Junges Label zwischen London und Berlin, Dubstep und Deep-House
Text: Christian Kinkel aus De:Bug 158

Man fühlt sich glatt in einem Globalisierungswerbespot versetzt, wenn Nikhil Shah, George FitzGerald und Julian Neumann im Halbstundentakt im stilvoll abgefuckten Ambiente eines semilegalen Clubs in einem noch nicht zu Tode gentrifizierten Kiez Berlins eintrudeln, um sich in die improvisierte Sofaecke zu fläzen. Nikhil hat einen indischen Migrationshintergrund, George besitzt diese gesund englische Blässe und Julian weiß man nicht so genau einzuordnen, aber mit Nike Air Pullover und Base-Cap ist man sich intuitiv sicher, dass er Deutscher ist. Warum auch immer. Dazu spricht George bald akzentfreier Deutsch als man selber, was man als sehr ungewöhnlich empfindet. Dahinter steckt eine enge Freundschaft, die an und mit Man Make Music, dem kürzlich gegründeten Label, gewachsen ist. Denn die Geschichte ist wesentlich länger als die Existenz des Labels vermuten lässt. Aber eins nach dem anderen.

George FitzGerald gehört zu den Musikern, die auf Basis der 130 BPM die Genregrenzen immer wieder so derbe durchdeklinieren, dass den Sound-Theoretikern die Spucke weg bleibt. In diesem Bereich ist noch lange nicht alles gesagt und er bestätigt das von Simon Reynolds formulierte reflexive Moment von Retro. Insofern ist George mit seinen Stücken so nah am Puls der Zeit wie die Retro-Debatte selber. Sein Debüt “The Let Down” kam 2010 auf Hotflush, also genau zu der Zeit, als Scubas Imprint damit begann, Hot-Shit-Garantien zu jedem Release gratis dazuzugeben. So wurde auch der in London lebende FitzGerald damit ausgestattet. Denkste! Denn statt Lobeshymnen regnete es Kritik vom Online-Olymp Resident Advisor. “The Let Down” hebe sich nicht von den Produktionen Scubas oder Joy Orbisons ab, hieß es. Vor allem letzterer sorgte mit “Hyph Mngo” für den Trivialitätsstempel, der George schwer zu schaffen machte.

“Ich kann schon verstehen, dass meine Stücke mit denen von Scuba oder Joy Orbison verglichen werden. Aber ich konnte ja zu diesem Zeitpunkt noch gar keine Entwicklung zeigen. Das hat mich angepisst. Im Nachhinein wäre diese Kritik wahrscheinlich gar nicht aufgekommen.” Auf keinen Fall. Denn seine folgenden Releases zeigten immer stärker, dass er sich bei seinem dreijährigen Berlinaufenthalt die in London zwangsläufig sprießenden Breakbeat-Hörner abgestoßen hat, da er hier – aufgemerkt – zum ersten mal mit Four-to-the-floor-Musik in Berührung kam. Als er Deutschland wieder verließ mochte er sie sogar und zählt sie heute – und auch schon bei seinem Debüt – zu einem maßgeblichen Einfluss seiner Stücke. Damit griff der Vergleich mit Joy Orbison eindeutig zu kurz. “The Let Down” war ganz klar treibender, verschachtelter und vor allem deeper. Hier ging es schon über die Post-Dubstep-Idee hinaus. “Aber ‘Hyph Mngo’ war einfach so groß, dass es wohl ein unglücklicher Zeitpunkt war, einen Track auf dem gleichen Label zu veröffentlichen”, räumt George nachgiebig und sicherlich völlig korrekt ein. “Ich bin auf jeden Fall froh, dass es vorbei ist. Ich hatte wirklich Angst davor, aus dieser Sache nicht mehr raus zu kommen.”

Man Make Music
Er ist raus gekommen, gewachsen und hat sich etabliert, dass sogar Will Saul von Aus Music ungefragt auf ihn zukam und dieses Jahr die “Silhouette EP” veröffentlichte. Damit konnte George dann auch zum Aushängeschild und Vorzeigemusiker von Man Make Music werden, dem Label, das er kürzlich zusammen mit vier Freunden ins Leben rief. Aushängeschild nicht nur deshalb, weil er mit den angesagten Labels im Rücken mit Popularität punkten kann, sondern vielmehr, weil das junge Imprint in der Zukunft ein breites Spektrum an musikalischen Stilen repräsentieren möchte, die sich in Georges Musik bereits erahnen lassen, wenn er Einflüsse aus Dubstep, Garage, Techno und House regelrecht amalgamiert. Doch um zu verstehen, wie es zu Man Make Music überhaupt kommen konnte, warum gleich fünf Personen hinter dem Label stehen und wieso Georges Musik eigentlich so klingt, wie sie klingt, bedarf es einen oder besser gesagt zwei Schritte zurück.

