Von wegen "Scheitern der Arbeitsmarktreformen". Patrick Chardronnet gelang der Sprung von "Hartz in die Charts" ohne größere Probleme. Sein Rezept? Ein halbes Leben vor dem Bildschirm verbringen und dann furchtlos in den Kampf mit den Arschmakrelen dieser Welt ziehen.
Text: Fabian Dietrich aus De:Bug 101

Autismus ohne Leidenschaft ist wie die SPD ohne Bergleute, ist wie eine Bild ohne Blut und Titten, ist wie ein Techno-Club ohne Arschmakrelen. Undenkbar. Einer, der davon (also von Leidenschaft, Autismus und jetzt auch von Arschmakrelen) ein Lied singen kann oder es wahrscheinlich lieber durch das wochenlange Verschieben bunter Klötzchen auf dem Bildschirm basteln würde, bis ihm die Augenringe endgültig in den Bartstoppeln hängen, ist Patrick Chardronnet. In der Peripherie von Pforzheim hat er ein kleines Haus – und sitzt seit 17 Jahren vor seinem Computer. “So richtig Paranoia-mäßig”, beschreibt er das selbst, und wenn er dann noch anfügt, dass er, recht besehen, eigentlich nie rausgeht, kann es sich ja eigentlich nur noch um Ironie handeln. Fakt ist: Schuld an diesem Zustand haben die “Kischten”. Also zuerst Cubase, ein 486er, ein Prophet-Synthesizer, dann Modularsysteme und – was sich in 17 Jahren halt so anhäuft … vielknöpfiges Outboardequipment. Clubmusik spielte allerdings erst spät eine Rolle. Kontakte zu lokalen DJs brachten Patrick Chardronnet dazu, sich in seinen minimalen House-Sound mit Melodie hineinzuarbeiten. Es folgte eine gute Zeit produktiver Arbeitslosigkeit und dann, mehr zufällig als kalkuliert, der Sprung von “Hartz in die Charts”. Patrick Chardronnet veröffentlichte auf Raum…Musik und Pokerflat, der endgültige Club-Durchbruch war dann 2005 “Eve by Day” auf Connaisseur Recordings. Den Moment, als man Patrick Chardronnet daraufhin aus seiner Studiowelt ans Tageslicht und dann zum Livespielen in den nächsten Club gezerrt hatte (Höhlengleichnis lässt grüßen), beschreibt er in atemlosen Wortkaskaden: “Das ist so extrem, das gibt’s gar nicht. Ich sitze jahrelang nur vor Bildschirmen und es ist ruhig. Und auf einmal das krasse Gegenteil. Du bist zwar auch vor dem Bildschirm, aber da vorne sind, ja … manchmal sogar so richtige Arschmakrelen. Wo ich denke, das geht ja gar nicht. Das ist aber auf der anderen Seite auch so überwältigend, weil ja unter Umständen auch Leute in meinem Alter dabei sind. Irgendwelche hängen gebliebenen Feiertussis, die einfach sympathisch sind. Leute, wo ich denke, ach, die fühlen grad’ den Sound, den ich spiele.” Elterliche Zweifel daran, dass dieses neue Party-Leben am Ende doch keine ganz so grundsolide Investition sein könnte, hat der 33-jährige Patrick Chardronnet übrigens unlängst ausräumen können: “Und dann sag ich ihr: Mama, du hast nicht begriffen. Ich bin Michael Jackson und ich kauf’ uns frei.”

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Elektronische Lebensaspekte.