Die Sache mit der Transzendenz
Text: Nadine Kreuzahler aus De:Bug 170

by jan kapitaen

Aus Irland über Berlin nach Deephouse-City: Das Debütalbum von Niall Mannion gibt dem Wohlfühl-Sound der Dancefloors neue Impulse. Und funktioniert nebenbei auch als LP ganz hervorragend. Etwas, was selbst 2013 immer noch viel zu selten vorkommt.

Text: Nadine Kreuzahler

Müde und verstrubbelt sitzt Mano Le Tough in der gemütlichsten Ecke eines Kreuzberger Cafés und versinkt tief im Sofa. Gerade erst hat er sich von einer Erkältung erholt, die er sich bei seiner Rückkehr aus Mexiko eingefangen hatte. 40 Grad Temperaturunterschied zwischen dem karibischen Dancefloor des BPM-Festivals und der Berliner Gräue strecken auch den geübten Traveller nieder. Dabei war der Trip ein Erfolg: Mano hat an der Playa del Carmen, zwischen türkisgrünem Wasser, Strandbuden und Palmen ein paar Stücke aus seinem neuen Album “Changing Days” präsentiert. Obwohl es alles andere als ein Clubalbum geworden ist. Aber der Versuch ging auf: “Es ist toll, die Stücke zu spielen und zu merken, dass sie perfekt ins Set passen, obwohl sie keine Dancefloor-Banger sind. Ich wollte definitiv kein Clubalbum machen. Einfach nur Tracks produzieren und dann aneinanderzureihen, die dann auch noch alle ähnlich klingen, interessiert mich nicht”, sagt der 29-jährige Ire. “Ich bin wirklich glücklich mit dem Album, aber auch verdammt froh, dass es jetzt endlich fertig ist.”
In Manos Stimme klingt Stolz, aber auch Erschöpfung an: “Ich höre fast jeden Tag noch mal rein, spiele alles für höchstens zwei Sekunden an und springe dann weiter. Als wollte ich mich vergewissern, dass es das Album wirklich gibt. Ich glaube, ich bin ein bisschen neurotisch”, lacht er. Anderthalb Jahre hat Niall Mannion, wie der DJ, Musiker und Produzent bürgerlich heißt, an den elf Songs gefeilt. Noch viel länger hat er darüber geredet, ein Album machen zu wollen. Buzzin’ Fly, das Londoner House-Label von Ben Watt, hatte Mano Le Tough schon 2011 angeboten, einen Longplayer von ihm herauszubringen. Doch dann kam der Brand im Sony-Lagerhaus in der britischen Hauptstadt dazwischen, der fast die gesamten Bestände des Label-Katalogs vernichtete. Auf einmal schien die Zukunft des Labels ungewiss, und damit die Zukunft des Albums. Doch Mano Le Tough hat bei Permanent Vacation eine neue Heimat gefunden. Ein Fremder war er dort eh nicht: Auf dem Münchner Label hatte er schon Remixes für Aloe Blacc, Midnight Magic und Roisin Murphy ver-öffentlicht, letztes Jahr erschien dort seine “Mountains EP”. Die Entscheidung für Permanent Vacation erscheint logisch, steht das Label doch für den sonnigen, melodischen, Vocal-bestimmten Sound, dem sich auch Mano Le Tough verschrieben hat.
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Je abstrakter, desto besser

