Verfeinerungs-Schnösel im geistreich müßigen Feuilleton
Text: Jan Joswig aus De:Bug 119


Die Rückenfigur auf dem Cover – abweisend und romantisch zugleich – ist geblieben. Auch nach fast einem Jahr Pause hält das Magazin von Götz Offergeld an seinem Konzept fest: eine flattrige, überdimensionierte Zeitung in Grau/Weiß, die so naserümpfend auf jegliches Einladende verzichtet wie eine alte Blankeneser Dame, dabei aber Connaisseur-Aura ausströmt. Das Magazin für das Hoch in jeglicher Kultur will luxuriös sein, aber auf keinen Fall neureich. Understatement und Noblesse und der Zwang zum zweiten Blick sind die Argumente von Liebling.

Offergeld und der neu eingestiegene Herausgeber Markus Peichl, berühmt als Tempo-Mastermind, geben dem Poetischen im Banalen (Seife als Essay-Thema), dem Kulturellen im Pornografischen (Adriano “I like my style“ Sack porträtiert das Magazin “Puritan International“), dem Ästhetizistischen in Sockenfragen (Vanity Fairs Marco Rechenberg über seine Kleiderphilosophie) oder dem patinierten Größenwahn im Musikentertainment (Fetisch, Hell und Westbam) verschwenderischen Raum. Die Fotos von Mirjam Wählen in ihrer Mischung aus repräsentativ und privat treffen genau den Geist des Magazins. Es rückt einem romantisch nahe und stellt gleichzeitig permanent Distinktionshürden auf. So changiert Liebling zwischen Wohlfühl-Tapete für Verfeinerungs-Schnösel und geistreich müßigem Feuilleton. Oft scheint mit der Verschwendung aber auch nur der Verschwendung wegen geprotzt zu werden.

Als neues Rolemodel entdeckt Liebling nach Musikern und Künstlern die Theaterschauspieler. Damit definieren sie ihre Leserschaft: Jungerwachsene mit einem Generalabonnement für die Premium-Premieren an den deutschsprachigen Häusern. Das hat gerade noch gefehlt. Jetzt soll man sich auch noch in dem einzigen Kultursegment auskennen, das nicht auf YouTube dokumentiert wird.
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Elektronische Lebensaspekte.