Als Soulphiction und Jackmate arbeitet Michel Baumann an der Fusion von Minimalhouse und Theo-Parrish-Sound. Als Manmadescience stemmt er sich im Live-Trio mit Nik Reiff und Benjamin Lieten gegen die Quantisierung der Musik.
Text: Sven von Thülen aus De:Bug 98

Man kann nicht alles programmieren

Stuttgart bleibt Deutschlands Motorcity, da können sich die Wolfsburger auf den Kopf stellen. Denn neben den Upper-Class-Traditions-Karossen von Porsche und Mercedes Benz wird hier auch an tiefen, sexy-rumpeligen House-Beats gebastelt und geschraubt, die Soul mit einer ruhigen Nachdrücklichkeit immer tiefer treiben und dabei nicht selten wie eine ehrfurchtsvolle Verbeugung über den Atlantik zur originalen Motorcity gelesen werden können (ohne diesen manchmal schon etwas schal gewordenen Referenz-Querverweis überstrapazieren zu wollen). Hauptverantwortlich dafür ist Michel Baumanns Label “Philpot”, dem vor kurzem auch das für die direkteren und funktionaleren Momente einer Clubnacht ausgelegte Schwesterlabel “Phil E” zur Seite gestellt wurde. Als Jackmate und Soulphiction lotet Michel Baumann solo die möglichen Intensitätsstufen und Schnittstellen von Techno und House aus, während er zusammen mit Nik Reiff und Benjamin Lieten unter dem Namen Manmadescience an einem offeneren musikalischen Ansatz arbeitet, der Soul, House, HipHop und Jazz in einem groovenden Live-Jam miteinander verschmilzt. Waren die ersten beiden EP’s auf Philpot noch im besten Sinne klassische minimale Deep-House-Tracks, denen man den Live-Charakter der Produktion nicht zwingend anhörte, ist die im Dezember erscheinende neue Maxi ”Smoke“ nicht nur ein Percussion-lastiges Soul-Monster, sondern auch ein lupenreiner Livemitschnitt, der die von den dreien anvisierte analoge Sound-Dynamik perfekt einfängt.
”Gejammt wird über einen Loop oder Beat, den einer von uns vorgibt. Michel ist an der MPC und dem Nord Modular, Benjamin spielt Percussions und ich sitze an der DAW und am Studiopult. Dabei wird der eigentliche Track live im Studio runter gemischt. Eigentlich ist jeder Manmadescience-Track ein Jam. Hinterher überlegen wir uns, ob wir noch Musiker dazu spielen lassen oder ob vielleicht ein Vocal fehlt“, erläutert Nik die Arbeitsweise der drei und ergänzt: ”Ein gewisser Anteil ‘Unquantisiertes’ ist auch wichtig für unseren eigenen Sound. Ob das von unquantisierten Maschinen oder Musikern kommt, ist dabei nebensächlich.” Und Michel ergänzt: ”Wir nehmen sehr oft Percussions von Benjamin über die komplette Länge des Tracks auf, doppeln ihn immer wieder – das kann man nicht programmieren. Polyrhythmik und funky Hihats sind unser Ding. Liveatmos und diese Schnipsel, die sich die ganze Zeit verschieben und kurz bevor es nervt, … zack … wieder genau sitzen. Das kann man einfach reindrücken oder programmieren. Für uns zählt mehr das Ergebnis, nicht die Religion dahinter. Außerdem produzieren wir alle drei recht unterschiedlich, was von alleine eine heftige Dynamik entwickelt, die Nik bei der Aufnahme in den Griff bekommen muss. Wir mögen es warm und sexy und lieben den rohen Drumsound älterer Disco- und House-Produktionen, der sich deutlich von den Plug-Ins, die man heute so benutzt, unterscheiden. Dasselbe bei den Basslines. Daher benutzen wir entsprechende Geräte und Bandmaschinen, mischen diese aber teilweise mit modernen, digitalen Sounds.“ Dass Nik hauptberuflich als Toningenieur arbeitet und somit täglich mit Orchestermusikern zu tun hat, eröffnet den dreien natürlich auch allerlei Möglichkeiten, Gastmusiker für ihre Sessions zu gewinnen. ”Ich kann da auf einen ganz eigenen Pool an Musikern zurückgreifen. Oftmals sind Manmadescience-Samples auch aus den Aufnahmen verschiedener Bands in meinem Studio entstanden.“ Würden die drei bei dieser offenen Ausrichtung von Manmadescience ein Projekt wie das ”Detroit Experiment“-Album, das Carl Craig vor einigen Jahren mit Detroits Jazz-Legenden aufgenommen hat, reizen? Michel: ”Ein fantastisches Album, ohne Frage, aber ein anderer Ansatz. Wir sind ja nun meiner Meinung nach nicht wirklich Jazz, sondern eine Mischung aus unseren persönlichen Vorlieben und musikalischen Erfahrungen. Und in Stuttgart sind das nun mal eher HipHop, Soul, Disco … und eben Jazz. Ich fände es aber vermessen zu versuchen ein ‘Jazz-Album’ per Definition aufzunehmen, da wir es einfach nicht selbst einspielen könnten. Wir haben allerdings John Thrower (Saxophon, Klarinette, Flute), der uns quer durchs kommende Album begleitet hat, und einige andere Gastmusiker.“ Bis ”Get Closer“, das von Michel erwähnte Album, herauskommt, müssen wir uns allerdings noch ein bisschen gedulden. Im Februar soll es soweit sein. Bis dahin heißt es durchatmen und den Groove nicht vergessen.

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Elektronische Lebensaspekte.