Daniel Haaksmans Berliner Baile-Funk-Label
Text: Alexandra Droener aus De:Bug 117

Mit Man Recordings betreibt der Berliner DJ Daniel Haaksman seit 2005 fast im Alleingang ein Baile-Funk-Label, das die verstaubte Ware (Dritte-)Weltmusik wieder ordentlich zum Kicken bringt.

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DJ Daniel Haaksman de- und gleichzeitig rekonstruiert mit Man Recordings Weltmusik. Ein stinkender Begriff, den Haaksman selber hasst und der sich in bildungsbürgerlich gutmenschelndem Exotismus längst selbst überlebt hat und doch nicht zum Sterben verdammt sein sollte, eignet er sich doch besser denn je als neutraler Deckel für unser vernetztes globales Musikdorf.

2007 brilliert Man Recordings mit den Maxis der beiden parallel laufenden Serien “Funk Mundial” und “Baile Funk Masters”, 2008 wird das Jahr der Personality-Alben und Label-Compilations, immer im Zeichen von Baile Funk; Daniel Haaksman wüsste auch nicht, was er lieber herausbringen wollte.

Bail Funk? Berlin?

De:Bug: Für mich stellt Man Recordings eine kleine Sensation dar: Ein winziges deutsches Label aus Berlin macht phantastische, genrebildende Platten, komplett eigenständig und viel eher in London zu vermuten als in unserer minimalen Techno-Hauptstadt. Nimmt das der Rest der Welt auch so wahr?

Daniel Haaksman: Nein, leider überhaupt niemand! Aber mir geht’s ja ehrlich gesagt auch so wie dir. Klar, ich bin der Labelmacher, aber wenn ich mir vorstelle, ich gehe jetzt in einen Plattenladen und überlege mir, was mir überhaupt gefällt oder mich überhaupt heute noch kickt angesichts der Tausenden von Platten, die jede Woche erscheinen, würde ich mir eigentlich auch sagen, das ist total fresh, das ist sehr individuell, das macht niemand anderer. Ganz so ist es aber auch nicht, das Label wird schon wahrgenommen, aber es fängt tatsächlich jetzt erst an. Ich merke das auch an den Reaktionen auf Baile Funk. Meine Compilation “Rio Baile Funk – Favela Booty Beats” (2004 auf Essay) ist seit drei Jahren raus und erst jetzt kommt die Musik bei einer breiteren Masse an. Im Mainstream ist sie eh noch nicht präsent und selbst in DJ-Kreisen muss ich oft noch erklären, was Baile Funk ist.

Social Fabric Rio

De:Bug: Wie bist du überhaupt auf Baile Funk gestoßen?

Daniel Haaksman: Ursprünglich durch einen Freund, der 2003 in Sao Paulo studiert hat, häufiger in Rio war und mir einen Stoß CDs mitgebracht hat und meinte, das müsse ich unbedingt hören – das wäre halt die Musik, die man in Rio hört. Und ich dachte, ach, das ist jetzt bestimmt wieder so ein Samba-Bossa-Quatsch, und dann hab ich eine CD eingelegt und war wie vor den Kopf gestoßen. Bis dahin hatte ich ziemlich viel Disco Edits gespielt und HipHop – ich komme ursprünglich aus dem HipHop, der Sound, mit dem ich aufgewachsen bin. Außerdem ziemlich viel Electro-Funk aus den frühen 80ern, wobei ich mit dem Electro, der um die Jahrtausendwende aufkam, nicht so viel anfangen konnte, weil mir das zu rockig war, eben nicht black enough.

Ich war zu der Zeit aber auch tatsächlich in einer DJ-Krise, diese ganzen Disco-Sachen waren durch die Edits schon ganz aufregend, aber trotzdem zu retro-mäßig, und ich habe nach was Neuem, Freshem gesucht. Dann purzelten mir diese CDs in den Schoß und ich dachte: That’s It! Ich habe versucht, von hier aus mehr von dieser Musik zu bekommen, aber es war unmöglich, in Europa Baile Funk CDs zu finden. Es gab auch keine Compilations und man konnte auch nichts direkt in Brasilien bestellen, weil diese ganzen Versandhäuser dort kein Englisch sprechen und auch nicht verstehen, wieso ein Europäer ihre Musik bestellen sollte. Irgendwann hab ich gesagt, okay, du musst jetzt selbst nach Rio fahren und dir das selbst anschauen.

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De:Bug: Hast du das damals als Weltmusik verortet?

