Revival-Gesten aus Köln
Text: Oliver Tepel aus De:Bug 160

Wie aus der Zeit gefallen sind die raren, liebevoll kuratierten Releases auf dem kleinen Kölner Label. Und der Krautrock-Bezug setzt sich nicht nur über die kategorisch ausufernden, langen, gejammten Tracks ins Bild. Jaki Liebezeit und Wolfgang Voigt waren schon zum gemeinsamen Trommeln da.

Geheimwissenschaft? – Im Sommer 2010 erschien mit “Cologne Tape” das Debüt des Kölner “Magazine”-Labels. Getuschel umschwirrte die Veröffentlichung. Wirklich alle sollten irgendwie daran beteiligt sein. Schon das Cover der 12″ schien die Aufregung zu rechtfertigen. Seine wohlgewählten Abbildungen in Schwarz-Weiß erzählen von einer Moderne, die die spiritistischen Sitzungen des 19. Jahrhunderts niemals hinter sich gelassen hat. Ihre Protagonisten trauen den neuen Zeiten nicht so recht, sie hinterlassen Spuren des Zweifels. Verklärt blickt einem der Stummfilmstar als matter Boxer entgegen, die Augen schwarz umrandet. Was hat er gesehen? Drumherum: das Foto eines Einhorns, ein Aufnahmeraum mit Mikrofonen, deren ungelenk fragile Ständer-Rahmen-Konstruktion an Duchamp erinnert, sowie ein eigenartiger Beau auf einer Strandpromenade, vielleicht anno 1935. In allem, eine unausgesprochene, aber wohlkodierte Nachricht.
Und die Musik? – “Cologne Tape” erwies sich als pulsierende Session, zusammengefasst in vier Tracks. Sie entstand einfach so. Magazines Jens-Uwe Bayer erzählt: “Ich bin halt Musiker und mache gerne mit Leuten Musik, also lade ich sie ein.” Und wenn sie dann wirklich vorbeischauen, kann daraus ein Label entstehen. Barnt: “Wir drei hatten schon immer vor, ein Label zu machen und dachten: wann, wenn nicht jetzt?” Neben Jens-Uwe Bayer und Barnt macht Crato das Trio komplett. Aus Kiel beziehungsweise Fehmarn zog es sie nach Köln, wo die Mittdreißiger – zum Teil unter anderen Namen – ihren Ort in der Techno-Szene fanden. Barnt beschreibt die angestrebten Sound-Ideale ihrer Zusammenkunft so: weg von wohlaustarierter Sicherheit, zurück zu klareren Strukturen und zugleich hinein in völlig unkalkulierbare Bereiche.

Hallo, mein Name ist Liebezeit
Manchmal öffnen sich diese Bereiche sogar urplötzlich, etwa nach einem Türklopfen. “Er hat dann aufgemacht und schien gar nicht überrascht”, erzählt Jens-Uwe Beyer von seiner ersten, spontanen Kontaktaufnahme mit Cans Drumlegende Jaki Liebezeit. “Wir haben uns dann erstmal hingesetzt und zusammen getrommelt.” Das gemeinsame Trommeln führte bald zum gemeinsamen Album (Magazine 3) und dieses erscheint im Folgenden des Gesprächs als ein roter Faden. So dient es scheinbar als eine Art der Initiation, der sich ebenfalls die beiden anderen Labelmacher, Crato und Barnt bei ihrer Bekanntschaft mit Liebezeits “Drums Off Chaos” unterziehen mussten. Barnt: “Wir saßen da und eine halbe Stunde war völliges Schweigen bis einer sagte ‘Dann lass uns mal was trommeln'”. Dem nicht genug, an Rhythmusritualen fügen sie hinzu: “Wir haben auch mit Wolfgang Voigt getrommelt”. Das Resultat, Voigts neue EP, wird die nächste Veröffentlichung auf Magazine.
Wie organischer Beat, Neu!-Stakkato oder analoges Rauschen mit der geraden Bassdrum zusammen gehen, haben in den letzten Jahren diverse Platten durchexerziert. Bei Magazine scheint allerdings das Bild des improvisierenden Kollektivs mühelos an ein musikalisches Ideal anzuknüpfen, jenes der krautrockenden Elektronik-Experimentatoren, die vor gut 40 Jahren eine Musik schufen, die seit einiger Zeit im Zentrum weltweiten Interesses steht. “Wir kamen da nicht über einen Trend drauf, ich fragte mich schon länger, was es an genuin deutscher Musik gibt”, kommentiert Jens-Uwe Bayer den durchaus anklingenden Vorwurf der puren Revival-Geste. Dabei suchen alle Magazine-Veröffentlichungen die Auseinandersetzung mit historischen Sounds, um sie zugleich auf ihre Möglichkeiten auszutesten. Krautelektronik wusste in der Regel sehr wenig von der Tanzfläche. Doch diese wird, wie auf Barnts Solo EP (Magazine 2) oder der gemeinschaftlichen Produktion “Magazine” (Magazine 4) irgendwann mit einem klaren Beat angepeilt. Die aktuellste Platte auf Magazine, das Album von Loops Of Your Heart (Magazine 5) erscheint am ehesten als Rekonstruktion und addiert dennoch aktuelle Sound-Möglichkeiten zu der lange gescholtenen, kosmischen Krautelektronik.

