Wieder mal geschafft
Text: Elisabeth Giesemann aus De:Bug 170

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Jeff McIllwain ist eine feste Bank, wenn es um die Verknüpfung von Pop-Affinität, Dancefloor-Verliebtheit und Sound-Forschung geht. Sein neues Album bricht zum wiederholten Male die in die Jahre gekommene Assoziationskette – Grunge, Starbucks, schnulzige Liebeskomödien – seiner Heimatstadt Seattle auf und macht deutlich: Die Westküste der USA ist längst ein Hotspot für elektronische Musik, nicht erst seit EDM.

Text: Elisabeth Giesemann

Bereits seit Ende der Neunziger prägt der geborene Texaner Jeff McIlwain von seiner Wahlheimat Seattle aus als Lusine die Elektronika-Szene. Was Lusine so besonders macht, ist das Organische in seinen ausgefeilten Produktionen. Die Experimente des ausgebildeten Sound-Designers gehen dabei über das konstante Ausloten technischer Möglichkeiten der Klangerzeugung hinaus, denn Lusines Musik bedeutet immer auch, die klassische Struktur eines Popsongs (aber auch die eines nur dahindudelnden Elektronikatracks) perfekt zu umgehen. Auch auf dem neuen Album baut sich dieses Spannungsfeld auf. “The Waiting Room” tendiert auffällig häufig in Richtung Popmusik, doch Lusine beweist sich als Meister der Balance: Die vielschichtigen und dichten Flächen bleiben dem Ambient-Techno ergeben und erhalten durch genauestens abgestimmte Breaks und Arrangements eine treibende Dynamik. Und das mehr denn je, wenn man McIllwains Backkatalog stichprobenartig querhört. “Ich hasse es, mich zu wiederholen und möchte auch nicht auf Teufel komm raus experimentell sein, sondern einen Track auch durch Komposition und Arrangement in eine neue Richtung lenken”, erklärt er.

Wurde auf “A Certain Distance” bereits die Pop-Affinität Jeff McIlwains in die komplexe Elektronika gewebt, ist diese Entwicklung hin zu vocallastigen Tracks auf seinem neuen Album noch deutlicher spürbar. Fünf der zehn Stücke beinhalten mal mehr, mal weniger prägnanten Gesang. Lusine zeigt sich vom allgegenwärtigen Indie der USA beeinflusst: “Ich hatte schon immer Spaß daran, mit Hooks zu arbeiten, will sie dann aber auch interessant in den Track einbauen. Ich nehme die Vocals immer möglichst trocken auf, um sie anschließend übereinander zu legen. Darauf folgt oft stundenlanges Editieren.” Dieser Aufwand lohnt sich, “The Waiting Room” mangelt es nicht an Vielfalt, denn die Pop- Konzeptionen Jeff McIllwains erhalten ihr Understatement durch die Vermeidung eindeutiger Aussagen. Kann man Lusine denn gar nicht festnageln? Worauf warten wir eigentlich im Waiting Room? Und schaffen es sein Heimverein, die notorisch erfolglosen Seattle Seahawks endlich mal wieder zum Superbowl? Lusine will sich auch in dieser Sache auf keine klare Prognose festnageln lassen: “Das kann ich dir so leider nicht sagen. Ein Album von mir beschreibt natürlich immer, wo ich musikalisch gerade stehe. Mögliche Interpretationen lasse ich aber lieber offen. Football? Ich freue mich auf Tennis im Sommer!”

Gute Community

Die Zusammenarbeit mit Ghostly International schätzt Lusine sehr, als musikalische Koalitionspartner will man gemeinsam der fragwürdigen EDM-Szene Qualität entgegensetzen. Gleichzeitig sieht er den Hype um Skrillex und dessen Bros gelassen, da er auch sonst seine musikalischen Bezugspunkte außerhalb der Top40 findet. Im Gegenteil gewinnt er der Entwicklung auch etwas Positives ab, schließlich verlieren die durch HipHop und Stadionrock sozialisierten Kids so ihre Kontaktängste zu elektronischer Musik und sind offener für neue Entdeckungen. Zum Beispiel Lusine? “Klar, aber es gibt hier in den USA auch viele andere interessante Künstler, wie meinen Freund Dave Pezzner, der auch aus Seattle kommt, oder Emeralds [die sich leider gerade aufgelöst haben, Anm. d. Red.] aus Portland. Generell würde ich selbst auch gerne viel mehr Musik hören, da das tatsächlich die größte Inspiration für meine Arbeit ist.”
Lusine will auch weiterhin die Elektronika-Fahne an der Westküste hochhalten. “Im Vergleich zu Europa ist die Bewegung hier natürlich sehr klein, aber wenn man dieses crazy EDM-Phänomen mal außen vor lässt, findet man in Seattle immer noch eine der größten Szenen der USA”, so McIlwain.
Das ist sicherlich auch zu einem großen Teil dem jährlich in Seattle stattfindenden Decibel Festival geschuldet. Jedoch: “Durch die Exklusivität elektronischer Musik entsteht natürlich auch eine gute Community, die Shows und Konzerte sind liebevoll kuratiert, ich verdanke dieser Tatsache viel. Berlin ist natürlich ein großartiger Ort zum Ausgehen und ich spiele dort sehr gerne, aber ich liebe Seattle, man müsste mich schon explizit von hier vertreiben.” Zu unserem Bedauern schieden die Seattle Seahawks am Folgeabend des Interviews aus den Play-offs aus. Wir bauen also lieber weiterhin auf Lusine.

