Wenn Stefan Schneider nicht bei To Rococo Rot basst, sitzt er daheim in Düsseldorf vor seinen Basssynthesizern und basst als Mapstation ganz allein durch die Sinuswelt. Nach diversen Maxis liegt nun sein erstes richtiges langes Album vor. Mit Vocals und gar nicht so bassig, wie man dachte.
Text: René Margraff aus De:Bug 61

Sorgfältige Unordnung

“A way to find the day” heißt das neue Album von Mapstation. Nach drei EPs auf Soul Static, Domino und Staubgold ist es das erste lange Album. Stefan Schneider spielte früher mal bei Kreidler, inzwischen ist er neben Mapstation noch beim Dreamteam To Rococo Rot involviert. “A way to find the day” bietet 40 pulsierende Minuten, die auch dich glauben lassen, dass mit Musik alles gut werden kann. Warme Synthiesequenzen tanzen im Kreis, mal zusammen, mal “nur” gleichzeitig, aber schief geht dabei nichts.

New Direction
Die vorab erschienene 12″ deutete schon an, dass sich bei Mapstation etwas verändert hat. Die minimale, aber sehr runde und unsperrige Musik von Mapstation wird auf zwei Stücken von einer Stimme ergänzt und das steht ihr sehr gut. Die Stimme gehört Ras Donovan, der sich normalerweise in eher traditionellen Reggaegefilden bewegt. Bernd Jestram von Tarwater hatte Stefan diese Kooperation vorgeschlagen. Der schrieb ein paar Zeilen und packte das zusammen mit einer CD in einen Umschlag. Schwupps! wurde es mit einem Anruf von Ras Donovan belohnt und man traf sich schließlich in einem Berliner Studio und nahm verschieden Sachen auf.
Neu ist das aus mehreren Gründen. Einerseits ist es das erste Mal, dass Stefan bei Mapstation einen Gast hat, andererseits ging er auch noch nie so geplant vor, jemanden gezielt per Brief anzufragen. Stefan über die Zusammenarbeit mit Ras Donovan: “Es war interessant, sich anzunähern. Ras, der mit Band sonst eher traditionelle Reggaemusik macht, musste sich zur elektronischen Musik verhalten und am Schluss merkte ich dann, dass es ihm richtig Spaß gemacht hatte, andere Dinge mit seiner Musik außerhalb von Songstrukturen zu machen.”

Reggae und Dancehall sind Vorlieben von Stefan, die er durchaus in seine Musik einbringen wollte, allerdings nicht in Form von Samples oder dem Kopieren bestimmter Schemata. “Die Frage, wie man sich an dieser Musik beteiligen kann, ohne dass man sie jetzt direkt nachahmt.” Diese Aufgabe wurde mit Bravour gelöst. Denn hier riecht nichts nach Coverversion oder Berlin-Dub-Ripoff.

Two Landscapes
Vieles bei Mapstation ist Zufall. Es scheint fast so als sei Stefan da irgendwie reingeschliddert. Alles begann damit, dass er nach seinem Ausstieg bei Kreidler von einem befreundeten Künstler gebeten wurde, ihm ein paar Loops aufzunehmen. Besagter Freund ließ nämlich während er in seinem Studio arbeitete oft seinen Synthesizer per Appregiator vor sich hin pluckern. Besagte Funktion ist so etwas wie ein eingebauter Sequenzer. Irgendwann wurde ihm das aber zu langweilig und er fragte Stefan, ob er mit seinem Synthesizer nicht mal ein paar Sequenzen und Loops für ihn aufnehmen könnte. Das tat er und legte diese dann auch irgendwo auf. Darryl Moore von Soul Static hörte dies und wenig später erschien die erste EP von Mapstation. Stefan schwört noch immer auf die Appregiator-Funktion seiner zwei Synthesizer und es gefällt ihm, “nur an den nötigsten Stellen einzugreifen und nicht zu versuchen, an jeder Sekunde individuell einzugreifen. Es ist eher wichtig, sich ein Grundensemble an Sounds zu verschaffen und zu gucken, in welche Richtung die laufen. Auf der neuen Platte haben mich vor allem rhythmische Verschiebungen interessiert. Sachen, die parallel laufen, aber nicht dem gleichen Beat folgen, sodass es verschiedene Timings gibt innerhalb eines Stücks.”
Durch die sich ergebenen Verschiebungen ergibt sich eine sorgfältige Unordnung, da sich die Loops immer wieder mal treffen und kurz parallel laufen. Gut nachzuhören ist dies auch im Stück “Stop”. Neben einem bassigen Synthieloop gibt es noch ein paar feine Tupfer und dann schauen unter anderem auch ein paar freundliche Bassgitarrensprengsel ums Eck. Wieso klingt das nie chaotisch? Zauberei.

