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Text: thaddeus herrmann aus De:Bug 30

Brummt ganz ordentlich Mainstreet Ein blitzender Neubau in 200 Jahren. Im Zentrum für alte Musik sitzen Musikforscher in ihrem schallisolierten Konferenzzimmer zusammen, haben sich aus der technischen Abteilung einen Technics MKII besorgt und aus dem Schallarchiv ein Bündel alter Vinylschallplatten kommen lassen. Auf der metallenen Archivbox steht: BC, Berlin, 20. Jahrhundert, Gesamtwerk. Blind greift einer der Anwesenden in das Paket und zieht eine 12″ heraus. Round Five feat Tikiman: Na Fe Throw It. Sparsame Drums und Akkorde, ein tiefer schleppender Bass und vereinzelte Vocalfetzen, kurze Statements werden von einem warmen wohligen Rauschen zugedeckt. “Rauscht und brummt ja ganz ordentlich”, sagt der erste. “Ich dachte, digitale Techniken hätten sich in den 1990ern schon durchgesetzt”. “Strukturell erinnert mich das an Dub”, wirft ein anderer ein, “eine Musik, die ursprünglich aus Jamaica kam.” “Warum ist das im Archiv unter Techno eingeordnet…das ist doch viel zu langsam”, fragt ein dritter. Kurze Zeit später sind alle still. Gebannt hören sie zu, folgen dem Mikrokosmos, der sich auf der 12″ entwickelt. “Ich glaube, das Rauschen ist beabsichtigt”, sagt wieder der erste, während alle ihre Notizblöcke zugeklappt haben und, vorsichtig mitwippend, den Blick aus dem Fenster schweifen lassen. So ungefähr könnte das laufen, denn dass Mark Ernestus und Moritz von Oswald, die mit ihrem musikalischen Werk auf ihren eigenen Labels Basic Channel, Maurizio, Burial Mix, Rhythm & Sound und Mainstreet die weltweite Technolandschaft in den 90er Jahren entscheidend mitgeprägt haben, nun plötzlich anfangen sollten, von sich aus Informationen an die Öffentlichkeit zu geben und das Wie und Warum jedem auf die Nase zu binden, ist unwahrscheinlich. Warum auch. Equipmentlisten oder detaillierte Erklärungen, warum eine Platte jetzt so und nicht anders klingt, machen den Track auch nicht besser oder schlechter. Musik ist die persönlichste Ausdrucksform, die uns zur Verfügung steht, entsteht im Innersten des Menschen, ist Spiegel der Seele. Das in Form von Vinyl weltweit ins Regal der Läden zu stellen, ist schon mutig genug. Warum über Dinge reden, die jeder hören kann. Jede Stadt… Auch beim Gespräch im Berliner Hauptquartier lassen sich Mark und Moritz keine Einschätzungen und Interpretationen ihrer eigenen Musik entlocken, schon gar nicht über eine spezielle Platte oder eines der Labels. Dazu sind die einzelnen Outlets zu eng miteinander verwoben. Maurizio 4 zum Beispiel ist ein direktes Resultat aus der Arbeit an Main Street 1 und die Maurizio 6 eine Weiterentwicklung der dritten Main Street Produktion. So muss eben der Journalist ran. Positioniert man alle Labels brav nebeneinander und beobachtet ihre musikalischen Entwicklungen über die Jahre hinweg, kann man beobachten, wie sich alles mehr und mehr auf den Focus Dub zuspitzt. Einem Trichter gleich, wurden in der Vergangenheit bestimmte Elemente mehr und mehr ausgeblendet, zurückgenommen und neu positioniert. Egal, ob Burial Mix, Rhythm & Sound oder eben Main Street…Dub ist der Dreh- und Angelpunkt der Kompositionen aus dem Hause Ernestus / von Oswald. Niemandem ist es in der Vergangenheit so gut gelungen, Dub so schlüssig in ein Grossstadtgefüge einzupassen, bunt schimmerndes Rauschen von überlasteten Schaltkreisen durch die Häuserschluchten zu pusten, damit man nicht völlig allein seine Runden drehen muss. Urbane Nachdenklichkeit, fluffig leicht und deep zugleich, melancholisch und doch aufmunternd, der Ausweg aus vielen musikalischen Krisen. …hat eine Hauptstrasse Spricht man von Dub, muss man gerade bei Main Street jedoch die Geschichte anders