Wenn die Fußball-EM Afterhours hätte, würden wohl alle "3 Tage wach" hören, es ist so sportlich und lustig zugleich. Dem Erfinder des Überraschungshits ist das alles ein bisschen unheimlich, aber nicht unangenehm.
Text: Sascha Kösch aus De:Bug 123


Bunny-Fotos: tyreseus

Die Partyszene hat wieder einen Star! Wir sind in den Charts. Und natürlich nur von unserer besten Seite. Druff, druff, druff, Pille Palle, kann jeder mitsingen. Dank YouTube gibt es von dem Video mittlerweile Millionen Heim-Versionen verpeilter Raver, die sich mit sich selbst und ihrem irren Drauf-Sein rundum wohl fühlen. MTV, Jamba, Majorlabel. Vom kleinen Berliner Freunde-Label “Stil Vor Talent” ist da was ins Rollen gekommen, das der Schizophrenie der Clubszene wieder ein Gesicht gibt (und Hasenohren als Bonus) und für einen kurzen Moment ans Tageslicht bringt, was ansonsten im “Untergrund” die Nächte durchfeiert.

Aber Lützenkirchen ist alles andere als ein One-Hit-Wonder, sondern Workaholic-Produzent, Labelbetreiber von “Platform B” und an vorderster Front der Releaseflut von rockenden Technotracks aus dem Bayrischen “Great Stuff”-Konglomerat. Sein Debüt-Album “Pandora Electronica” ist zufällig auch noch gerade rausgekommen. Wir trafen ihn in Berlin beim Interview im Slot zwischen SuperIllu, Rolling Stone und Tagesspiegel.

De:Bug: Und, was hast du nach “3 Tage wach” alles schon mitmachen müssen?

Lützenkirchen: Ach, es geht. Für mich ist halt ganz nett, dass es eine ganz neue Situation ist, so viel Feedback zu haben. Ich sehe es mittlerweile als eine Art Forumserweiterung. Einfach eine abgefahrene Situation. Gerade wenn man aus so einem Soundumfeld kommt und eigentlich auch schon eine gewisse Erfahrung hat und gerade dann mit so einem Ding so eine Aufmerksamkeit auszulösen. Ich sehe das alles positiv.

De:Bug: Es könnten jetzt hunderttausend Drogengeschichten nachkommen, so als wäre es neu, gerade erst erfunden worden …

Lützenkirchen: Um Gottes Willen. Das ist auch der Punkt, wo ich ganz klar Stellung beziehe und allen sage: Leute, das ist einfach so. Schon immer. Punkt. Auch wenn dann wieder manche Leute sagen, das bringt die Szene in Verruf. Es waren gerade die Berliner, die den Track von Anfang an verstanden haben. Den Kontext, das Augenzwinkern, die Satire dabei. Die perfekte Startbasis für den Track.

De:Bug: Nicht wenige von denen, denen das vielleicht auf den Leib geschrieben ist, waren aber auch sprachlos: “Geht das vielleicht einen Schritt zu weit?”

Lützenkirchen: Für manche ist das vielleicht auch erschreckend. Vielleicht weil sie sich zum ersten Mal so sehen? Im Endeffekt ist es aber von vorne bis hinten eine Spaßgeschichte gewesen. Der gravierende Unterschied ist einfach, dass da mein Name drauf steht. Wenn das Fixi-Foxi-Projekt-X gewesen wäre, hätte das keinen interessiert. Und dann auch noch in der Konstellation mit Oliver Koletzki und Stil Vor Talent. Das waren die Grundauslöser. Es war eine Fusion mit Ollis Mitbewohner, der das animierte Video gemacht hat. Es ist einfach alles so passiert. Deshalb ist es uns auch, unabhängig davon, ob da jetzt jemand schreit “Verkommerzialisierung”, so scheißegal. Es ist doch großartig, weil man wirklich noch aus einer Szene, aus dem Underground raus, ohne dass ein dicker Apparat mit dem Hammer draufhaut, so weit kommen kann. Zwischendurch war es schon mal so, dass ich überlegt habe, was ich denn jetzt überhaupt mache, ob ich ab jetzt nur noch total underground fahre, nur noch super minimale Platten mache.

De:Bug: Lass mich mal raten. Du machst das, was du schon immer gemacht hast, einfach weiter.

Lützenkirchen: Genau. Ich lass mich davon nicht bekloppt machen.

De:Bug: Wo kommst du eigentlich musikalisch her?

Lützenkirchen: Ich bin gebürtiger Neusser. Habe mit Produktionen angefangen 1999 bei Ramon Zenker im Keller.

De:Bug: Deswegen spielt sich deine Vergangenheit vermutlich auch in einem Rahmen ab, von dem ich nie gehört habe, auf Labels, die ich alle nicht kenne.

