Mia, energetische Techno-Producerin und DJ, hat mit Allüren nichts am Hut, rüttelt an den Grenzen der kölschen Enklave und buchstabiert Acid neu. Crunchy Kölnflocken, sozusagen. Und mit guten Bekannten wie Ada und Falko Brockspieper geht's Richtung Zukunft durch die Nacht.
Text: Johanna Grabsch aus De:Bug 80

Mia. Ja, Mia. Mia aus Köln, die Techno Producerin und DJ, natürlich. Die, die stets hinter den Plattentellern so unglaubliche Energien entwickelt, dass man sich heillos betrinken muss, um nicht in den Tanzstrudel aufgesogen zu werden und sich hilflos bis in die frühen Morgenstunden nicht mehr daraus befreien kann.
Als ich das erste Mal von Michaela Grobelny gehört habe, war ich interessiert,
als ich sie das erste Mal gehört habe, war ich überrascht. Jetzt produziert sie ein Album und ich bin begeistert.
Fernab von jeglichem Hype à la Ellen Allien oder Miss Kittin sitzt dort im Ehrenfelder Studio in Köln eine Frau, die nicht nur ihre eigenen Tracks produziert, sondern auch das Label co-betreibt, auf dem die meisten ihrer Perlen erscheinen.
Mit einer Knister-Pop-Variante von Acid, wenn es so etwas gibt, rockt sie auf “Schwarzweiß”, meine Herren, von Detroit nach Berlin und erfindet dabei mal eben ein neues Sub-Genre elektronischer Tanzmusik.
Und mir fehlen die Worte. Aber nun ja, ein Beat ist ein Beat und der ist hier bestimmend, mal versetzt und verspult, verschwurbelt, meist verstärkt, immer wieder mal vertrackt, und dann doch verdammt simpel. Das Interessante an den Tracks ist ihre Komplexität, ihre konstante Entwicklung.

Aus anfänglich minimal anmutenden Housetracks erschließt sich mal ein ravendes Acid-Monster, das via Stimme in eine weiche Hybridform zurückgemorpht wird, mal ein straightes Technobrett, das auf dem Pianoumweg in sanfte Elektronikafedern gekleidet wird … Ließe sich der gängige Popbegriff noch um so etwas wie Kölner Acid erweitern, hätte er heute etwas dazugelernt.

Und dann auch noch: Vocals – Gesang in Techno – ein schwieriges, weil schnell kitschiges Thema, an das sich die Autorin hier ohne Berührungsängste heranwagt. Und tatsächlich haben die kurzen Gesangsfragmente den gegenteiligen Effekt. Statt vordergründig Handtaschenhousecontent zu liefern, lässt Mias leise, zerbrechliche Stimme die Stücke immer wieder verhalten sagen: “Ich trete euch in den Arsch und lasse eure Hüfte jubilieren, und dass auch eure Augenbrauen zucken und euer Herz sowieso schon längst mir gehört, merkt ihr erst hinterher.”
Selbst Kölner Minimal-Puristen können sich ungehemmt darauf einlassen.
Vielleicht liegt das daran, dass ihre melodietragenden Strukturen wie Rhythmus-Elemente funktionieren und dadurch die sonst sehr sweet und verspielt anmutenden Bassläufe, Chords und Melodien etwas Souveränes, Unantastbares, neutral Kickendes bekommen.

Von 2life-Crew lernen …

Singen tut sie schon lange, wenn auch hier das erste Mal erkennbar. Früher ging‘s mit dem Chor auf Tour, dann wurde die Kutte durch ein Skateboard replaziert, 2life-Crew und Public Enemy im Ghettoblaster, eine verspätete Hippie-Phase ließ durch die Doors of Perception die Melancholie in ihre heutigen Produktionen einfließen. Sagt sie. Ihre (fast zehnjährige) DJ-Karriere hat sich genauso entwickelt wie ihre Tracks. Erst dem minimalen Sound mit Leib und Seele verschrieben, ließ ihr der Schalk im Nacken immer weniger Ruhe und Pop und Techno schlichen sich ganz unverblümt in ihre grandiosen Sets. Jetzt erzählt sie mir ebenso unverblümt, dass sie schon immer der Meinung war, sie könne das einfach, das Musikmachen, meine ich. Bei den Großeltern habe sie sich schließlich auch einfach so ans Piano gesetzt, das so dringend erwünschte Schlagzeug wurde ihr leider nie geschenkt. Aber selbst ist die Frau und das Gott sei Dank. Nach dem anfänglichen Herumprobieren mit Groovebox und Mikro hat sich das Knöpfchendrehen ausgezahlt und letztendlich den musikalisch eingeschränkten Kölner Mikrokosmos mit einem Lächeln um ein Grinsen erweitert.

