert”, so Jeremijenko.

Und wie macht man’s besser? Zum Beispiel, indem man ein Online-Magazin für Biotech-Hobbyisten gründet und so die Debatte um Ethik und Eigentumsverhältnisse in der Biotechnologie (Wem gehört das Genom? Wer darf was? Welche moralischen Grenzen gibt es?) mit der Bastelkeller-Kultur verbindet. Denn wenn alle Technologie-Revolutionen in Kellern und Garagen anfangen, warum dann nicht in der eigenen für den Anfang ein bisschen menschliche Haut züchten?

TAUSEND KLONE, DOCH KEINER GLEICHT DEM ANDEREN

Als ein anderes Beispiel für Wissensproduktion durch Kunst nannte Jeremijenko das von ihr initiierte “OneTree”-Projekt. Anlässlich einer Kunst-Ausstellung zum Thema Biotechnologie stellte sie 1998 tausend Klone eines Baumes aus. Obwohl die Klone erst kurz vor der Ausstellung und unter exakt gleichen Umweltbedingungen gezüchtet worden waren, zeigten sich sehr bald deutliche Unterschiede. Einige wuchsen rascher als andere, einige hatten mehr Blätter, andere drohten, kläglich einzugehen. Die Ausstellungsbesucher fühlten sich übelst getäuscht, schließlich hatten sie identische Klone erwartet. Nur die Kunstkritiker übersahen laut Jeremijenko ausnahmslos die Unterschiede und sprachen von “beängstigender Gleichheit”.

Doch mit der OneTree-Ausstellung war das Projekt noch nicht beendet. 200 der Bäume wurden in der San Francisco Bay Area in verschiedenen Nachbarschaften angepflanzt. Dort werden sie zu einem vielfältigen Wissens- und Erlebnis-Angebot: Wissenschaftler und interessierte Laien können sie als Indikatoren für Luft- und Lebensqualität in den verschiedenen Nachbarschaften benutzen. Zudem lassen sie sich auch als grüne Kronzeugen für die Debatte um den Einfluss von genetischen Präpositionen und Umweltbedingungen auf unser Leben gebrauchen. Oder man kann sich auch einfach nur darunter in den Schatten setzen.

“HACKER PERFEKTIONIEREN DAS SYSTEM”

Neben diesen Biotech-Experimenten stellte Jeremijenko anlässlich der Art in Motion-Eröffnung noch zahlreiche weitere Projekte vor, die sich mehr oder weniger ernsthaft mit Wissensproduktion beschäftigten. So etwa das Schaukelpferd, mit dem sich die Erdbeben der Bay Area der letzten Jahre erreiten lassen. Oder, auch nett: Das Spionage-Modellflugzeug, das die “No Camera”-Zonen des Silicon Valley abfliegt, um hinterher mit höchst geheimen Aufnahmen langweiliger Bürogebäude wiederzukommen.

Mit dem universitären Wissensbegriff hat dies natürlich so viel zu tun wie der Mond mit grünem Käse. Doch Jeremijenko entzieht sich erklärtermaßen gerne dadurch der institutionellen Festlegung, indem sie sich gegenüber Wissenschaftlern immer als Künstlerin bezeichnet, gegenüber Künstlern aber lieber als Engineer. Nur Hacker, das möchte sie trotz MIT-Vergangenheit ganz und gar nicht sein:

“Hackern geht es um die Perfektionierung des Systems, indem sie Schwachstellen offen legen und so an seiner Absicherung arbeiten. Ich möchte das System eher in Frage stellen.”

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Elektronische Lebensaspekte.