Lützenkirchen: Wahrscheinlich. Ich habe ja angefangen mit Trance-Sachen. Nicht Kirmes-Trance, meiner Meinung nach, sondern gute Trance-Mucke. Techno war zwar auch immer Input, aber bevor der Switch zu Great Stuff kam, habe ich nie meinen Namen drauf geschrieben. Ich habe viele Koproduktionen gemacht und Engineeringjobs. Da waren dann auch Kirmestrancesachen dabei: Paffendorf, Mythos, das waren sehr kommerzielle Dance-Trance-Sachen. Ich fand es damals supergeil, kommerzielle Sachen produzieren zu dürfen, weil, wenn man es von studiotechnischer Seite betrachtet, ist das auf einem hohen technischen Niveau. Ich habe auch viel gemacht auf Dos Or Die, Aquagen und so Sachen, auch diverse Charttitel, einen Top 10 Hit mit Paffendorf “Be Cool” in England gehabt. Deshalb konnte ich auch, bis ich geswitched bin, super von Produktionen alleine leben.

De:Bug: Dann stecktest du wirklich sehr tief drin in Trance.

Lützenkirchen: Ja klar, zu dem Zeitpunkt war ich so richtig Trance, volle Kanne Melodie. Nicht Bollerbudekirmes, aber … Andere Sachen haben mich gar nicht erreicht. Dann habe ich jemanden kennen gelernt, der wollte mit mir was machen und kam an mit einem Stapel Elektro-Platten. Da bin ich vom Glauben abgefallen. Das war doch genau mein Ding! Seitdem habe ich nichts anderes mehr gemacht. Und dann kam auch schon 2005 der erste Deal mit Great Stuff. Und ich habe mich relativ zeitig auch von Elektro auf technoideren Sound reduziert. Mittlerweile habe ich aber, auch mit dem Album, kein Problem damit, volle stilistische Bandbreite zu fahren. Heißt: auch mal trancigere oder housigere Elemente in den Nummern zu haben, oder auch richtig Techno. Vor zwei Jahren bin ich dann nach München. Das war eine ganz spontane Idee. Die haben mir gesagt, wenn du Bock hast, nimm den Raum und mach ein Studio. Erst mal haben wir alle herzlich gelacht, aber dann dachte ich mir: wieso eigentlich nicht? Also LKW gemietet und gesagt, dass ich Anfang nächster Woche da bin. Das war der beste Move, den ich je in meinem Leben gemacht habe. Ein, zwei Monate später habe ich angefangen aufzulegen, relativ spät, und dann ging es sofort los mit Bookings, vor allem international. Ich wollte eigentlich nicht auflegen. Nach den ersten zwei Malen fand ich das aber so großartig, dass ich mich völlig reingekniet habe. Mittlerweile ist es so, dass ich schon gar nicht mehr richtig auflege, sondern auf dem Weg bin zu einem Liveset. Spiele nur noch meine eigenen Sachen, mache alles nur noch mit Controllern, minimum drei, und Ableton. Es ist spannend zu sehen, dass es funktioniert, wenn man ausschließlich seine eigenen Sachen spielt. Selbst wenn die Tracks noch keiner kennt.

De:Bug: Du hast aber auch wirklich alles andere als eine Knappheit an eigenen Tracks.

Lützenkirchen: Mir sagen die Leute auch manchmal, mach doch nicht so viel, aber ich mache das seit Jahren schon immer so. Und warum ich meine, dass sich vor allem andere Leute darum keine Sorgen machen müssen, ist, weil ich mich selber über längere Zeit selten wiederhole. Ich lasse mich viel inspirieren und bin wirklich nicht stilfest. Deswegen habe ich mich auch noch lange nicht totgelaufen. Wenn ich sehe, was ich alles noch in der Pipeline habe, denen werden die Ohren wegfliegen! Aber das finde ich daran auch so spannend, die Leute immer wieder vor neue Sachen zu stellen.

De:Bug: Was ist die Grundidee hinter deinem Label “Platform B”?