Debug:
Warum Vocals in Techno? Was bedeutet es für dich, Stimmen zu verwenden?
Willst Du Inhalt in einen sinnentleerten Kontext bringen, oder reihen sich für dich Vocals einfach in die Liste benutzbarer Instrumente ein?

Mia:
Ich komme vom Singen, Singen war immer meine Art von Emotionsbewältigung, Aggressionen, Traurigkeit und Wut zu kompensieren, Freude auszudrücken. Singen hilft gegen alles, ich habe gerade gelesen, dass es tatsächlich das Immunsystem stärkt. Ich habe auch schon auf meinen “Traum”-Releases viel mit Stimme experimentiert, allerdings in einer sehr abstrakten, unfassbaren Form verfremdete Vocal-Fetzen eingesetzt, so wie z.B. jetzt im ersten Track, da sind die Strings auch nichts anderes als von mir eingesungene Stimmen.
Jetzt habe ich das konkretisiert, weil ich denke, dass die Stimme immer noch die persönlichste Art und Weise ist sich auszudrücken, gerade im Techno etwas gegen die ganze Technik zu setzen. Es gibt auch den härteren Tracks etwas Songorientierteres, weniger Aggressives. Ich wollte Emotionen transportieren, nichts Abstraktes, die Lyrics sind teilweise Versatzstücke aus dem Internet – very supersticious z.B. ist ein Zitat von Stevie Wonder.

Debug:
Warum hat es so lange gedauert, bis du dich endlich entschieden hast, ein Album zu produzieren, war dir das Format unheimlich?

Mia:
Ein Album ist einfach etwas sehr Persönliches, ich hätte auch jetzt fast lieber eine Doppel-Twelve-Inch gemacht. Ein Album betrachte ich mit einem anderen Respekt, es sollte eine Geschichte erzählen, eine Geschichte von dir. Die Musik sollte facettenreich sein, überraschen wie z.B. Alcachofa – Ricardo Villalobos’ Album, wer hätte gedacht, dass er eine solche Platte produzieren würde?
Die Tracks auf Schwarzweiß haben alle eine gemeinsame Geschichte, sie sind in der gleichen Zeit entstanden – stehen aber für verschiedene Emotionen und reflektieren somit wieder mich im Ganzen. Deswegen habe ich mich dann letztendlich doch für dieses Format entschieden.

Debug:
Bekommst du eigentlich einen Frauen-Bonus, wird immer darauf hingewiesen, dass du deine Musik ganz alleine und ohne Jungs machst?

Mia:
Es ist immer noch so, dass ich extra darauf hinweisen muss, weil immer angenommen wird, die Musik würde irgendwie von Falko (Brocksieper – Labelmitbetreiber und Freund) produziert und ich wäre, wie die meisten anderen weiblichen Artists, eigentlich nur Gesicht und Stimme. Es ist schade, dass das immer noch ausgesprochen werden muss, aber ich denke, es ist wichtig. Die meisten Frauen haben einfach immer noch zu wenig Selbstbewusstsein, um sich im Technobusiness behaupten zu können, und fangen deshalb gar nicht erst an zu produzieren.

Debug:
Ja, es ist auch immer wieder auffällig, dass die Frauen hinter und die Jungs vor den Kulissen arbeiten, vielleicht gibt es aber auch nur zu wenig Identifikationsfiguren für den Nachwuchs …

Mia:
Ich glaube, durch Ada hat sich auch einiges verändert, dadurch, dass sie rausgeht und live mit ihrem ganzen Equipment performt, kriegen mehr Leute mit, dass sie ihr Zeug auch produziert.

Debug:
Ihr solltet zusammen auf Tour gehen.

Mia: Ist in Planung …

Debug:
Und was ist mit Falko, plant ihr dann doch auch mal, zusammen zu arbeiten?

Mia:
Ja, tatsächlich sind wir jetzt nach fünf Jahren soweit, dass wir das probieren wollen. Einen gemeinsamen Remix für Basteroid gibt es schon. Wir mussten uns beide erstmal austoben und an unseren eigenen Produktionen abarbeiten, bis wir fähig waren, zusammen ins Studio zu gehen.

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Elektronische Lebensaspekte.