Daniel Haaksman: Überhaupt nicht – ich habe es als HipHop empfunden. Ich dachte, das ist brasilianischer HipHop, oder zumindest eine Variation davon. Mit Weltmusik habe ich das eben gerade nicht assoziiert, weil das für mich immer die allerschlimmste Zuschreibung gewesen ist. Ich habe auch früher schon brasilianische Musik gehört, aber vor allen Dingen aus den 60er und 70er Jahren. Alles, was nach so etwa ’75 erschienen ist, war für mich ein weißer Fleck. Erst auf Grund meiner häufigen Reisen nach Brasilien habe ich auch die Musik der späten 70er und 80er Jahre aufgearbeitet, und so war das erste Release auf Man Recordings ja auch kein Baile Funk, sondern tatsächlich ein Postpunk-Release, die “Nao Wave”-Compilation, die im Prinzip die Lücke in meinem Musikgedächtnis schloss. Für mich war Nao Wave ein ideeller Vorläufer von Baile Funk, obwohl die Nao-Wave-Bewegung hauptsächlich in Sao Paulo stattgefunden hat; strukturell hatte sie aber einen ganz ähnlichen Ansatz wie Baile Funk, nämlich die lokale Adaption eines globalen Sounds, eben des Post Punk und New Wave. Baile Funk ist nichts anderes. Es ist sehr in Rio verwurzelt, in der lokalen Musiktradition, in der “Social Fabric of Rio”, also in den sozialen Bedingungen, die in Rio herrschen. Ich hatte davor schon zwei Compilations mit Baile Funk gemacht, deswegen dachte ich mir, dass es keinen Sinn machen würde, das Label damit neu zu starten.

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De:Bug: Wieso bist du überhaupt weg von Essay, dem Label, bei dem du vorher gearbeitet und auch die ersten Baile-Funk-Compilations herausgebracht hast?

Daniel Haaksman: Ich hatte bei Essay drei Partner, und es war einfach extrem schwer, mit ihnen zu kommunizieren. Einer der Partner war mein alter Freund Shantel, der zu diesem Zeitpunkt anfing, mit seinem Bucovina-Projekt sehr erfolgreich zu werden und es einfach schwierig wurde, eigene Vorschläge und musikalische Ideen einzubringen. Ein Vorschlag war eben auch die “Nao Wave”-CD, und die wollten sie nicht – auch nicht noch weiter Baile Funk veröffentlichen. Also machte ich meine eigene Sache. In der Zwischenzeit wurden die Baile-Funk-Compilations trotzdem sehr erfolgreich. Speziell in Amerika gab es irre viele Stories und ich musste viele Interviews geben zu dem Thema … Es wurde entdeckt und entwickelte sich dann zum totalen Selbstläufer.

Dazu kam auch noch die Bootleg-Mix-CD von Diplo, “Favela on Blast”, auf Big Dada, die quasi zur gleichen Zeit erschien, dann de ”Piracy Funds Terrorism”-Compilation mit MIA, danach ihr Album und plötzlich ging es total ab. In Deutschland wurde Baile Funk nach dem ersten großen Aufmerksamkeitsschub aber irgendwie nicht weiter verfolgt. Beim Auflegen habe ich gesehen, dass die Leute das zwar aufregend finden, es für die meisten aber rhythmisch und musikalisch einfach zu komplex ist; Musik, die von permanenten Brüchen bestimmt wird, sehr ungerade ist und körperliche Flexibilität erfordert. Wir sind hier so auf die gerade Bassdrum getaktet, dass Baile Funk untanzbar ist für die meisten, außerdem sehr songorientiert, sehr vocallastig, eben Maximalmusik und genau das Gegenteil von dem, was in Berlin die Clubs dominiert: Minimal.

Der Brückenschlag

De:Bug: Was steht hinter der “Funk Mundial”-Serie?

Daniel Haaksman: Das ist ein bisschen aus der Not heraus entstanden. Baile Funk funktioniert hier bis zu einem gewissen Grad, aber es fehlen die Tracks, die die Brücke schlagen zu dem, was man in Europa spielt, sowohl was den Sound betrifft als auch vor allem die Rhythmik. Man kann zwar super von House in Baile Funk mixen, aber von Baile Funk raus in House oder Elektro oder Broken Beat zu gehen, ist dann schon wieder schwieriger. Um die Leute auf der Tanzfläche nicht so zu verwirren, dachte ich mir: Warum macht man nicht eine Serie wie “Funk Mundial”, bei der Elemente aus dem Baile Funk von amerikanischen oder europäischen Produzenten aufgegriffen werden und eine nicht-brasilianische Interpretation von Baile Funk versucht wird?

