Den wirklich weirden Filmplot verdanken wir Drehbuchautor Charlie Kaufman: Ein Puppenspieler entdeckt den Zugang zu John Malkovichs Kopf. Und Videoclip-Regisseur Spike Jonze (u. a. Beastie Boys' "Sabotage"), macht daraus einen intelligenten und extrem unterhaltsamen Film, für einen Erstlingsfilm ziemlich ausgereift und sicher ein Independent-Highlight dieses Jahr. aus De:Bug 35

Im Kopf mit John Malkovich Spike Jonze’ BEING JOHN MALKOVICH Ingrid Arnold ingrid.arnold@gmx.net Craig Schwartz (John Cusack) ist ein Loser. Seine Marionetten muss er auf der Straße spielen und Lotte (Cameron Diaz), überengagierte Tierhändlerin, schenkt ihre Liebe nur den diversen Haustieren. Seine Fingerfertigkeit verkauft Craig schließlich als Aktensortierer an eine obskure Firma. In den absurd niedrigen Räumen des Stockwerks Nr. 7 1/2 findet er, versteckt hinter einem Schrank, die Pforte zu John Malkovichs Kopf: Für 15 Minuten kann man die Welt mit den Augen des Schauspielers sehen, um dann an einer Autobahnausfahrt wieder ausgespuckt zu werden. Und dieser Trip ist beliebig oft wiederholbar. Lotte wird davon ebenso angefixt wie Craigs geschäftstüchtige Kollegin Maxine (Catherine Keener). Virtual Reality mal anders: Lotte und Maxine können endlich erfahren, wie ein Leben als Mann ist, Craig wie es wäre, mit Maxine zu schlafen. Und bald stehen die Vergnügungssüchtigen Schlange. Mit etwas Übung wird der “Wirt” in seinen Handlungen jedoch bis zur völligen Beherrschung manipulierbar, und Craig bringt Malkovich schließlich dazu, seine Schauspiel-Karriere aufzugeben und fortan Puppenspieler und zugleich Craigs “Marionette” zu werden: “Being” John Malkovich? Der Untertitel “Ever wanted to be someone else?” verwundert, “ist” man doch gerade nicht jemand anders (John Malkovich oder whoever), sondern steckt, bei eigenen Bewußstsein, im Gehirn des anderen und kontrolliert ihn – zwei vollkommen verschiedene Dinge. Und der Lustgewinn entsteht bei den Akteuren eindeutig dadurch, dass der “Kopfparasit” im Gegenüber noch merkbar ist. Abgesehen vom Risiko, in philosophische Untiefen abzurutschen, gibt es auch ein paar filmischs Beschränkungen, die dem Film unterlaufen, etwa bei den oft eingesetzten Subjektiven: Soll man die Welt mit den Augen eines Protagonisten sehen, flort immer der bekannte aber unnötige dunkle Rand ums Bild. Da kommt die plakativere Werbefilm-Bildsprache beim Regisseur durch. Aber anyway. Formal ist der Film großartig: Die intellektuell-verklemmte Message des Films – erstmal geht es nämlich, klar, darum, in einem fremden Körper endlich den erhofften Sex zu haben, nur um danach ausgiebig darüber zu philosophieren – zusammen mit den klaustrophobisch niedrigen Räumen, einem engen Tunnel, eingeschränkten Gesichtsfeldern, Tierkäfigen etc. ergeben eine ziemlich perfekte Mischung. Das ganze kommt als ästhetische Tortur daher, aber man erträgt sie gerne, weil man was zum Mitdenken hat. Und Zeuge schreiend komischer Einfälle wird. Would you be interested in perhaps being John Malkovich? Unter Vermarktungsgesichtspunkten ist sie prima, so eine Story: Wann kann man einem Film schon einen so ungewöhnlichen und doch einprägsamen Titel geben, dass der Domainname sogar noch in verschiedenen Schreibweisen frei ist? Man hat auch von BLAIR WITCH gelernt: Der US-TV-Trailer kündigt den Film in Form einer Werbung der Firma “JM Inc.” an, über die man umsonst “das Leben durch fremde Augen sehen” könne. Die Website dazu ist schön geschmacklos, ganz windige-Geschäftemacher-mäßig, ewig ladende Riesenbilder, automatisch startende Orgelmusik, langes Scrollen, Counter auf der Startseite etc. Der Zauber fliegt erst auf, wenn als Option für die Personenauswahl “Being John Malkovich” angeboten wird. Kleinere Produktionen dieser Art treten eben aus der Independent-Nische heraus. Sie fahren Oscars ein (AMERICAN BEAUTY) und casten Hollywoodstars. Es kann passieren, dass sie etwas sehr arty, grau-braun-BRAZIL-mäßig geraten. Bei BJM nervt zum Beispiel das altmodische Schreibmaschinen-Design des Vorspanns ziemlich und das Puppentheater-Getue am Anfang. Aber spätestens an Cameron Diaz’ Afro merkt man, dass das alles ironisch für Losertum stehen muss. Und auf einmal gefällt einem der ganze Stil. So ein Film nimmt noch jeder Kritik den Wind aus den Segeln. http://www.being-john-malkovich.com/ oder http://www.beingjohnmalkovich.com/ http://www.jmincorporated.com/

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Elektronische Lebensaspekte.