Viele seiner Songs entwickeln sich erst vorsichtig, fast schleichend, um sich dann in der Mitte plötzlich zu voller Größe aufzutürmen. Wie die Ahnung eines Berges am Horizont, der gewaltiger und schöner wird, je näher man ihm kommt. Steht man dann vor ihm, ist man auf merkwürdige Art ergriffen, ohne es in Worte fassen zu können. So passiert es mir immer wieder beim Hören von “Changing Days”. Jeder der elf Songs entwickelt eine emotionale Kraft, die nichts mit Gefühlsduselei zu tun hat, sondern mit einer schwer greifbaren Durchdringung allgemeiner Stimmungen und Gefühle. “Transzendenz ist mir sehr wichtig, wenn ich Musik mache. Du überwindest dich quasi selbst, um nur noch in der Musik und in dem Moment zu existieren. Das ist die Magie im Studio, wenn ich plötzlich nicht mehr nachdenke, sondern nur noch kreativ bin. Ich rufe keine konkreten Bilder oder Landschaften, Gefühle oder Erlebnisse in meinem Kopf ab, wenn ich im Studio sitze. Ich glaube sogar, je abstrakter ich an eine Sache herangehe, desto besser wird es.”
Transzendenz durch Musik, darauf kommt Mano Le Tough im Laufe des Interviews immer wieder zurück. Die eigene sinnliche und körperliche Erfahrungswelt überwinden, sie hinter sich zu lassen, um in der Musik aufzugehen, ist sein Ideal. Das hat durchaus schon spirituelle Züge – und “Changing Days” transportiert das. Mano Le Tough erzählt auf seinem Debütalbum gleichzeitig von Veränderung, Einflüssen und Sehnsüchten. Einer der magischsten Momente entfaltet sich dabei in “Dreaming Youth”.
Eine Melodie galoppiert los, hält inne, ein zarter Beat folgt, warme Holz-Percussions greifen die Melodie wieder auf. Dann erst setzt Gesang ein, da hat das Stück schon mehr als vier Minuten hinter sich. Wobei: was heißt Gesang, es ist nur eine einzige Zeile – “spent my youth dreaming” – , die Mano Le Tough sehnsüchtig hervorpresst. “Es geht um die Sorglosigkeit, mit der man durch die Welt geht, wenn man jung ist”, erklärt er. “Du machst dir um nichts Gedanken, alles steht dir offen, die Möglichkeiten scheinen unbegrenzt. Irgendwann merkst du, dass das nicht mehr so ist.” Schwingt hier die Erkenntnis und Wehmut eines 29-Jährigen, kurz vor seinem nächsten runden Geburtstag mit? “Ich war 24, als ich nach Berlin kam, noch total ein Kind. Seitdem ist viel passiert: ich habe mich verändert, bin jetzt erwachsener und viel verantwortungsbewusster. Irgendwas ist passiert mit mir – innerlich, einfach so.”

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Du bist ein Produkt deiner Zeit

Seine Jugend hat Niall Mannion in der 10.000-Einwohner Stadt Greystones an der irischen Küste nicht weit von Dublin verbracht. Hier hat er Gitarrespielen gelernt und in Coverbands gesungen, die er mit “The Drifter” gründete, seinem Kumpel aus Kindertagen, mit dem er seit Jahren auch die Partyreihe “Passion Beat” in Berlin veranstaltet. Schon früh fing Mano Le Tough an, Platten zu kaufen. Erst viel Indierock, bis er mit dem Debütalbum von The Prodigy elektronische Musik für sich entdeckte. “A Thing From Above” erzählt mit primitiven Synthi-Klängen und verzerrter Computerstimme ein bisschen von diesen Einflüssen. Im Eröffnungssong “Cannibalize” thematisiert Mano den Umgang mit musikalischen Einflüssen und Erfahrungen direkt. “You’re a product of your time, a product of your mind”, singt er. “Du bist immer ein Produkt deiner Herkunft und deiner Zeit, ein Produkt dessen, was dich umgibt. Ich bin Produkt der Musik, die ich mir anhöre oder der Erfahrungen, die ich während meiner DJ-Gigs mache. Wichtig für mich ist, aus all diesen Einflüssen etwas Neues zu schöpfen. Die Emotionen daraus zu ziehen und in meine eigene Musik zu packen, ohne sie bloß zu reproduzieren. Wenn man sich House aus den 90ern anhört, weiß man sofort, dass es House aus den 90ern ist. Wenn ich heute House produziere, dann ist es toll, wenn die Einflüsse von damals hörbar sind. Aber wirklich gut ist es nur dann, wenn es etwas Eigenes, Neues hat.” Darüber braucht sich Mano Le Tough keine Sorgen zu machen. Sein Debütalbum besitzt, wie auch schon seine zahlreichen EPs für Labels wie Mirau, Dirt Crew, Buzzin’ Fly oder Permanent Vacation, eine ganz eigene Handschrift. Wie auch seine DJ-Sets, in denen sein eklektischer Musikgeschmack aufblitzt. “Es gibt so viel unglaublich gute Musik da draußen. Ich höre alles, von Folk, über klassische Musik, Jazz bis Pop. Ich finde das auch wichtig. Wenn du immer nur House hörst, dann ist es viel schwieriger, etwas zu machen, das interessant oder anders klingt, weil du nur im eigenen Saft schwimmst.”

Mano Le Tough, Changing Days, ist auf Permanent Vacation/Groove Attack erschienen.

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Elektronische Lebensaspekte.