Interview über Arbeitsweisen und den Sound des “Vapor City“ Albums.
Text: MULTIPARA aus De:Bug 176

Machinedrum

Mit “Room(s)” vermählte Machinedrum die Rhythmik von Footwork und Drum and Bass mit der Emotionalität von R&B und der Intensität flächiger Elektronik. Auf der neuen Heimat Ninja Tune ist ein mehrere Alben umspannender Entwurf seiner Traumlandschaften geplant, wie Travis Steward im Gespräch erzählt. Den Anfang macht “Vapour City” – ein Stadtplan im Albumformat.

Man muss glatt zwei Mal hinhören, um wirklich zu erfassen, dass es sich bei der rhythmischen Heimat von Machinedrums neuem Album “Vapor City” um Drum and Bass und Jungle handelt. Ein Kreis, der sich schließt, denn die Erzählung dahinter geht so: Travis Stewarts Projekt, noch auf der Highschool in North Carolina gegründet, sollte die polyrhythmische Komplexität und Energie von Drum and Bass via Edits aufs Gerüst von Hiphop übertragen – seine EPs und Alben auf Merck, erschienen in den frühen 2000ern, wurden zu Klassikern des Glitch-Hop. Nach zahlreichen Releases und Aufträgen als Producer in New York überraschte das Album “Room(s)”, erschienen 2011 auf Planet Mu, mit umgekehrten Vorzeichen: halsbrecherische Footwork-Beats jagen durch schwerelos driftende Traumbilder, durchweht von Schatten regennasser R&B-Vocals. Der rote Faden, der die Ansätze von damals und heute verbindet, ist die Faszination an der Gleichzeitigkeit
verschiedener Zeitebenen, einer langsamen und einer schnellen, deren Zusammentreffen im Gefühl einer Zeitentrückung resultiert.

Trotz der Konstanten in Stewarts Musik, ob griffige Ideen als Track-Ansätze oder Gitarrenpickings als Ruhepole, der emotionale Kern seiner Musik ist heute ein ganz anderer. Vorzeichenumkehr eben. Mit “Room(s)” kam der Umzug nach Berlin als Basis für ein Leben auf Tour, ob allein, mit Praveen als Sepalcure oder mit Jimmy Edgar als JETS: immer in Bewegung. Die Produktion findet meist in Hotelzimmern statt, an Laptop mit Controller und Kopfhörer. In den Monaten vor und nach dem Umzug schlug sich das nachts in häufig wiederkehrenden Träumen nieder, in denen sich Stewart in einer riesigen Stadt wiederfand, die immer deutlichere Gestalt annahm, in der sich sukzessiv Bezirke konkretisierten, die fast ein drittes Zuhause wurde. Es entstand die Idee diesen Bezirken Tracks zuzuordnen, daraus ein Albumthema zu formen, als Soundtrack. Mit der Unterschrift bei Ninja Tune im März diesen Jahres kam die Möglichkeit, daraus mehr zu machen als das nächste Album: “Vapor City” erscheint als Initial eines ganzen Geflechts aus kollektivem Traum, an dem die umsetzenden Videokünstler und Coverdesigner ebenso Anteil haben wie die interpretierenden Remixer und schließlich das Publikum selbst.

Ein Konzept auch, dessen erste Blüten zeigen, dass es von dieser produktiven
Offenheit lebt: das aufwändige Artwork, das Dominic Flannigan (regulärer Kollaborateur seit seinen Releases auf Lucky Me) und Eclair Fifi dem Album und der ersten von vielen EP-Auskopplungen verpasst haben, das Video zu letzterer von Weirdcore, und wir zählen hinzu auch das herausstechende Sounddesign von Richard Devine auf dem letzten Albumtrack.

Der letzte Zugang zu Stewarts Traumstadt bleibt anderen ja verschlossen – und was wäre durch ihn auch gewonnen?

Travis Stewart: Das gehört definitiv zu den Dingen, die verständlicher werden, wenn man die Live-Show, die Webseite, die Videos und District EPs und all die anderen Projekte um “Vapor City” sehen und hören wird. Mir ist mit der Zeit auch bewusst geworden, dass die Kohärenz der Stadt, die Wahrnehmung ihres einheitlichen Aussehens, in erster Linie ein Gefühl war. Es macht Spaß, sie mit
anderen zusammen visuell auszugestalten, auch Teile zu entwickeln, die es so in den Träumen nicht gab. Dem Gefühl der Stadt am nächsten kommt man aber durch die Musik. Es ging nicht um eine buchstäbliche Rekonstruktion der Träume, ich wollte nicht nur den Künstlern sondern auch den Hörern Freiraum lassen, sich ihr eigenes
Bild zu machen.

Hin und wieder träume ich von der Rückkehr in seltsame Wohnungen, in denen ich real nie gelebt habe. Die Träume sind nostalgisch, aber auch unangenehm und ich frage mich, ob es in der Arbeit an “Vapor City” um Exorzismus ging, oder um eine Art des Weiterträumens mit anderen Mitteln, durch die Öffnung für Input anderer Künstler.

