Die Wander-Biennale "Manifesta" macht mit ihrer 3. Austragung in Ljubljana Station. Unter dem Titel "Borderline Syndrome - Energies of Defense" wird im Schwerpunkt eine Repolitisierung der Videokunst versucht. Die günstigen Hotelplätze in Ljubljana sind jedenfalls ausgebucht gewesen.
Text: nina möntmann [nina.moentmann@gmx.de] aus De:Bug 38

kunst ”Borderline Syndrome” Die dritte Manifesta in Ljublijana Die erste “Manifesta” wurde vor sechs Jahren ins Leben gerufen, als eine Reaktion auf die damalige Abschaffung der “Aperto”, des Forums für die jüngeren Positionen der Biennale in Venedig. Das Konzept der neuen europäischen Wander-Biennale unterscheidet sich jedoch mächtig von der letztlich etwas träge gewordenen “Aperto”. Ein internationales Komitee mit wechselnder Besetzung stellt alle zwei Jahre eine mehrköpfige Kuratorengruppe zusammen und legt eine europäische Stadt als Austragungsort der Grossausstellung fest. Nach Rotterdam und Luxemburg entschied man sich in diesem Jahr für die slowenische Kapitale Ljubljana und für die KuratorInnen Francesco Bonami, Ole Bouman, M‡ria Hlavajov‡ und Kathrin Rhomberg. Ankommen Noch ein Beitrag zur Kunstsoziologie: In Basel waren während der zeitgleich stattfindenden Kunstmesse alle teuren Hotels ausgebucht, während in Ljubljana keine günstigen Schlafplätze mehr zu haben waren. Wer weiss warum, es war in den Köpfen festgesetzt, dass Ljubljana “schwer zu erreichen” sei (1,5 Stunden direkt ab Frankfurt, 300 Km südwestlich von Wien). Das hatte zufolge, dass der Grossteil einige Tage am Ort verblieb. Und wann leistet man es sich schon, bei einer Ausstellung mit 59 KünstlerInnen, die jede Arbeit vom Anfang bis zum Ende zu sehen, vor allem wenn sie zu – ich sag mal – 80% aus Videoprojektionen von 10 bis 45 Minuten Länge besteht. Man wusste vor Ort also, wovon man sprach. So ergab sich die luxuriöse Situation eines einzigen in der Stadt herumwabernden Diskussionskomplexes. Umhören Auf den offiziellen Panels, Pressekonferenzen und Diskussionsrunden hingegen ging es nicht in einem Wort um Kunst. Über Unstimmigkeiten unter den KuratorInnen wurde geredet, die eigentlich nur insofern interessant sind, als dass sich in der Ausstellung tatsächlich ein Kommunikationsdefizit der Planungsgruppe niederschlug. So hätte man auf einige vergleichbare Positionen verzichten können, zugunsten anderer Blickwinkel auf das Motto der Ausstellung. Zudem ist das nicht gerade unkompliziert: “Borderline Syndrome – Energies of Defense”. Da wurde natürlich in der Argumentation um das pathologische Ego unser Kunstbetriebspsychologe Slavoj Zizek heftig bemüht. Die locker hergestellte Verbindung zu der Situation Sloweniens liegt auf der Hand. In ihr klingt leider dieser zwiespältige passiv-aggressive Unterton an, der die Marginalisierung nicht-westlicher Regionen eher noch bestärkt. Dennoch fand ich es einen guten Slogan, der die Selbsteinschätzung der Situation vieler KulturarbeiterInnen in osteuropäischen Ländern widerspiegelt. Der Ansatz, das Konzept auf theoretische und politische Füsse zu stellen, ist zunächst begrüssenswert. Schliesslich hat Catherine David damals mit ihrer documenta endlich einen Freibrief errungen, auch im grossen Stil mit politischen Positionen kuratieren zu können. Die KuratorInnen in Ljubljana nutzten die Erfahrungen dieses Modells jedoch nicht und stolperten über Herausforderungen, die nur sie für unumgänglich hielten. So