Der Trend weg von sleaziger Einfachheit und Skateboard-Chic ist natürlich auch am Fuß abzulesen und passt sich der Röhren-Jeans an. Mit italienischer Tradition gekoppelt, läuft der neue Allroundsneaker der langbewährten und ausschließlichen Casual-Leitkultur endlich fortsetzend den Rang ab.
Text: Timo Feldhaus aus De:Bug 102

Stöckelschuhe für den Herren kommen gerade ja ganz groß, nicht mehr nur Drag Queens im Darkroom tragen die, sie entwickeln sich fast schon zum Pflichtaccessoire halbseidener Ausstellungseröffnungen und anderer In-Veranstaltungen. Dass dies allerdings jeder tragen würde, ist genauso übertrieben wie die waghalsige Impression Jean Paul Gaultiers, der Herrenrock sei auf Pariser Straßen zur Massenware verkommen.

Nein, etwas anderes beherrscht das Fußbild urbaner Bürgersteige: der schlichte, dem italienischen Halbschuh nachempfundene Sneaker. Am drastischsten und Budapester-mäßigsten wohl bei Schmoove oder Swear, gibt es zuhauf mildere und ungezwungenere Varianten. Von Pointer, PF Flyers, OneTrue Saxon über Ubiq, Fred Perry bis Spring Court oder Schmid International.
Schon damals, als man sich gerade zwischen Torsion, Kangeroos und Air Force entscheiden konnte, hat man immer gedacht, so ein bisschen schicker, das wäre doch was, schlichter, feiner vielleicht. Man griff dann zum Half Cab von Vans oder eben Adidas’ Stan Smith. Natürlich war man von Gedanken an Italienisches meilenweit entfernt. Bloß ein Weniger an Farbe, ostentativem Markenzeigen und juvenilem Klimbim sollte es sein. Gab’s aber nicht. Nun aber, im Anhang von modischem Rückbezug auf klassisch bis konservative Gediegenheit und einem neuen Pragmatismus unter Beibehaltung von credibil-sportlicher Pfiffigkeit, scheint es plötzlich überraschend einfach. Und die großen Designer ziehen mit. Marc Jacobs für Vans, Kim Jones für Umbro und Alexander McQueen für Puma führen weiter, was Hedi Slimane seinerzeit begonnen hat.

Die distinguierten Modelle erinnern daran, dass es nicht erst eine Idee der Bay City Rollers oder Ramones war, Leinensneaker im Freizeitbereich zu tragen. Viel früher schon gab es unerschrockene Pioniere, die aller Etikette zum Trotz den Sportschuh an der Hotelbar trugen. Die Helden in den Kurzgeschichten John Cheevers schlürften in den 30er Jahren an den Pools amerikanischer Modernism-Bauten in ebenjenen flachen Seidensneakern Gin mit wenig Tonic.
Bereits Chefdandy Beau Brummell propagierte Ende des 19. Jahrhunderts die neue Schlichtheit. Als adlige Kreise noch ganz der höfischen französischen Mode folgten, setzte er statt auf ausgestellte Blasiertheit auf unauffällige Tragfähigkeit, brauchte trotzdem oder gerade deshalb fünf Stunden zum Anziehen und legte nebenbei den Grundstein für den modernen Herrenanzug. Das Weniger ist eben nicht gleich weniger.

Egal ob Chanel, Raf Simons, Yoshi Yamamoto oder Kris Van Asche, alle haben Schuhe in der Kollektion, die entschieden oft dem schlichten Superga 2750, eben jenem Klassiker unter italienischen Leinenschuhen, nachempfunden sind.
Die Membran dessen, was früher mal Turnschuh genannt wurde, ist durch die riesige Anzahl Hybride definitiv durchlöchert bis verleiert. Nun muss sie eben auch noch den italienischen Halbschuh durchlassen, damit der Sneaker besser zur Acne-Jeans passt. Der kriegt jedoch genau die Kurve zwischen coolem Jay Z und preppy-salonhaftem Gatsby und bedient so weit mehr als die lahme Golferattitüde des zum einzigen Klischee verkommenen Lacoste.

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Elektronische Lebensaspekte.