Immer wieder George
George ist zwar nicht das Zentrum von Man Make Music. Doch bei dem Gespräch wird immer wieder deutlich, dass erst seine sympathische und offene Art die aktuelle Konstellation hinter Man Make Music ermöglicht hat. Zum Beispiel lernte er Amit Gudka, den heutige Grafikdesigner, noch zu Schulzeiten beim Garage-Vinyl-Diggen, Georges erste große Musik Leidenschaft, in einem Londoner Plattenladen kennen. Und auch Nikhil Shah, den Betreiber von Mixcloud, kennt George bereits aus seiner Jugend, da die beiden im selben Londoner Viertel aufgewachsen sind, in dem George nach eigener Aussage der einzig wirklich Weiße war.
Diese Fäden liefen dann erstmals in Cambridge zusammen, wo die drei zusammen mit dem vierten Mitglied der Truppe Sam Leon in unterschiedlichen Fächern und Jahrgängen studierten. Sie feierten, veranstalteten Partys und legten auf. George und Nikhil versuchten sich sogar an einer nerdigen HipHop-Scratch-Performance an vier Plattenspielern, die einen weiteren wichtigen musikalischen Einfluss für George markiert. Und wie es dann immer so schön kitschig erzählt wird, wuchsen die vier auf Basis der Freundschaft und der Leidenschaft zur Musik immer enger zusammen. Das sollte sich auch nach dem Studium nicht mehr ändern und zurück in London gaben sie ihrer Leidenschaft auch einen professionellen Background, indem sie im großen Stil Warehouse-Raves veranstalteten, die das ein oder andere Mal zu grenzwertigen Feiereskapaden ausuferten. Zwar existierte hier bereits der Name Man Make Music für die Partyreihe, doch von dem Label war hier noch keine Spur.

Randfigur
Dafür brauchte es noch eine Initialzündung, die – wie sollte es anders sein – von George und seinem knapp dreijährigen Berlin-Aufenthalt ausging und ihn seidem unverzichtbar machte. Auf der Aktivisten-Ebene war er schließlich bis dato eher eine Randfigur: “Ich habe nicht so intensiv mit den anderen aufgelegt und habe mich auch bei der Veranstaltungsplanung und Organisation eher zurückgehalten. Auch wenn ich immer ein Teil der Sache war, ging es für mich erst richtig los, als ich zu produzieren begann und das Label ins Rollen kam.” Und das kam ins Rollen als er das heutige, fünfte Mitglied Julian Neumann in Berlin kennen lernte und mit ihm den Traum vom Label teilte. “Wir wollten immer ein Label zusammen gründen. Und als es dann tatsächlich ernst wurde, war es eine logische Konsequenz, Label und Veranstaltungsreihe zusammen zubringen.” Julian wurde also von George in die bereits bestehende Londoner Truppe eingegliedert und kam so zu seiner Rolle des Berlinrepräsentanten von Man Make Music.