stellten sie eine Ortsbezogenheit des Projekts her, der sie unbedingt die grösstmögliche Authentizität abringen wollten. Sämtliche Diskurse, die seit den frühen 90er Jahren um Themen der relativen Ortsbezogenheit kursieren, wurden damit ignoriert. Ansehen In der Ausstellung begegnet man dann zwangsläufig dem Interview als verbreitete Strategie, die im Sinne einer effektvollen Dokumentation der Nachkriegssituation eingesetzt wird. Jasmila Zbanic befragte Kinder, die unter den psychologischen Auswirkungen des Krieges im ehemaligen Jugoslawien leiden, nach ihren Ängsten. Sie erzählen, wie der Grossvater vor ihren Augen erschossen wurde, oder wie sie ihren toten Onkel entdeckten. Das ist starker Tobak – nach Frischluft schnappend schleppte ich mich aus der Videokabine. Weitere emotionale Regungen erstickten dann aber in meiner Unzufriedenheit über die mangelnde künstlerische Transformation des Materials. Die Arbeit berührt durch das Wissen um ihren Realitätsgehalt – aber warum als Kunst? Aus dieser Arbeit spricht lediglich das aus der Ethnographie entliehene Credo “to let them speak”, was dort schon einen langen Bart hat. Die Künstlerin als “participant observer” ist zwar eine akzeptable Rollenverschiebung, aber nur, wenn das auf diese Weise aufgezeichnete Interview-Material nicht für sich stehen bleibt. Wie z.B. bei Nasrin Tabatabai. Ihr Video ist im Auftrag eines Türken entstanden, der in Rotterdam lebt und seinen Verwandten ein Video über seine Sicht auf die Stadt schicken wollte. So fahren die beiden gemeinsam herum, er zeigt seinen Laden, seine Lieblingsbrücke und führt sie in eine türkische Bäckerei, im Auto läuft türkische Musik. Tabatabai verknüpft den Diskurs um Kunst als Dienstleistung mit der Aufzeichnung eines persönlichen, kulturell geprägten Stadtbilds, ein Video als “mental map”. Auch der junge albanisch-fränzosiche Künstler Anri Sala überzeugt mit seinen Bilderzählungen. Denn er öffnet den BetrachterInnen einen Freiraum zwischen Realität und Fiktion. Die sehr persönlichen Mitteilungen eines ehemaligen Soldaten im Jugoslawien-Krieg wechseln mit dem Portrait eines Sonderlings, der inmitten von riesigen Aquarien lebt und über sein Dasein mit den Fischen berichtet. Oder Josef Dabernig, der zwei ernsthafte Herren im Anzug in einem leeren Stadion Anweisungen an die nicht vorhandenen Fussballspieler erteilen lässt. Ein Gleichnis politischer Zeremonienmeisterei ohne Inhalt. Michael Elmgreen & Ingar Dragset zeigen, wie Institutionskritik heute funktionieren kann. Sie recherchierten, dass es in Ljubljana keine einzige kommerzielle Galerie gibt. Daraufhin nutzten sie das Forum der “Manifesta”, um in der Moderna Galerija, einem der drei Hauptschauplätze der Ausstellung, eine “White Cube” Galerie einzurichten, deren Programm von ortsansässigen Kunsthistorikern zusammengestellt wird. Es darf auch verkauft werden, und wer seine Adresse ins Galeriebuch schreibt, bekommt Einladungen zugeschickt. Wie das halt so funktioniert im kommerziellen Kunstbetrieb. Fazit Trotz meiner anfänglichen Kritik am Konzept: Was ich mir vor allem von der Manifesta 3 versprochen habe, ist eingetreten. Die lange Liste bisher unbekannter KünstlerInnen aus Osteuropa birgt nicht die üblichen VorzeigekünstlerInnen, die in repräsentativer Mission unterwegs sind, sondern individuelle Positionen, von denen man bald mehr sehen will.

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