Stewart: Genau das ist es: Ein Gefühl unbedingter Vertrautheit im Traum, und das gegensätzliche Gefühl der Verwirrung und Desorientierung nach dem Aufwachen. Das Seltsame ist ja, dass man spürt, an einem vertrauten Ort zu sein, ohne das auf Anhaltspunkte zu stützen. Man erinnert sich nicht konkret, sondern erlebt sich als erinnernd. Aber der Grund für das Konzept war letzten Endes einfach der Wunsch, eine neue Art der Erfahrung eines Albums zu schaffen. Man kann die Musik genießen, ohne das Konzept zu kennen, aber wenn man will, auch tief darin eintauchen. Es ging außerdem um die Möglichkeit, eine Plattform für Inhalte zu schaffen, die nicht reine Promotion sind. Als Kind wollte ich unbedingt Videospiele entwerfen, Rollen- oder Simulationsspiele, alles was mit Maps zu tun hatte; meine Grundschulhefte sind voll mit Entwürfen solcher imaginären Welten. Näher als mit “Vapor City” werde ich an diesem Kindheitstraum wohl nie kommen.

Schleichend hat in den letzten Jahren eine neue Schar von Produzenten Drum and Bass für sich wiederentdeckt – in England, aber vor allem auch in den Staaten. Dass der Schritt von Footwork zu Drum and Bass dank Tempoaffinität und verwandter Kicksetzung auch in Chicago durchaus naheliegt, lässt sich etwa an DJ Rashads neuem Album auf Hyperdub (S. 22) verifizieren. Bevor in “SeeSea” schließlich unter strömendem Surf-Folk-Vocalgranulat der Juke-Puls wiederkehrt, herrschen auf “Vapor City” vertraute und doch in ihrer freundlichen Leichtigkeit wie neugeborene Beatstrukturen, als hätte es Techstep oder Breakcore nie gegeben.

http://www.youtube.com/watch?v=UfXHiz-9FUE

Stewart: Meiner Ansicht nach lag der Niedergang von Drum and Bass an diesem Druck, dass alles Formeln genügen musste: 170 bpm, eine bestimmte Art von Snare-Sound, ein bestimmter Aufbau, eine bestimmte Art von Synths und so weiter. Man weiß zwar, was einen auf einer Party erwartet, aber irgendwann gibt es keinen Raum mehr für Entwicklung. Labels wie Exit oder Astrophonica experimentieren jetzt mit Fusionen in Richtung Juke und Dubstep, und diesen frischen Ansatz finde ich aufregend. Meine Anfänge waren ja auch, dass ich Hiphop und Jungle/Drum and Bass zusammenbringen wollte. Gerade bei Drum and Bass, das schon so lange festgefahren ist, ist es sehr inspirierend, heute andere Künstler zu hören, die versuchen, Elemente unterschiedlicher Genres zu verbinden.

Was ziehst du aus deinen eigenen
Kollaborationen?

Stewart: Das ist immer eine Lernerfahrung, nicht nur über die
Arbeitsweise anderer Musiker, sondern auch über meine eigene, wenn mir jemand über die Schulter sieht, den ich schätze; wir versuchen einander zu beeindrucken und geben deshalb unser Bestes. Es macht aber auch Spaß, weil man mit Genres oder Ansätzen konfrontiert wird, mit denen man nicht unbedingt von sich aus umgegangen wäre. Und man kommt viel schneller voran, weil man oft die Rollen tauschen kann, wenn der eine die DAW übernimmt während der andere etwa eine Idee an einem Synth entwickelt.

Der hohe Grad an Wiedererkennbarkeit des Sounds von Machinedrum, etwa in Gestalt seiner via Noisegate in Vibration versetzten Ambient- und Fieldrecording-Räume, verdankt sich nicht zuletzt auch einer Beschränkung der verwendeten Mittel – früher in fitzeliger Kleinarbeit am Tracker, mittlerweile in stromlinienförmig optimiertem Workflow an einem Standard-Sequencer. Eine Qualität, die von Stewart in Interviews immer wieder als positiv und willkommen bewertet wird.

Würdest du sagen, einen persönlichen Sound zu entwickeln sei für einen Künstler ein erstrebenswertes Ziel? Wie denkst du über die Ansicht, dass es für den Künstler vor allem darum gehen sollte, an der Erweiterung des eigenen Horizonts und der eigenen Fähigkeiten zu arbeiten, weil die persönliche Identität sich ohnehin und von ganz allein ihre Bahn bricht?

Stewart: Ich halte nichts davon, vorgegebenen Regeln zu folgen, wenn es darum geht Musik zu machen, oder den eigenen Sound zu finden. Stell deine eigenen Regeln auf. Wenn ich meine Arbeitsweise beschreibe, dann ist sie genau das: Meine. Jeder hat seinen ureigenen Zugang zur Kunst, es gibt keinen speziell richtigen oder falschen. Für mich persönlich ist die Beschränkung wichtig, je weniger Optionen an Synths, Effekten und Gizmos ich habe, desto fokussierter werden meine Ideen. So viel Musik aufzusaugen wie ich kann und mein Handwerk so gut zu erlernen wie möglich, das ist für mich als Künstler Pflicht.

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