beginnen. Round 1 von 1994 (“I’m Your Brother”) und Round 2 von 1995 (“New Day”), beide mit dem englischen Studiosänger Andy Caine aufgenommen, tragen eine klare House-Handschrift. In Deutschland verursachten beide Maxis grosse Verwirrung, Vocals wurden von der deutschen Technoszene mit Nasenrümpfen beantwortet. Anders in England und den USA, wo beide Platten begeistert aufgenommen wurden und bis heute zu den absoluten Klassikern der Housemusik gehören. Von vornherein als reines Studioprojekt angelegt, war Main Street zu Beginn das Label, auf dem die beiden ihre alte Liebe für House ausleben konnten. Chez Damier und Ron Trent steuerten für MSR-01 einen Mix bei, und die Basic Channel 6, Quadrant Dub, bedient sich in der Urversion ebenfalls noch den Vocals von “I’m Your Brother”. Die hörbare Abkehr von klassischen House beginnt auf der dritten Main Street, der ersten Zusammenarbeit mit dem Vokalisten Tikiman, der ebenfalls auf allen Burial Mix Produktionen zu hören ist. Hier aber von einem Bruch zu sprechen, ist nicht angebracht. Die Neuorientierung und die Arbeit am idealen Sound ist nicht genreabhängig, sondern basiert vielmehr auf dem Versuch, die Musik fliessender zu gestalten. Sind bei Round 1 die einzelnen Abschnitte des Tracks noch klar ersichtlich, klingt Round 2 bereits mehr nach einer Idee, die konsequent verfolgt wird. Traditionelle Songelemente wie Bridge und Refrain geraten mehr und mehr in den Hintergrund. Horizontal vs. vertikal. Dennoch: Auch Main Street 3 markiert einen Wendepunkt. Sang Andy Caine einfach das, was ihm vorgegeben wurde, brachte Tikiman zum ersten Mal eigene Vocal-Ideen mit ins Studio. Die gleichbleibende harmonische Struktur hielt das Projekt für beide Seiten offener, Tikiman konnte fortan seine Vocals besser an bereits vorhandene Ideen angleichen und Mark Ernestus und Moritz von Oswald hatten mehr Möglichkeiten, die Tracks zu beenden und Tikimans Vocals frei über die Songs rieseln zu lassen. Zu diesem Zeitpunkt war Basic Channel als Label bereits eingestellt und der Dub-Fokus trat mehr und mehr in den Vordergrund. Find A Way ”Na Fe Throw It”, die aktuelle 12″ auf Main Street, repräsentiert wie keine andere Produktion die Quintessenz dessen, worum es bei Basic Channel immer ging: Musikalische Freiräume zu schaffen, das Ohr des Hörers für Reduktion zu schärfen, die Fähigkeit, sich auf einige wenige Dinge völlig einzulassen und aus ihnen das Maximale herauszulesen und zu hören, stärker zu fordern. Davon ausgehend, dass das Studio als Start- und Endpunkt eh eine Art Parallelwelt darstellt, in der Vermarktung, Labelpolitik, Verkaufszahlen und die Rezeption der Musik in der Öffentlichkeit von vornherein keine Rolle spielen, ist die Entscheidung auch völlig unwichtig, auf welches Label das gerade entstehende Stück Musik denn nun am besten passt. Weder Main Street noch Burial Mix sind mit dem Erscheinen der CD Compilations als Label begraben. Was am besten wohin passt, wird entschieden, wenn die Produktion fertig ist. Steuern kann man diesen Prozess nicht, dazu ist die Musik zu eng mit persönlichen Empfindungen verknüpft. In einer Zeit, in der Künstler nicht mehr mit Stilen, sondern mehr und mehr mit personalisierten Definitionen eines Stils assoziiert werden, gilt: Je entwickelter diese Definition, desto mehr wird von vornherein ausgeschlossen. Das birgt Verantwortung dem Hörer gegenüber. Nicht, weil man sich selber auf einen Sound festlegt und damit in der persönlichen Kreativität einschränkt, sondern weil dem Hörer immer weniger bleibt, woran er sich festhalten kann. Mark Ernestus und Moritz von Oswald sind sich dessen bewusst, auch wenn sie es nie öffentlich zugeben würden.

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Elektronische Lebensaspekte.