Lützenkirchen: Platform B ist aus dem Grund entstanden, weil es in der Münchener Szene zu viele Leute gibt, denen gesagt wurde, dass ihre Tracks irgendwann mal wo rauskommen sollen, aber dann doch nichts passiert ist. Es muss doch machbar sein, dass man jemandem eine B-Plattform gibt, die nicht unbedingt bei Great Stuff oder da oder dort sein muss. Deshalb habe ich auch den Namen genommen. Nur Münchner Leute. Nachwuchs. Wo ich der Meinung bin, dass sie alle eigen sind, die aber ansonsten nicht durchkommen. Die bewegen sich soundmäßig auf einem releasewürdigen Niveau. Deshalb war ich auch so fasziniert von Berlin, denn hier hat es das immer schon gegeben. In München gibt es für so etwas kein Beispiel. Zu meinem Erstaunen läuft Platform B dennoch gut. Dieser Megahype um “3 Tage wach” ist natürlich in der Hinsicht auch gefährlich, das ist wie ein Gummiseil: Wenn es nach vorne schießt, geht es auch genauso schnell wieder zurück. Es war aber nie meine Intention, einen auf Pseudopopstar zu machen. Und das wird auch nie so sein.
Konstanz ist wichtig. Wenn ich mir Sachen ansehe, die seit geraumer Zeit, unabhängig von dem, was gerade Trend ist, ihr Ding durchziehen, so kredible Sachen wie Mobilée oder Minus, Trapez, aber auch Leute wie Chris Liebing. Der ist wie Sven, eine der letzten großen Hausnummern der 1. Generation. Und jetzt kommt gerade die 3. Generation: die End-Teenies, Anfang-Zwanziger. Das werden ganz interessante Zeiten. Klar ist alles sehr eng zusammengewachsen, aber es werden auch einige über die Klinge springen. Das dauert auch nicht mehr so lange. Einfach weil der Outcome zu gering ist für die Masse an Leuten, die Sound machen oder auflegen wollen. Jeder, der Techno hört, will ja auch auflegen. Auf der anderen Seite sind das aber auch die letzten Leute, die Vinyl-Platten kaufen. Die Großen kaufen eh keine Platten mehr und machen nur noch digital. Aber all die so genannten “Möchtegern-DJs” sind verdammt noch mal die, die Vinyl bestellen. Ich sage: Gott und alle Welt soll auflegen.

De:Bug: Wie fühlt man sich eigentlich, wenn man selber beim Zappen zu einer Jamba-Werbung und selber der neue Frosch ist?

Lützenkirchen: Kein Scheiß, aber ich habe das noch nie gesehen. Ich weiß, dass es das gibt. Ich habe die Nummer selber auch noch nie im Radio gehört, ich habe das Video noch nicht auf MTV gesehen, Gott sei Dank. Ich kann mich in dem Lütze-Druff-Umfeld irgendwie ganz wohl fühlen. Eigentlich ist die Nummer ja doch genau ich. Als mir klar geworden ist, dass ich nie der coole Klicker-Klacker-Typ sein werde, weil das auch gar nicht meine Natur ist, ging das alles wunderbar. Wenn mich Leute fragen, wo ich hin will, dann fällt mir direkt so jemand wie Chris Liebing ein. Dieses in der Mitte bewegen. Der Typ ist nicht wirklich cool, aber auch nicht Kirmes. Klar, jeder wäre gerne mal irgendwann wie Richie Hawtin. Ultra Erfolg und dabei noch ultrakredibel, bis der Arzt kommt.

De:Bug: Wie alt bist du? Was hast du als Teenie gehört?

Lützenkirchen: Ich bin 31 und habe wie jeder, der so aussieht wie ich, einen gewissen HipHop-Background: EPMD, Redman, Too Short, dann G-Funk, Westcoast, aber dann bin ich schon ausgestiegen. Da war Schicht. Ich war sehr viel gitarrenmäßig unterwegs, Rage Against The Machine und so etwas. Dann Pink Floyd und so von meiner Mutter. Was lustig ist, denn jeder, der mir auf der Straße begegnet, würde mir HipHop als allererstes auf den Kopf schreiben. Dabei höre ich seit vielen Jahren kontinuierlich alle mögliche Musik, hab aber “Black” total ausgeklammert. Ich höre immer noch gerne The Doors, Cranberries, richtig Techno, liebe Placebo, viele englische Bands, Bloc Party, aber HipHop? Ich habe auch nie Basketball gespielt, sondern Handball. Ich habe immer wenig mit dem Eindruck, den die meisten Leute hatten, gemein gehabt. Und am wohlsten habe ich mich immer schon in Techno oder generell elektronischer Musik gefühlt. Ich weiß nicht, wie alt ich damals war, aber in der Schule habe ich mich dafür geschämt, weil ich Leila K. und Dr. Alban total geil fand. Dennis Pop ist nach wie vor mein allergrößtes Vorbild. Das kann ich so sagen. Er ist tot mittlerweile. Der hat Leila K., Ace Of Base, Dr. Alban, danach Backstreet Boys und N’Sync produziert, diese typischen Beats. Das war das Ding, was mich damals total gepackt hat. Alle waren auf Run DMC, NWA, “Fuck The Police”, und mir war das so peinlich, wenn auf meinem Walkman Leila K. lief. War auch ein riesen KLF-Fan, konnte aber mit U 96 nie was anfangen, aber ich bin im Laufschritt auf 150BPM durch die Königsburg. Keine Frage.

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Elektronische Lebensaspekte.