Lusine, The Waiting Room, ist auf Ghostly/Alive erschienen.

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Elektronische Lebensaspekte.

Seit Jahren lässt Jeff McIlwain als Lusine mit seinen perfekt feinjustierten Tracks die Herzen der IDM- und Elektronika-Fraktion höher schlagen. Auf seinem neuen Album auf Ghostly International hat er jetzt den Dancefloor für sich entdeckt.
Text: thaddeus herrmann aus De:Bug 89

Raus aus der Kurve, rein in die Gerade
Lusine

Einer der Shooting-Stars 2005: Lusine. Nicht dass sich Jeff McIlwain in den letzten Jahre still verhalten hätte, im Gegenteil: Platten von Lusine zählen seit Jahr und Tag zum Besten und Frischesten, was auf Platte gepresst wird. Dass das in der Vergangenheit vor allem in Elektronika-Kreisen wahrgenommen wurde, ist mehr oder weniger Zufall und wird sich ändern. Zwangsläufig. Denn Lusine ist mittlerweile einfach anders unterwegs. So, wie er sich damals dem Phänomen Musik erstmalig näherte.
Bei Lusine ging es immer um Klang. Kaum jemand schütttelt so vielschichtige Klanggebilde aus dem Ärmel wie Jeff McIlwain. Weite, perfekte Räume, Hallfahnen, die noch minutenlang am Himmel des Tracks sichtbar bleiben, akzentuiert von dezidiert lässigen Melodien, zusammengehalten von den tightesten Beats, die ein Sampler je gesehen hat. Zu Lusine konnte man immer tanzen, doch jetzt, mit seinem neuen Album “Serial Hodgepodge”, tritt das so deutlich zu Tage wie nie zuvor.

Jeff McIlwain:
Ich mache Musik, weil ich vor Jahren DJ-Mixtapes gehört habe. Dance Music. Das war der Kick. Wie macht man das, habe ich mich damals gefragt. Ganz schön naiv. Das war Anfang der 90er. Ich hatte Freunde mit Samplern und fing an, Dinge auszuprobieren. Alles wollte ich verschmelzen, all die Musik, die ich mochte. Es dauerte drei Jahre, bis ich mir im Entferntesten vorstellen konnte, meine Stücke jemandem vorzuspielen. Wie gesagt, ganz schön naiv.

Debug:
Wie läuft ein Lusine-Tag ab, wenn du Musik machst?

Jeff McIlwain:
Aufstehen, Kaffee, Emails und dann die Session aufmachen, über der ich am Abend zuvor eingeschlafen bin. Mindestens 10 Mal durchhören, um mich daran zu erinnern, in welche Richtung ich den Track drücken will. Und dann weitermachen. Wenn ein Track noch ganz am Anfang ist, höre ich in der Regel viele Platten, um mich inspirieren zu lassen. Ich höre dabei ganz bewusst auf technische Details, die mir auch Spaß machen könnten. Manchmal kaufe ich alte Platten, die dann nach dem Zufallsprinzip gesampelt werden, manchmal mache ich auch Field Recordings. Ich brauche aber mindestens zwei Wochen, um einen Track zu machen. Die meiste Zeit bin ich also damit beschäftigt, wirklich schlechte Tracks zu machen, um herauszufinden, was nicht funktioniert. Ich verbringe mehr Zeit damit, Elemente zu löschen, als sie hinzuzufügen.

Debug:
Du hast über die Jahre für dich eine Art Trademark-Sound entwickelt. Wonach suchst du, wenn du Musik machst?

Jeff McIlwain:
Ich bemühe mich, Dinge anders zu machen, das ist das Einzige, was mich motiviert. Meine Musik reflektiert dabei schon das, was ich in anderen Produktionen höre, aber ich konzentriere mich auf die Dinge, die mich an Musik generell begeistern. Das ist ein Lernprozess und über die Jahre habe ich herausgefunden, was für mich funktioniert. Das ist wohl der Grund, warum ich einen charakteristischen “Sound” entwickelt habe.