Brücken schlagen
Dieses Jahr war es dann endlich soweit: bei Man Make Music handelt es sich nicht mehr länger nur um eine Partyreihe in London, sondern auch um ein Label, das mit den mächtigen Standbeinen in den für elektronische Musik wohl wichtigsten Metropolen London und Berlin enorm gut positioniert ist. Und auf lange Sicht sollen diese Standbeine auch zum Programm werden. Denn das junge Label möchte die musikalische Lücke schließen, die hinsichtlich der unterschiedlichen Break- und Straightbeat-Präferenzen trotz zunehmender Globalisierung zwischen den Städten nach wie vor klafft. “Wir versuchen natürlich diese musikalische Brücke zwischen London und Berlin zu schlagen. Aber sie soll nicht konstruiert wirken,” erklärt Julian. Ergo: Zukunftsmusik. Dennoch klingt die bereits an, wie es die ersten beiden Releases zeigen. Denn erstens liefert die 001 “Fernweh/Hearts” – natürlich von George FitzGerald – bereits die besagte Brücke, wenn von dem bereits angesprochenen Deephouse- und Techno-Einschlag im UK-Bass-Kontext die Rede ist. Und zweitens zeigt “Running Man”, die 002 von Rick Grant und Jack Dixon, recht klar, wo es hingehen soll, wenn sich das Stück noch konsequenter auf Seiten der 4/4 schlägt und einer noch deeperen Linie verschreibt. “Wir wollen nicht nur eine Sparte bedienen”, so Julian weiter, “sondern ein breites Spektrum bedienen und uns auch verstärkt der House-Richtung zuwenden. Die ersten Releases waren ja dann doch eher englisch.” Und das fände er scheiße, fügt George lachend hinzu. Und so ganz unrecht hat er damit trotz aller Ironie auch gar nicht, da Julian sich als 4×4-Repräsentant natürlich auch reine House oder Techno-Stücke wünscht. Für den Globalisierungskurs sind die im Label-Routenplaner selbstverständlich bereits als feste Station eingetragen. “Doch jetzt soll erstmal manifestiert werden, wofür Man Make Music steht,” räumt Julian ein, “und dafür braucht es eine klare Linie.” Doch wer hier eine Hierarchie vermutet, ist schief gewickelt. Jedes Release wird demokratisch abgestimmt. Ist einer dagegen, wird es gecancelt. Der richtige und wohl einzige Weg, der bei fünf gleichberechtigten Köpfen längerfristig funktionieren kann.

Skurriler Leitfaden
Der Leitfaden bringt dennoch Skepsis mit sich. Denn frei von Genres oder Trends Musik zu veröffentlichen und gleichzeitig eine schlüssige Release-Folge im Stil eines harmonischen DJ Sets zu konstruieren, klingt viel eher nach einer Antinomie als nach einem realistischen Labelkurs. In der Anfangsphase, in der sich ein Label zu positionieren und zu definieren versucht, könnte er wiederum funktionieren und mit den Stücken “Fernweh” und “Running Man” im 130-BPM-Bereich wurde die nur denkbar beste Basis dafür geschaffen. Denn als Schnittstelle zwischen Techno bzw. House und Dubstep hält sie dem geplanten Kurs alle Türen offen. Wenn dann, wie George ankündigt, in sechs Monaten endlich die von Julian herbeigesehnten reinen House-Nummern erscheinen sollen, von denen er sicherlich auch die eine oder andere selber produziert haben wird, kann sicherlich von der momentanen, ganz bewussten Release-Folge auch wieder abgesehen und sich ins Querbeet gestürzt werden, ohne seine Zielgruppe damit zu verschrecken. Hinter Man Make Music steckt eine ordentliche Prise Sinn und Verstand, die viel Potential verspricht.

Herzblut
Doch wie kommen die fünf eigentlich auf die Idee ein Label ein Label zu betreiben? George und auch Julian (der releaste bereits auf Klopfgeist und Third Ear) haben doch Labels in ihrem Rücken, die von klaren Grenzziehungen genauso wenig wissen wollen wie Man Make Music? Und die anderen produzieren doch noch nicht einmal!

George: “Der Wunsch, ein eigenes Label zu führen, existiert schon so lange ich denken kann. Es macht einfach Spaß, Musik anderer, teils befreundeter und unbekannter Künstler zu veröffentlichen. Auf der anderen Seite ist es natürlich auch für uns Produzenten schöner, da man einfach näher an seinem eigenen Release ist und mehr Kontrolle darüber hat. So muss man dann nicht bis zu neun Monate warten, wie es oft bei anderen Labels der Fall ist, bis das Stück veröffentlicht wird.”

Julian: “Aber wie George schon sagte, es geht uns vordergründig gar nicht darum, unsere eigene Musik zu veröffentlichen, sondern vielmehr darum, noch unbekannte Musik zu finden und unter das Volk zu bringen. Ich weiß, jeder sagt das. Aber es ist einfach ein großartiges Gefühl.”

Nikhil: “Wir sind nicht alle Produzenten. Ich z.B. bin DJ, Promoter und betreibe die Website Mixcloud. Das sind alles Plattformen, die ich dafür nutzen kann, um Musik, die ich finde und liebe, anderen Menschen zugänglich zu machen. Ein Label ist da die beste denkbare Erweiterung, mit der ich noch mehr Menschen erreichen kann.”

Und wenn sich hierbei alle so schön einig sind, dass es fast lächerlich wirkt, aber jeder das eigentlich bereits gesagte noch einmal mit seinem eigenen Strahlen in eigenen Worten wiederholen möchte, wird klar, wie viel Herzblut in dieser Sache steckt.

About The Author

Elektronische Lebensaspekte.

2 Responses