Das Ganze startete mit der “Stereotyp”-Maxi von Edu K, die ironischerweise auch gleich die unfunkigste bisher ist. Edu K ist zwar aus Brasilien, aber die Art und Weise, wie er auf der Maxi singt, ist nicht wirklich Funk, sondern mehr Punk-Rock-Geschreie. Der Track ist auch weniger Baile Funk als vielmehr klassisch Broken Beats mit Ragga Tech, aber rückblickend betrachtet fand ich das genau gut so, weil das eine Zäsur darstellen sollte, einen Anfangspunkt, von dem aus man die verschiedenen Ausformungen artikulieren kann. Dann kam die Sinden + Count Of Monte Crystal raus, die ja praktisch eine Speed-Garage-Interpretation von Funk ist, bei der ich auch erstmals das Acapella eines MCs aus Rio verwendet habe, den ich Anfang des Jahres dort im Studio aufgenommen habe. Sinden hatte mir letztes Jahr im Herbst “Beeper” als MP3 zugeschickt und ich war so begeistert von dem Track, das ist so eine Energiebombe, dass ich dachte, das muss man mit Baile Funk kreuzen.

Es war anfangs total schwer, ihn dazu zu bewegen, Beeper hatte er mit Hervé gemacht, aber irgendwann hat es doch geklappt und ich hab ihm das Acapella geschickt und dann haben die beiden dieses Monster daraus gebaut. Und ich dachte: Yes! genauso wollte ich’s haben. Eine lokale Adaption von Baile Funk, die sehr in London verwurzelt ist, aber trotzdem noch nach Funk klingt, mit den Drumrolls, mit dem Bass, mit der Rave Anthem, die auch im Baile Funk ganz häufig vorkommt. Aber eben nicht, weil es Trend ist, sondern weil sie seit 15, 20 Jahren diese Sounds sammeln und immer wieder verwenden.

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De:Bug: Überlegst du dir immer genau im Vorfeld, wen du als nächsten nach einer Produktion fragst, oder machst du das auch im Flow?

Daniel Haaksman: Bei den ersten fünf “Funk Mundials” waren es Produzenten, die ich schon seit längerem beobachte. Leute, bei denen ich mir sicher war, dass sie etwas Spannendes machen können, wenn man sie nur an so ein Projekt ranlässt. Ich hatte auch mal Frederic Galliano gefragt, diesen französischen Kuduro- Produzenten, der hat einen ganz okayen Track gemacht, aber ich war nicht 100% davon beeindruckt. Der nächste, sechste Teil der Serie wird der letzte sein. Man könnte das natürlich noch weiterführen, aus Berlin hab ich zum Beispiel immer noch keinen, das liegt aber auch leider daran, dass ich in Berlin auch niemanden so richtig interessant finde gerade. Die Einzigen, die ich auch gefragt habe, waren Modeselektor, die hatten aber keine Zeit oder eben kein Interesse, und alles andere, na ja, ich weiß nicht. Mir ist aber grundsätzlich wichtig, dass die Leute gepickt werden, dass ich sie frage, dass es Leute sind, die sich mit Beats auseinander setzen, die mit HipHop und brasilianischer Musik eine Assoziation haben. Der durchschnittliche Houseproduzent würde halt einen Housebeat machen und den MC darüber singen lassen und das wär’s dann, der würde sich nicht wirklich mit der Musik auseinander setzen.

Funk Mundials im Remix

De:Bug: Es gibt also nur sechs Funk Mundials … und dann?

Daniel Haaksman: Eine CD-Compilation im Februar mit vier Exclusives, unter anderem von Stereotyp, dem DJ C Track, Freeform 5 und der vierte ist noch nicht ganz klar. Es wird eine Doppel CD – auf der zweiten erscheinen dann Remixe der Funk- Mundial-Tracks. Ich hab eine ganze Reihe von Remixern und Producern aus Rio gefragt.

De:Bug: Die Interpretationen der Interpretationen? Spannend, hast du schon welche bekommen?

Daniel Haaksman: Ja, von Sandrinho und Amazing Clay. Von zwei meiner Tracks habe ich auch schon existierende Produktionen gefunden, was ein bisschen heikel ist, weil ich die Sänger bezahlt habe und so auch die Rechte halte, Verträge gemacht habe etc. Einige hatten ihre Songs doppelt vercheckt – das ist eben auch typisch Rio. Es gibt von Tamborzuda schon eine Version und von der neuen Makossa Megablast sogar eine mit Video von den Gaiola Das Popozudas, der bekanntesten Female MC Crew aus Rio, die immer zu viert auftreten mit männlichem Striptänzer und als die wirklich emanzipierten Lady MCs gelten.