Debug: Auf deinem neuen Album kommt zum ersten Mal deine straightere Seite zum Vorschein …

Jeff McIlwain:
Seit geraumer Zeit interessieren mich Aspekte von Dancemusic, die ich in der Vergangenheit einfach nicht wahrgenommen habe. Es sind nicht länger die langen Interludes, die Buildups, die polyrhythmischen Layer. Plötzlich sind es die Beats, die mit Melodien und Sounddesign Hand in Hand arbeiten. Vielleicht ist das der Grund, warum einige neue Tracks straighter wirken. Allerdings ändert sich mein Geschmack ständig, ich kann also nicht sagen, ob es zukünftig mehr Tracks dieser Art von mir geben wird. Dennoch: Clubs hatten einen großen Einfluss darauf, wie und warum ich mich auf Musik einlasse. Den Kontakt zur Einfachheit von Dancemusic haben ich nie wirklich verloren. Jetzt bin ich an dem Punkt, wo ich sage: Das kann ich auch. Das ist ja keine einfache Sache, den Dancefloor zu bedienen. Gleichzeitg bin ich immer noch großer Indie- und Akustikfan, Einflüsse, die sich wieder auf ganz andere Weise in meinen Tracks wiederfinden. Für mich funktioniert das: Je mehr Musik ich höre, desto motivierter bin ich. Wäre ich im Studio isoliert, wäre ich schnell gelangweilt.

Debug:
Du warst in der Vergangenheit immer wieder dafür verantwortlich, Elektronika neu zu erfinden, ein Genre, dass 2004 von vielen für tot erklärt wurde. Bleiben Musiker mit einem eindeutig definierten Soundverständnis auf der Strecke?

Jeff McIlwain:
Mir wäre es sehr recht, wenn Elektronika tatsächlich tot wäre, weil sich dann alle wieder neu orientieren müssten, wieder mehr experimentieren. Die Zeiten zwischen den Hypes sind die besten. Ist einmal eine “Szene” enstanden, klingt alles nur noch gleich. Dennoch wird es immer Musiker geben, die mit einem klar identifizierbaren Sound Erfolg haben, egal ob es gerade populär ist oder nicht. Man kann sich dann einfach über die Musik freuen. Das ist auch gut.

Debug:
Du hast auf sehr vielen Labeln veröffentlicht. Fast könnte man denken, du seist obdachlos …
Jeff McIlwain:
Ach, ich veröffentliche einfach gerne viel. Mehr, als ein einziges Label verkraften kann. Ich bin damit auch immer gut gefahren, so wird es auch in Zukunft bleiben.

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Elektronische Lebensaspekte.

Jeff McIlwain arbeitet als "Lusine Icl" seit Jahren an seiner ganz persönlichen Interpretation von herzerwärmender, crunshender Elektronik. Auf seinem neuen Album "Iron City" rechnet der Kompositionsstudent mit seiner Wahlheimat L.A. ab - auf faszinierende Weise.
Text: Rene Margraff aus De:Bug 62

Vielleicht auch intelligent
Lusine icl.

Numbers
Erstmal der Reihe nach: Jeff McIlwain ist 27 Jahre alt und wuchs in Austin, Texas auf. Seit zwei Jahren lebt er in L.A., dieser Riesenstadt, die neben finsteren Sachen wie Hairmetal auch gute Dinge wie das Plug Research Label hervorgebracht hat. Hierher kam er, um an der CalArt Uni Komposition zu studieren. Da er aber mit allem scheinbar ganz flott ist, hat er da schon längst abgeschlossen und nebenbei seit 1999 bereits drei Alben (auf Isophlux und U-cover), ein halbes Dutzend EPs und mehr als 14 Remixe und Compilationbeiträge veröffentlicht. Schluck. Auf Hymen ist soeben Album Nummer vier erschienen.

