Vladislav Delay hat in den letzten Jahren mit seinen Entwürfen von House und Dub gehörig polarisiert. Auf der dritten Luomo-LP lässt der Finne sein Sound-Universum endgültig in reiner Schönheit aufgehen.
Text: Anton Waldt aus De:Bug 107

Pop

Schüchtern im House
An der Saftbar mit Luomo

Luomo ist ein freundlicher Mensch, der einen ohne großes Aufheben dazu bringt, Dinge zu tun, die man erklärtermaßen nie und nimmer machen wollte: Karotten-Ingwer-Orangen-Saft trinken zum Beispiel. Schmeckt übrigens hervorragend und ist ein 1A-Katergetränk. Die Freundlichkeit Luomos ist jedenfalls von dieser unaufdringlichen, fast scheuen Sorte, die es etwa möglich macht, mit einem eigentlich Wildfremden über Klischee und Wirklichkeit finnischer Trinker, Musiker und Fischer zu plaudern, ohne dass die Angelegenheit ins Peinliche oder Kumpelhafte abgleitet. “Im Norden sind einfach wenige Menschen, da gibt es schlicht keinen Anlass viel zu reden.” Luomo, der neben Vladislav Delay auch die Pseudonyme Conoco, Sistol und Uusitalo pflegt, hat mit “Paper Tigers” ein Pop-Album von beeindruckender Schönheit vorgelegt, für die man allerdings eine gewisse Kopfstärke mitbringen muss: Schönheit will schließlich verkraftet werden. Nach allem möglichen Gewese um eine House-Renovierung, Dub-Einflüsse in der Basic-Channel-Tradition und Major-Label-Frust führt Luomo seine bisherigen Sound-Parameter nahtlos weiter, was mit sich bringt, dass die grandiosen Pop-Perlen auf “Paper Tigers” weitgehend auf Song-Strukturen verzichten und sich eher wie Landschaftspanoramen entwickeln und entfalten. Zum Einsatz kommen opulente Hallräume, Pet-Shop-Boys-glattgeschmirgelte Synthie-Bleeps, -Bounces und -Flächen und dazu fährt die finnische Jazz-Sängerin Johanna Iivanaine die ganze Palette aus Schmacht, Drama und Euphorie auf. Richtig rund wird die Angelegenheit schließlich durch das, was man nicht hört: die freien Räume neben, zwischen, unter und über den Sounds, in denen man wunderbar herumfliegen oder -liegen kann, um die Perfektion zu genießen oder sich was zu träumen.

Genug gesagt
Zum Interview bittet Luomo in eine Fruchtsaftbar im Berliner Bötzow-Viertel, das sich durch ein unaufgeregtes Alternativ- oder Szeneflair und vor allem durch die Abwesenheit von Touristen auszeichnet, was Luomo zu schätzen weiß, andererseits ist er niemand, den man mit städtischen Attributen sonderlich beeindrucken kann: Nach Berlin hat er sich verliebt, und er schätzt die Erreichbarkeit und andere praktische Aspekte der Stadt, aber am liebsten ist er in der Einsamkeit des finnischen Nordostens, eine Gegend, die auch nach dem Fall des Eisernen Vorhangs vor allem leer und weit weg ist: “Nach einigen Wochen stellt sich dort ein Zen-Effekt ein.” Auf dem Bürgersteig vor der Fruchtsaftbar frühstückt Luomo ein Obstsalatmüsli, wir blinzeln in die Sonne.
“Eigentlich wollten wir gar kein Interview mit dir machen, weil ‘Paper Tigers’ eigentlich gar keinen Erläuterungstext braucht.”
“Eigentlich gebe ich auch nur ungern Interviews, ich bin schüchtern.”
Also blinzeln wir entspannt, schauen dem unaufgeregten Treiben auf der Straße zu und auch das Mikrophon widmet sich scheinbar nur ganz im Hintergrund dem Gespräch, stattdessen sind auf dem Tape anschließend jede Menge Vogelgezwitscher, die Unterhaltungen anderer Fruchtsaftbarbesucher, Baustellengeräusche und vorbeifahrende Autos aller Coleur zu hören. Luomo ist wirklich ein sehr freundlicher Mensch.

About The Author

Elektronische Lebensaspekte.

