John Tejada und Takeshi Nishimoto öffnen auf ihrem dritten gemeinsamen Album die Studio-Fenster, um über postrockigen Träumereien einen Kübel Freiheit auszukippen. Das Band-Gesicht Tejadas kann Berge versetzen.
Text: Hendrik Lakeberg aus De:Bug 101


Musikalisches Handwerk und Popmusik, das ist Fluch und Segen zugleich. Fluch, weil abgeklärte Routine den Blick auf das verstellt, was gute Musik ausmacht: das dringende Anliegen, etwas sofort mitteilen zu wollen. Lieber gleich neue Konventionen aufstellen, als sich in altem Ballast zu verheddern. Was zählt, ist der Moment. Die Idee auf den Punkt zu bringen. Sofort. Dennoch: Aus den besten Ideen wird nichts, wenn man komplett ahnungslos vor sich hindengelt. Handwerk kann ein Segen sein, gerade dann, wenn es darum gehen soll, den Moment ohne Umschweife in musikalische Intensität zu gießen. Hadern mit Technik und Instrumenten hält auf.
Um das Handwerk müssen sich Gitarrist Takeshi Nishimoto und Überproduzent John Tejada, zusammen I’m Not A Gun, keine Sorgen machen. Takeshi hat ein Kompositions-Studium und mehrere Jahre als professioneller Session-Musiker hinter sich. John Tejada bedarf an dieser Stelle wohl keiner detaillierten Vorstellung mehr. Der Umfang und das konstant hohe Niveau seines Outputs sind beeindruckend. Die schlafwandlerische Sicherheit, mit der er in stilistischer Grenzenlosigkeit Hit auf Hit und Album auf Album lanciert, ist schlicht und einfach unheimlich. Takeshi Nishimoto und John Tejada sind Routiniers durch und durch. Auch in der fast achtjährigen Zusammenarbeit als I’m Not A Gun. Es gibt klar verteilte Rollen: John spielt Schlagzeug und sorgt für die elektronische Signatur der Tracks, Takeshi ist zuständig für Gitarre und kompositorische Grundlagen.
I’m Not A Gun klingen unprätentiös, verspielt, in den Strukturen transparent, gleichermaßen komplex wie einfach. So wie in den Tracks die musikalischen Elemente vorsichtig changieren, sich einzelne Motive langsam entwickeln und ausdifferenziert werden, so ist es auch mit dem gesamten dramaturgischen Bogen, den I’m Not A Gun über ihre mittlerweile drei Alben spannen: Es sind stilistische Nuancen, die sich verschieben und weiterentwickeln, keine Brüche, eher ein Fluss aus intuitiven, feinen Veränderungen.
Presst man die Band in die brutale Genre-Schublade, dann stände darauf in vergilbten Lettern der Begriff Post-Rock, inklusive der Fußnoten Chicago und Tortoise. Aber Post-Rock hin oder her, gute Musik sollte vor allem eines schaffen: den Hörer ergreifen, mitreißen, einen irgendwie angehen, ganz direkt und in dem Moment, in dem man zuhört. Auf “We think as instruments“ machen sich I’m Not A Gun auf die Suche nach genau solchen Momenten, denn John und Takeshi haben auf dezente Art die geglättete, stromlinienförmige Oberfläche der letzten beiden Alben aufgelockert und betonen mehr denn je die Live-Atmosphäre, das Spontane, Rohe, die angezerrte Gitarre und das räumlich aufgenommene Schlagzeug.
In den besten Momenten des Albums ist es, als stände man direkt in ihrem Proberaum im San Fernando Valley, nahe Los Angeles: Eine Phrase aus drei, vier Gitarrenakkorden vibriert durch den Raum, das Schlagzeug setzt ein, verfeinert sich, verstärkt die Dynamik, die Gitarrenakkorde verfestigen sich, werden lauter, ein kurzes Ausbrechen, bis die Musik in einzelne Gitarrentöne verästelt und nichts außer einer gurgelnden Fläche zurückbleibt. Ein kurzer Moment Ergriffenheit. Dazed in the moment. Arme hochgekrempelt. Nächstes Stück.
Takeshi und John sind musikalische Pragmatiker: “Mein Studium hat sich in vielerlei Hinsicht ausgewirkt. Auf der gleichen Ebene, auf der man isst oder spricht. Ich hoffe, dass das Wissen, das ich mir angeignet habe, in allem, was ich tue, aufscheint und nachwirkt. Ob es I’m Not A Gun oder meine Solo-Projekte sind“, sagt Takeshi Nishimoto. Musik wird nicht konzeptionell geplant oder mit Hilfe einer Hipness-Schablone entworfen. Sie wird gespielt, durch die Instrumente gedacht, anschließend sortiert und vorsichtig zusammengesetzt. “We Think As Instruments” ist in diesem Sinne paradigmatisch. John dazu: “Der Titel kam mir einfach in den Kopf. Vielleicht macht er auch nicht wirklich Sinn, aber ich denke, es geht um ein sehr simples Gefühl: Ein Instrument will einfach nur gespielt werden. Es kümmert sich einen Dreck um irgendetwas anderes oder was jemand denkt. Uns geht es vor allem um den Akt es zu spielen, nicht mehr und nicht weniger.“
In Japan funktioniert das Konzept bestens. I’m Not A Gun spielen dort mittlerweile vor über tausend Zuschauern. Und sonst? Takeshi lebt mittlweile in Berlin, John weiterhin in Kalifornien, in der Nähe von Los Angeles. Beide arbeiten an ihren Solo-Projekten. Das nächste John-Tejada-Album liegt bereits in der Pipeline. Es soll “Cleaning sounds is a filthy business” heißen. Wie soll es klingen? “Noch keine Ahnung, ich orientiere mich gerade an einer bestimmten Stimmung, einem Gefühl, das ich habe, und lasse mich davon leiten.“ Pragmatisch eben. Irgendwer muss sie ja machen: diese magischen, musikalischen Momente aus schlafwandlerisch kontrolliertem Handwerk, sensibler Intuition und sonischer Intensität.

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Elektronische Lebensaspekte.