Say “maybe” to idm
Systemkritik Start. Ich muss schon gestehen, sobald ein Act das Label IDM (Intelligent Dance Music) aufgeklebt bekommt, fange ich an, zu grübeln und da ist es dann wieder … dieses verquere Bild in meinem Kopf. Argh, geh weg … Meist beschließe ich dann, nicht weiter nachzudenken und spar mir die Anschaffung des Tonträgers und schreibe stattdessen lieber “say no to idm” unter meine Emails. Albern, aber IDM ist für mich zu oft Musik, die so geht: Der Sound war in den frühen 90ern hip und neu, geändert hat sich nicht allzu viel, außer dass das meiste inzwischen aus immer dolleren Rechnern kommt. Vielleicht ist meine Vorstellung von IDM nur ein Monster unter meinem Bett, aber vieles klingt auch immer so leicht angeberisch supergut produziert und verdammt tot, repräsentiert einen schlimmen Konservatismus in der elektronischen Musik und ist daher Muckertum unter anderen Bedingungen. Schade. Systemkritik Ende. Natürlich gibt es auch schöne Autechre-Platten und glorreiche Ausnahmen im Jetzt, eine davon, ihr ahnt es: Lusine icl. Jeff ist auch wesentlich lockerer und weniger paranoid, wenn er den Zettel mit den drei Buchstaben zugeschoben bekommt: “Es ist sicherlich eine doofe Schublade. Um Musik zu vermarkten, braucht es das aber wohl. Das Problem ist nur, dass IDM inzwischen für einen bestimmten “Sound” steht. Das hat den Fokus dieser Szene (und auch bei mir selbst) doch stark eingeschränkt. Bald erkennt man dann aber, dass es auch sehr viel anderes Schönes und Originelles da draußen gibt. Ich selbst würde meine Musik nicht als IDM im engeren Sinne bezeichnen. Ich möchte so gut es geht verschiedene Genres morphen. Das interessiert mich viel mehr und ist auch das, was mich an der experimentellen Musik, die mich anfangs beeinflusst hat, so sehr faszinierte.”
Er spricht vom Morphen und das kann man auch ganz gut hören, denn neben einem unheimlichen perfekten, lebendigen, crispen Sound hat Jeff es sehr gut geschafft, dieses endlose Glitzern und Flitzern à la Arovane mit Mitnickrhythmen zu kombinieren. Auch der Einfluss seiner wieder entdeckten Ambientplattensammlung lässt sich auf dem neuen Album durchaus raushören. Seine Einflüsse und Lieblingsmusiken kamen in letzter Zeit vor allem von Susumo Yokota, Brian Eno, Yo La Tengo, The Sea & Cake, Electric Birds und (yeah!) Seefeel.

Iron City
Der Titel des neuen Albums – “Iron City” – klingt erstmal bedrohlich und nach Industrial. Die Musik ist aber überhaupt nicht so. Inspiriert ist der Titel von einem Buch von Don DeLillo: “Jemand hat mir “White Noise” empfohlen. Der Plot spielt in einer surrealen Stadt in Amerika, die mich irgendwie an L.A. erinnerte. Daher dachte ich, dass es durchaus passend sei, ein Album zu machen, dass sich vage auf meine Erfahrungen hier stützt. Allerdings meine ich das eher etwas abstrakter, für mich geht es vor allem um ein Hin- und Herspringen zwischen verschiedenen Emotionen.”
L.A. ist für Jeff keineswegs die Erfüllung eines (amerikanischen) Traums, denn “mein Verhältnis zu L.A. ist definitiv eine Hass-Liebe. Diese Stadt ist weird, das ist schwer zu erklären. Stell dir ein riesiges Einkaufszentrum in der Wüste vor mit einigen Menschen, die im “Biz” sind. Absolut klaustrophobisch. Die Musik hier? Manches ist echt okay. Ich höre immer diesen soulful Housekram im Radio und manchmal mag ich es, manchmal möchte ich aber auch einfach nur mein Radio klein machen. Aber diese eher “jazzige Herangehensweise” hat meine Musik sicherlich beeinflusst. Ansonsten zu L.A.: Stell dir vor an einem Ort zu wohnen, an dem es nur eine Woche im Jahr regnet. Die restliche Zeit ist sonnig und warm. Klingt nett, ist es aber nicht. Eigentlich ist es ziemlich deprimierend. Zudem weißt du nicht, was der Straßenverkehr aus dir machen kann, wenn du die Rushhour hier noch nicht erlebt hast. Daher denke ich, dass das Album meine Flucht ist, aber ich würde den Effekt der Stadt auf meine Musik nicht so betonen, obwohl es schon etwas damit zu tun hat.”

Labelhopping?
Jeff hat bisher u.a. auf Labels wie Isophlux, U-Cover, Delikatessen, Carpark und Eat This Records veröffentlicht. Ist dieses “Labelhopping” bewusst oder sucht er einfach nur nach den für ihn idealen Bedingungen? Jeff: “Ich bevorzuge Labels, die eher open minded sind, was ihren Katalog angeht. Ich weiß nicht, ob ich auf weiteren Labels veröffentlichen werde oder nicht, aber es müsste schon einen guten Grund geben, wenn ich das tun sollte.”
Schrieb er und arbeitete weiter an seinen Remixen und Stücken für Compilations auf Musik aus Strom, Tigerbeat6 und Sp.ark…

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