Als Luomo erwischte uns der mysteriöse Produzent Luukas Onnekas auf einem Housebein, von dem wir nie etwas geahnt hatten. Warum die begeisterten Dankesadressen an Vladislav Delay gehen? Kerstin Schäfer klärt auf.
Text: Kerstin Schäfer aus De:Bug 39

House fällt in den Frickelbrunnen

Luomo

Eigentlich sollte es ja geheim bleiben, wer hinter Luomo steckt. So ein cooles Artist Unknown-Projekt mal wieder. Aber selbst bei denen weiss mittlerweile meine Oma, wer sich dahinter verbirgt. Lassen wir das. Bei Luomo war eigentlich schon der Alias ganz schön klangvoll: Luukas Onnekas. Das gibt man doch gerne mal als Suchbegriff im Netz ein. Bei dem Namen erwartet man natürlich ein “.fi”in der URL. Das war schon mal richtig. Aber die Auflösung ging leider viel, viel schneller, als allen Beteiligten lieb war. Sie war schon auf dem Promozettel zu entdecken, der dann sofort als Faksimile-Kopie in einschlägigen Kreisen kursierte. Allerdings ist schon die Musik alleine spannend genug, als das man in solche Spielchen verstrickt werden müsste. Verstricken wir uns lieber in der Musik. “Vocalcity”ist definitiv das überraschendste Housealbum des Jahres – auch wenn wir erst Januar hätten, könnte man das schon mit Gewissheit sagen -, denn es schafft auf völlig unangestrengte Weise den Schulterschluss zwischen einem unterschwelligen Deephousefluss und der Begeisterung für konkrete Knispelklänge, die sich eigentlich mit keinerlei herkömmlichen Grooveverständnis vertragen. Knispeln bekommt Körper, House wird zu “Neuer Musik”. Aus welcher Ecke da wohl der Wind weht? Aus der von Laptop-Frickel-König Vladislav Delay.

Vladislav Delay hat sich ja bis jetzt ziemlich zurückgehalten, was die konkreten Grooves auf dem Dancefloor angeht. Sein musikalisches Anliegen ging bis dato in eine ganz andere Richtung: Auf seinem letzten Album “Multila” auf Chain Reaction ist von subtilen Sountrackvisionen die Rede. Also soziologisch: Musik als subjektive Reflektion der eigenen Lebenswahrnehmung, mit allem, was so passieren kann. Dementsprechend gibt es nur vereinzelt durchgehende rhythmische Parts. Klingt nicht nachvollziehbar, ist aber visualisierbar anhand eines tiefen Brunnens, in dem das Wasser so klar ist, dass man bis auf den Grund schauen kann. Das Plätschern und Tropfen gibt eine Struktur vor. Das bleibt auch bei Delays rhythmisch stringentem Projekt Luomo so. Man weiss, das es House ist, aber die Struktur des Albums ist im gesamten so homogen, das “Vocalcity”nahezu ins Ohr fliesst. Also House in völlig anderen Zusammenhängen. Kein historisch gewachsener, kein selbst erlebter Background. Bei Vladislav Delay hing die Discokugel noch nie über dem Sofa. Er, der introvierte Musikempath, der Livesets als eine Art Urlaub erlebt, dachte sich: Wie ist House eigentlich strukturiert? Wie kann ich da mit Vocals arbeiten? Das Ergebnis ist eine synthetisierte Klangwelt à la Delay, die als Abstraktion von Minimal House deep wieder aufleben lässt. So klingt es auch nie kalt, sondern sehr warm. Zugegeben, er wird House schon das ein oder andere Mal in den Clubs gehört haben, aber er blieb immer eher den rauschigen Landscapes seiner Chain Reaction-Veröffentlichungen treu. Das Verbindungsstück zu Luomo ist da sein 22-minütiger Smasher “Huone” als Vladislav Delay auf Chain Reaction 26. Die Suche nach dem Beat beginnt hier zur Suche nach dem Gral der Perfektion auszuufern. Auch “Vocalcity” ist ähnlich komplex und detailiert. So beschränkt sich für ihn Musik auf die physische Erfahrbahrkeit des Produzierens, ist körperlicher Arbeit ähnlich. Abstrakt: Drehen links, schieben rechts, Gesang frontal. Und dann aber vier Wochen pro Track arbeiten. Zwischendurch wird nur das Haus verlassen, um mit dem Hund “Malte”(nicht identisch mit dem Sänger von Don Disco) Gassi zu gehen, eben Autoentertainment made in Finnland. Mit Luomo ist das Verkriechen hinter dem Laptopmonitor für Delay erst einmal vorbei. Let’s party.

Luomo “Vocalcity”erscheint Anfang September auf Forcetracks/ EFA.

About The Author

Elektronische Lebensaspekte.