Danach gibt es eine Compilation zur Baile Funk Masters, der zweiten 12″-Serie auf Man Recordings. Da war ja die Idee, Artist-orientierte Releases zu machen, die den Leuten, die Beats machen in Brasilien und bisher komplett unbekannt geblieben sind, ein Forum, eine Plattfom geben. Das große Problem der Rezeption von Baile Funk in Amerika und Europa war bisher, dass es durch die Compilations immer ein komplexes amorphes Gebilde war und fast keine Persönlichkeit, kein Gesicht daraus hervorgegangen ist.

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De:Bug: Hast du einen Bezug zu dem Wort New Rave an sich oder denkst du, dass du vielleicht von diesem Hype nutznießt?

Daniel Haaksman: Ich habe früher viel Rave gehört und bin in meiner Jugend auch viel auf Raves gegangen, aber sonst …(lacht). Das Lustige an Baile Funk ist auch, dass es nicht nur Miami Bass oder Old-Skool-Elektro-Einflüsse hat, auch Rave ist immer präsent gewesen und jetzt kann man es einfach wieder rekontextualisieren. Die Baile Funk Tracks mit Rave-Melodien kannst du jetzt wieder spielen, sie erscheinen nicht mehr so fremd wie vor drei Jahren noch. Ich finde es schon ganz lustig, dass dieser Begriff so die Runde macht, wo die Musik doch größtenteils ganz unravig ist. Der Tamborzuda Track ist für mich eigentlich die einzig wirkliche neue Rave-Nummer. Wenn es New Rave als Musikphänomen geben würde, dann wäre das ja 21.-Jahrhundert-Interpretation von Rave. Aber alles, was ich so höre, ist ein Aufguss von Electroclash oder Indierock mit Beats, es hat eigentlich nichts mit Rave zu tun. Als New Rave würde ich mich als Label auf keinen Fall assoziieren wollen, die Haupterzählung meines Labels ist Brasilien, Baile Funk und die europäische Interpretation, Analyse oder Präsentation.

De:Bug: Wo spieltst du überall?

Daniel Haaksman: Leider wenig in Berlin, weil es hier keinen Club, keine Plattform für diesen Sound gibt. Ich spiele häufig in Holland, ich war in diesem Jahr dort allein auf fünf Festivals. Frankreich, England, in Polen nach wie vor viel, in Österreich. Ich hab auch auf Brasilien-Festivals gespielt, wo mich die Leute nur ganz seltsam angeguckt haben, weil die Musik für die einfach nicht Brasilien repräsentiert, der 45-jährige Charlottenburger Brazil- und Worldmusic-Fan versteht halt nichts und das ist eben auch ein Problem, Baile Funk provoziert ständig Missverständnisse.

De:Bug: Was hältst du vom neuen MIA-Album?

Daniel Haaksman: Super, das beste Album des Jahres. Total genial und mutig, nicht die Timbaland-Option zu nehmen, sondern zu machen, wozu sie Lust hat. Mit Diplo und Switch hat sie natürlich auch die Hitproduzenten, vor allem Switch ist der beste im Moment. Was mich auch begeistert, ist, dass sie zwar in Englisch singt, die Musik aber von der Welt erzählt, von dem, was außerhalb von Europa passiert, was ich ja mit meinem Label im Prinzip auch zeigen will: dass es in Brasilien und sonstwo Musik gibt, die genauso innovativ ist wie eine Scheibe von Kompakt zum Beispiel, die nur mit andern Mitteln produziert wird und aus einem anderen sozialen Umfeld kommt. Auch in Brasilien gibt es Abstraktionspotenzial und Verständnis dafür, wie ein Track kicken muss, damit die Leute durchdrehen. Das wurde jahrelang in Europa komplett ignoriert. Für mich hat es auch einen politischen Aspekt zu zeigen, dass Dritte Welt auch anders klingen kann. Sie hören auch Snoop Dog und Dr. Dre und bei ihnen klingt das dann aber nicht wie Absolute Beginner oder KIZ, sondern es klingt halt wie DJ Sandrinho oder Sany Pitbull.
http://www.manrecordings.com

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Elektronische Lebensaspekte.