Dark Side Of Kraut
Wie ein ungeliebter Geheimcode, da in ihrem Ursprung oft genug von esoterischem oder elitärem, Pop abwertendem Denken begleitet, tackert und schwirrt diese Musik seit 40 Jahren durch die Popgeschichte. In England prägte sie Industrial und Synthie-Pop. Doch blieben ihre weiteren Folgen hierzulande lange Jahre nur Nischen. Etwa die kleine Kolumne, geschrieben von Joachim Ody in der Spex, eher skeptisch betrachtet und dennoch geduldet. Es erinnert den Autor dieser Zeilen an ein eigentümliches Seminar dreier Pfeifenraucher Anfang 1991, die sich vor einem interessierten studentischen Plenum über das damals neue Ding namens Chaosforschung unterhielten. Dort wurde von Lehrstühlen für esoterische Mathematik berichtet: Man hält sie sich an großen mathematischen Fakultäten, weil man ganz im Stillen doch befürchtet, das ganze bekannte System könne eines Tages aus den Fugen geraten und einem um die Ohren fliegen: “Die Mathematik wie wir sie kannten: alles falsche Axiome! Bitte retten sie uns!” 
Das System Pop ist uns längst um die Ohren geflogen, oder besser, seiner Genealogie entwich der Sinn, wie die Luft aus einem alten, spröden Ballon. Anlässlich des tatsächlich puren Krautrevivalsounds von Oneohtrix Point Never versuchte Diedrich Diederichsen kürzlich in der taz nochmals auf historische Bedeutungszusammenhänge hinzuweisen, doch nach 40 Jahren sind sie obsolet, aus einer fernen, nicht mehr nachvollziehbaren Zeit. Pop ist wirklich alt, seine Klänge aber sind verfügbar und zum Glück nicht eingesperrt in die machtvollen Erzählungen der Geschichtsbücher. Die Reste der Geschichte, die an den Sounds kleben, machen sie eher zusätzlich spannend, doch vor allem entdeckt man plötzlich ganz neue Perspektiven: Eine geheimnisvoll futuristische Musik. Sie gleicht den von Crato gestalteten Magazine Covern im Stil des klassischen Fotojournalismus von “Life” oder “National Geographic”: jede Aufnahme der Blick in eine erstaunliche, elegante, komische, auch bedrohliche Welt. Der Versuch, unsere Wünsche nach Erklärung mit dem naiven Staunen des Entdeckers zu versöhnen. Eine dynamische Balance, zu der die Rhythmen von Jaki Liebezeits Drums Off Chaos als tribalistische Maschine grooven. “Kannst du es fühlen?”, fragt Pop seit jeher. Magazine bietet aktuelle Antworten.

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3 Responses

  1. Frank

    Was bitte soll ein “Lehrstuhl für esoterische Mathematik” sein?!? Das ist ein Scherz, oder?