Über Musik im Jubelton zu schreiben, kann richtig hartes Brot bedeuten. Bei Manitoba ist es genau andersherum. Über Dan Snaiths neue Platte zu reflektieren, ohne im Jubelton unterzugehen, ist die härteste Kokosnuss seit Menschengedenken. Raubritter Kay Meseberg hat sich die Zähne ausgebissen.
Text: Kay Meseberg aus De:Bug 70

Namenstassen und Polarlicht

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Elektronische Lebensaspekte.

Manitoba ist ein trostloser Landstrich in Kanada. Manitoba ist das Eiswagenelektronikprojekt von Dan Snaith. Und damit ist man gegen die trostlosesten Bedingungen gewappnet. Das Glück in Tüten.
Text: sascha kösch aus De:Bug 47

Manitoba
Bricht dir das Herz
Einfach so. Manche Leute machen alles einfach so. Manche wirken dabei ganz einfach. Manche so, manche lala. Manche machen einfach alles so, um eine Entschuldigung zu haben, dass ihnen nichts Anderes eingefallen ist. Manche sagen einfach so, alles einfach so zu machen, weil ihnen nichts Anderes zu dem einfällt, was sie tun, oder weil sie nicht sagen mögen, was sie tun, oder weil es eh alle besser wissen. Andere machen alles einfach so, weil es so einfach ist und hinterher eh alles so gekommen wäre. Manitoba (benannt nach einem Stück nirgendwo irgendwo in Canada, eigentlich heißt er Dan Snaith) macht auch irgendwie alles einfach so. Sagt er, und wir glauben das. Mit allen Attributen, die solche Musik haben kann, wenn das Einfache als Methode alles zuläßt. Spontan, leicht, glücklich, melodiös, verspielt, anders, eigenartig. Oder irgendein weiteres Wort dieser Reihe aus Allgemeinplätzen, die meistens blöd, oft langweilig, manchmal aber eben einfach so richtig sind.
Manitoba ist aus Toronto, Kanada. Zur Zeit irgendwie mein Lieblingsplatz für Musik, die man erst noch entdecken muss. Aber er kennt keinen der anderen Kanadier oder Toronto-Nasen, noch irgendeinen der Leute, von denen ich dachte, dass sie genau das einfach genau so aber ganz anders gemacht hätten (Born Under A Rhyming Planet/Wunder/Pilote). Das Problem heißt Eklektizismus. Wenn es kein Problem ist, d.h. einfach so gemacht wird, dann kann das schon mal das Beste sein, was einem über den Weg läuft. Aber es ist keine Methode, bildet keine Szenen, lässt sich nicht zusammenfassen und hat auch sonst Vor- und Nachteile, die ziemlich einzigartig sind. Es ist eine Art Metamethode und genau dann zu etwas zu gebrauchen, wenn es einfach so gemacht wird, unmethodologisch. Es ist eine Art von Künstlichkeit, die genau dann gut ist, wenn sie natürlich ist. Eine Art eigene Welt, die dann wirklich ist, wenn sie mit dem Alltäglichen zusammenfällt, ohne sich in ihm auflösen zu können. Eklektizismus ist eine Welt voller Widersprüche, die aber, wenn sie einfach so gemacht wird, ganz und gar nicht widersprüchlich klingt.
Manitoba macht Musik, die klingt, als könnte man ihn nebst realem Kommunismus als Eiswagenmann verkaufen, der rings um die Welt fährt, um den Leuten das Glück in Tüten zu bringen. Manitoba klingelt, alle laufen raus, draußen scheint die Sonne. Die Welt ist gut, das Eis so lecker, dass man an nichts anderes denkt. Die Melodie des Eismannwagens vergisst man nie wieder in seinem Leben, und alles ist gut. Manitoba klingt so, wie die Welt sein sollte, vernünftigerweise auch ist, wenn man sein Album “Start Breaking My Heart” hört. Warum aber Eklektizismus?
