Karten des virtuellen Netzes entwerfen: Das Buch
Text: Anne Pascual, Marcus Hauer aus De:Bug 45

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Wo geht es lang im Cyberspace?
Das Buch “Mapping Cyberspace” von M. Dodge und R. Kitchin

Allein schon das materielle Netz ist beeindruckend: Schon mal überlegt, warum eure eMails manchmal über Hamburg und dann wieder über Frankfurt brausen? Oder warum euer Webmail-Account von überall abgerufen werden kann, aber nicht mit der gleichen Geschwindigkeit? Weil wir alle ortslose Nomaden mit PDA und PowerBook sind, merken wir gar nicht mehr, dass die Server an festen Punkten stehen und so das Netz gar nicht so virtuell ist, wie wir immer dachten. Nicht zuletzt der Ausfall aller Microsoft-Webseiten im Januar hat gezeigt, was passiert, wenn der Server, der euch an hotmail.com oder microsoft.com verteilt, plötzlich Alzheimer bekommt und ihr eure wohlverdienten Mails oder Updates nicht bekommen könnt. Dass Microsoft jetzt auf dezentrale Server setzt und man sogar mit Linux-Servern munkelt, lässt uns vermuten, dass sich Bill Gates die Brille geputzt hat. Freenet-Begründer Ian Clark wird wohl noch eine Weile warten müssen, bis jeder Rechner Server und Client gleichzeitig ist und Daten sich unkontrollierbar auf andere Rechner übertragen bzw. absterben und das mit dem Mapping in eine neue Runde geht.

Kybernetische Geographie
Die neue Runde des Mappings von Information läutet Martin Dodge vom Centre for Advanced Spatial Analysis des University College London jetzt schon ein. Mit der CyberGeography-Website machte er bereits eine Menge Furore. Jetzt hat er sich mit Freund Rob Kitchin, der Human Geography an der National University of Ireland in Maynooth unterrichtet, zusammen getan, um aus der gemeinsamen Materialsammlung ein Buch mit dem Titel “Mapping Cyberspace” zu schreiben. Daraus ist eine fundierte Analyse der gegenwärtigen Visualisierungsstrategien im Netz der Netze geworden. Die Zusammenhänge von Geographie, Kartographie, Soziologie, Kulturwissenschaften, Informatik, Literatur und Psychologie werden in der Darstellung transparent und gehören damit zum Allgemeinwissen im Umgang mit dem Netz und allem, was damit zusammen hängt. Die technischen Bedingungen und ihre Verquickungen mit dem Markt, die sich im globalen Raum abspielen, irgendwo da oben oder da unten, werden ständig mystifiziert. Hauptsache schnell, undurchsichtig und dennoch wirksam. Mit “Mapping Cyperspace” übernehmen die Autoren endlich die ehrenwerte Aufgabe, diesem Hybridspace nicht nur eine inhaltliche Grundlage zu geben, sondern auch den Implikationen seiner Abbildungen auf den Grund zu gehen. Welche Konsequenzen haben die Abbildungen und Vorstellungsweisen für unser Wahrnehmen und Handeln? Der geographische bzw. physikalische Raum verschiebt sich zum konzeptionellen Raum der Informationen und Datenströme. Übertragungsraten werden durch die Entfernungen plus technischer Infrastruktur bestimmt und damit auch alle weiteren Schritte der Übertragungsvorgänge (die des Arbeitens, des Schreibens und schließlich des Versendens), sie werden verzeitlicht. Eben diese strukturellen Bedingungen spielten immer schon eine entscheidende Rolle, und das nicht erst, seitdem die Kommunikationswissenschaft oder die Nachrichtentechnik daran knabbern. Aus dem Postkutschenfahrplan ist inzwischen ein hochkomplexes System geworden, mit dessen Unübersichtlichkeit gern kokettiert wird.

Content Providing
An dieser Stelle setzen Dodge/Kitchin an, sie beginnen mit einem historischen Abriss des World Wide Web und den damit verbundenen Veränderungen für den sozialen Raum. Sie beschreiben, was zunächst als Dichotomie begriffen wird, z. B. real und virtuell, und was dann durch den Gebrauch miteinander verschmilzt. Denn die Debatte und theoretische Aufarbeitung dessen, was eine Informationsgesellschaft ausmacht und lenkt, macht erst dann Sinn, wenn die Auswirkungen der Informations- und Kommunikationstechnologien für die Arbeitswelt und in urbanen Räumen unter die Lupe genommen werden. Es entstehen zusätzliche, neue, unerprobte Handlungsräume, die meistens visuell vermittelt werden, sei es zur Organisation oder zur strategischen Betrachtung. Durch das Mapping wird der Cyberspace nicht nur vermittelbar, sondern dient auch dem Entwurf weiterer Aktionsräume, als Schlachtplan für die Provider. Und eben gerade aus diesen strategischen Gründen werden Raum und Zeit in Karten und graphischer Darstellung verzeichnet. Jeder kennt solche Netzdiagramme auswendig, aber nicht erschrecken: Es braucht immer verschiedener Darstellungsformen, um ein und die selbe Sache angemessen und nach unterschiedlichen Aspekten zu untersuchen. In “Mapping Cyberspace” finden sich zahlreiche Belege dafür, wie vielfältig die Phänomene des Netzes gesehen werden können und auf welche Weise solche Bilder technische Authentizität suggerieren. Satellitenaufnahmen und dynamische Diagramme, die New Yorker Börse im dreidimensionalen Entwurf des Architekturoffice Asymptote sind alles Beispiele, wie die Darstellung der Information konstitutiv an der Etablierung des Cyberspace beteiligt ist. Ein unvollendetes Projekt nach wie vor! Anhand von Erfahrungsberichten aus MUDs und IRC und schließlich mit zahlreichen Auszügen der Cyberpunk Literatur weisen Dodge/Kitchin auf die imaginative Funktionsweise der neuen Technologien hin. Problematisch wird das erst, wenn das Gefühl für die Maßstäbe verloren geht, sowohl die des Physikalischen als auch die der sozialen Räume.

Fazit
Wir alle müssen noch Kartenleser werden und im Gegenzug die Interfaces dynamischer, ihr Zugang öffentlicher. Sonst kann man noch lange warten, bis die Politik, die Werbung und die Webdesigner verstehen, wo das Potential des Netzes liegt und wie man es nutzen kann, ohne bei den gebräuchlichen Metaphern in Langeweile zu versinken.

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Elektronische Lebensaspekte.