Vor 30 Jahren lancierte Malcolm McLaren mit Partnerin Vivienne Westwood Teddyboy-Mode für Bondage-Fans. Jetzt kleidet er exklusiv für Yoox unsere Kleinsten in 8-Bit-Strickware. Eltern mit Atari-Nostalgie freut das.
Text: Patrick Bauer aus De:Bug 99


Foto: Markus Esser

8-Bit-Punx
“Fashionbeast” von Malcolm McLaren

Letztlich ist es gemein. Denn an sich hat Malcolm McLaren ja Recht, wenn er sagt, es sei an der Zeit, LoFi-Mode zu gestalten. Inspiriert von der Videospiel-Ursuppe, von Atari, Amiga, von “antiken Technologien“, wie er sagt. McLaren, 59, der Pate der Sex Pistols, der kongeniale Partner Vivienne Westwoods, der Punk-Lord, der Oberhaus-Rebell und Fashion-Queer, hat gemeinsam mit Young Kim für den Onlineshop Yoox.com eine 8-Bit-Linie entworfen. Toller Pixelstrick und Konsolenchic. Nur schließt er all jene davon aus, die sich tatsächlich wohl fühlen würden in derlei Retroisierungswolle. Uns nämlich, die wir von Pacman erzogen und durch Tetris sozialisiert wurden und nun die Ästhetik dieser grellen, simplen Epoche ausreizen. In der Musik, in der Videokunst, im Alltag eben, in unserer infantilen Gadget-Verliebtheit meinetwegen.

Aber nein, Malcolm McLaren geht es um die wahren Kinder, die wir gar nicht haben, um die Vier- bis Zwölfjährigen. Für diese Altersgruppe hat er sich “Fashionbeast“, so der Name der Kollektion, erdacht. Und dabei mal eben vergessen, dass es schon die Playstation gab, als der Nachwuchs geboren wurde, und dass die dauerdaddelnde Brut aufschreien würde, entdeckte sie Pixel im Hochglanz-Fluss heutiger Gamestandards. Jedoch: “Ab einem Alter von sieben Jahren sind die Kids ständig online und sind besser informiert als jede Generation ihres Alters zuvor. Und nun sind diese videospielbeeinflussten 8-Bit-Musik-Fans ready to rock!“, sagt Malcolm McLaren ganz im Sinne der guten alten Punk-Devise “Sei kindlich“. Damals, in den frühen Siebzigern, prägte er von der Londoner King’s Road aus die punkeske Gegen-Identität ganzer Generationen, an der Schnittstelle zwischen Sound und Style. Und Punk mag im Kern verendeter sein als je zuvor, aber der geadelte McLaren entdeckte 2003 auf der Suche nach subversiver Romantik die Micromusik für sich. Die reduzierte Klickerei der Symbole, der er das Potential zuschreibt, rebellische Eigenständigkeit zu sein. Das mag altersverklärt sein, aber der Dandy wird nun zum Daddy und hilft den kleinen Quasi-Punks mit “Fashionbeast“ auf die Sprünge.

Das steht außer Diskussion: McLaren wäre nicht McLaren, wäre nicht der begnadete Grenzgänger zwischen Buckingham Palace, Arbeiterviertel-Avantgarde und snobistischer Kühle, wäre ihm mit der Kollektion nicht eine hinreißende Hommage gelungen. Da sind etwa diese Pullover, mit fröhlichen Pixelfratzen, diese Country-Club-eleganten Cricketlongsleeves, auf deren Krägen “Postkaraoke“ gekrakelt steht. Oder diese geradezu obszön knappen Future-Röcke, diese grazil geschnittenen Hosen, wie direkt aus “Commander Keen“ gecopy-pasted. McLaren hat den Code für Cyberspace-Mode programmiert. Mit “Fashionbeast“, ab dem Frühjahr erhältlich, ist McLaren designtechnisch im 21. Jahrhundert angekommen, vorgeprescht. Und seine Entwürfe wirken begeisternd visionär in ihren gekonnten Rückgriffen, mehr als man es der mondänen Legende zugetraut hätte.

Punkgestus mit Samthandschuhen

Allerdings ist McLaren natürlich längst kein gesellschaftsveränderndes Werk mehr zuzutrauen, fasst er doch den Punkgestus zurecht nur noch mit Samthandschuhen an. Daher gibt er keineswegs den feschen Impuls für eine volltechnisierte next generation. Das wäre dann wohl eher ein intelligenter Sensoren-Pullover, der sich an Temperaturen anpasst. Vielmehr lässt “Fashionbeast“ ambitionierte Eltern ihre Cyber-Träume ausleben – beim Kleidershoppen für die Jüngsten. Die werden zur Projektionsfläche für eingangs erwähnte Nostalgie. Denn nicht die Kinder prägen die Popkultur, sondern die Kindgebliebenen. Wie immer ist dabei Fortschritt, selbst wenn rückwärtsgewandt, elitär. Denn das nebenbei: Zwischen 200 und 400 Euro kosten die Stücke. Kein Zufall, dass die Linie auch im Tokioter Louis-Vuitton-Shop Celux gelauncht wird. Punk ist paradox – heute mehr denn früher. Und “Fashionbeast“ ebenso, dazu unerreichbar, untragbar. Wer schließlich keine Kinder, aber Geld hat, dem mag ein solcher Pixel-Pullover im Regal neben dem Moog-Synthesizer und den alten Gamepads gefehlt haben. Doch, leider, modisch bedeutet Malcolm McLarens Einfallsreichtum für die Generation Pong keinen Fortschritt. Da bleibt nur die widerwärtig banale Alternative: Atari-Logoshirts.

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Elektronische Lebensaspekte.

One Response

  1. jérôme schlomoff

    I am the photographer, who made this portrait of Mc Laren, and I wanted to say to you that the quality of this image, on your blog, is very bad. And, when one uses a photograph without authorization, it is suitable to quote the author, by courtesy…
    jérôme schlomoff