Manitoba (hierin der Dekonstruktion nicht unähnlich) ist keine Methode. Eklektizismus auch nicht. Im einfachsten Fall sind es viele Methoden, dann wird aus Eklektizismus schnell Fusion. Manchmal aber sind es immer neue Methoden, die sich sammeln, und man hört ihnen irgendwie an, dass es immer noch mehr werden, dass aus der Musik nie ein Stil werden wird, weil es nicht überschaubar ist. Wenn er Tracks macht, dann weil er immer schon Musik macht und Musik für ihn (wir haben nachgefragt, weil wir genau das vermutet hatten) die Form von Glück verursachen kann, die er “absolute Euphorie” nennen würde. Vermutlich hat er ein bisschen zu lange Musik gemacht. Oder gehört. Ohne Musik würde Manitoba wahnsinnig werden. Bestimmt in Manitoba, das so desolat ist (als Landstrich), dass man es als Paradigma für die nordamerikanische Kultur lesen könnte, ähnlich wie das Cover seines Albums, das aussieht wie ein zusammenpastetes Kunstwerk aus Verlassenheit mit disparat arrangierten, mediterranen Einflüssen nebst McDonald’s. “Man würde wahrscheinlich nie ein McDonald’s-Logo auf einem Elektronikalbum erwarten, aber es ist ein so alltägliches Bild, desolat und depressiv, aber auch schön und gerecht dem gegenüber, was man alltäglich nennen könnte.” Es sei denn, jemand hätte es bezahlt. Appropriation des globalen Franchising-Kapitalismus durch präventives Selbstbranding mit Stil, also überhaupt nicht Retro. Kein heißes Eisen auf der Haut, sondern ein sleakes, schnittiges, klares Produkt mit schillernder Rechtslage. Einfach so.
Dan Snaith ist mit Kieran Hebden von Four Tet befreundet. Der machte auch den Kontakt zu The Leaf Label, wie es etwas umständlich heißt. Alle waren von seinen Tracks bisher so begeistert, dass sogar die ID, ansonsten bestimmt kein Freund exotisch elektronischer Musik, einen Artikel über Manitoba machen musste. Dan Snaith hat also doch ein musikalisches Umfeld. Das allerdings sind seine Freunde (von denen einer, Koushik, demnächst eine Platte auf Hebdens neuem Label Text machen wird und nebenbei noch mit einer Band namens Russian Futurists arbeitet). Ein Haufen von 10 Leuten, die sich gegenseitig in einer musikalischen Balance halten. Und alle nebenher noch Tracks produzieren.
Snaith begann mit Piano, dann Gitarre, Drums, Trompete, was immer an Musikinstrumenten aufzutreiben war, und stahl mit 13 einen Sampler aus seiner Schule (pfui), hört zwischen Hiphop (Quasimoto, Lootpack, Timbaland, MF Doom, Main Source, Big Daddy Kane, etc., etc., etc.), das, was er “psychedelischen Folk” nennt (Byrds, Beach Boys, Zombies, Beatles, Nick Drake, Jim O’Rourke), Indie (Joy Division über Spacemen 3 bis Cat Power, Sonic Youth und Chicago Post Rock), spirituelle amerikanische Jazz Sachen (Art Ensemble of Chicago, Alice Coltrane, Marion Brown, Albert Ayler – was ihm den Ruf eingebracht hat, ein Jazzer zu sein), den üblichen Verdächtigen elektronischer Musik (Aphex, ToRococoRot, Mum, Four Tet natürlich und Boards of Canada) alles, und findet, dass es alles wie Manitoba ist. “Ich denke das, was sich da durchzieht und allem gemeinsam ist, ist, dass ich wirklich einfache Melodien mag. Ich mag Musik, die sich anders anhört, nur, wenn sie wirklich melodisch ist und irgendein Pop-Element hat. Wenn man Aphex Twin und Alber Ayler unterschieben kann, ein Popelement zu haben. Und ich hoffe, dass das Album sich nicht nur ein wenig einzigartig anhört, sondern eher wie Songs als Stücke elektronischer Musik.”
Auf jeden Fall hört sie sich so an, dass man nichts weiter mehr braucht als diese Tracks, wenn man einen perfekten Tag haben will. Und dass einem zur Erklärung von allem, was an einfacher und komplexerer Euphorie so unterwegs ist in einem Leben, kaum etwas Besseres einfällt, und es hat auch noch ein “Happy Ending”.

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