I Begin To Know The Map

Die Songtitel von Mapstation bieten Hinweise auf die Musik. Stefan mag es, wenn Titel Gedanken widerspiegeln und andeuten. Bei den Titeln des neuen Albums geht es häufig um “Vielheiten und die Orientierung zwischen mehreren Möglichkeiten”. Hiermit umgeht Stefan geschickt eine der Fallen von vielen Minimaltechnoplatten, die alle Stücke nur durchnummerieren und zumindest für mich dadurch ihren seriellen Charakter überbetonen. Tracks wie “I Don´t Know My Generation” funktinieren da viel besser.

More People Than Two
To Rococo Rot werden dieses Jahr nicht allzu viel machen, lediglich ein paar Konzerte und Remixe stehen an. Stefan wird zunächst mit Mapstation touren, u. a. führt ihn das nach Polen. Die Stücke, die er allein mit seinen beiden Synthies, Sampler und Minidisc nicht spielen kann, werden umarrangiert, zudem spielt er live auch gerne Stücke, die er speziell dafür komponiert hat. “Kein Problem” ist daher auch die treffende Antwort, die er mir gibt, als ich frage, wie er das Problem live zu spielen löst. Außerdem verriet er mir noch, dass ein Label aus Leeds namens Vector Records, das inzwischen schon wieder eingestellt wurde, noch etwas ins Rollen gebracht hat, dessen Ergebnisse schon jetzt mit großer Spannung erwarte: Sie hatten Stefan und Meriel Barham (Kuchen) gebeten ein gemeinsames Stück einzuspielen. Aus dem einen Song wurde mehr, allerdings steht eine Veröffentlichung noch in den Sternen. Stefan war es ja schon zu verdanken, dass uns das wunderbare Album von Kuchen den Winter etwas schöner machte, da er es war, der ein Demo an Karaoke Kalk weitergeleitet hatte. Weiter so.

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Elektronische Lebensaspekte.

Mapstation, das ist der Düsseldorfer Stefan Schneider, den man vor allem als Bassist von To Rococo Rot kennt. Bis vor kurzem war er auch bei Kreidler dabei. Mit "Mapstation" tritt er nun erstmals ausserhalb eines Bandgefüges an die Öffentlichkeit. Soloprojekt, sozusagen. Und es ist gut.
Text: Jan Ole Jöhnk [jan_ole_j@yahoo.com] aus De:Bug 36

/elektronika Der Prozess Mapstation Die Ursprünge von Mapstation liegen lange zurück. Vor Kreidler , von denen Stefan Schneider sich letztes Jahr getrennt hat, gab es ein instrumentales Cassetten-Projekt namens ‘Deux Ballem Blanche’. Schneider hatte damals zwei Cassetten auf einem Vier-Spur-Gerät aufgenommen. “Diese alten Tracks stehen in gewisser Verwandtschaft zu Mapstation”, erzählt er. “Musik, die sehr spontan, aus einer Situation heraus entstanden ist. Genau da habe ich wieder alleine angefangen, ohne im Hinterkopf zu haben, das wird ein Projekt und die Musik wird veröffentlicht. Wieder aufgenommen habe ich diesen Faden dann bei einem Besuch eines Bekannten in den USA, wo wir auf einem Keyboard herumgespielten. Später habe ich dann zuhause zwei Stücke von je 20 Minuten aufgenommen, die mir sehr gefallen haben. Das war Anfang 1999. Diese Tracks habe ich mit dann auf CD gebrannt und aufgelegt. Darauf wurde dann Darryl vom Londoner Label ‘Soul Static Sound’ aufmerksam und wollte die als Platte machen. Es geht bei ‘Mapstation’ aber eigentlich nicht darum, dass ich eine Solokarriere machen will. Deshalb habe ich dem Ganzen auch einen Namen gegeben, der kein Trademark, sondern eher was Allgemeines darstellt. ‘Mapstation’ ist offen. Ich kann mir auch vorstellen, Spoken Word-Elemente zu integrieren.” Es ist also Listening-Elektronika im weitesten Sinne, sich Mapstation auf die Fahnen geschrieben hat. Abstrakt und repetitiv. Das unbetitelte Debüt-Mini-Album für das “Soul Static Sound” zu Beginn dieses Jahres ist noch ein Tasten, ein Ausprobieren, was man alleine mit elektronischen Geräten (oder genauer mit einem Gerät) anstellen kann. Reduziert werden Soundfragmente in den Raum geworfen, die nur manchmal durch Rhythmen strukturiert werden. Schneider: “Die Aufnahmen zur ersten Mini-LP sind im wesentlichen auf einem Keyboard mit Loopfunktion entstanden. Es ging nicht um Verschönerung oder Ästhetik, sondern darum, einem Prozess zuzugucken und nur selten einzugreifen.” Eine spezielle Funktion eines Instrumentes oder einer Situation sollte genutzt und nicht ausgeschmückt werden. Hintergrundgedanke war zwar schon irgendwie, “ja keine Musik zu machen”, aber hinter Mapstation, so Schneider, stehe auch nicht die grosse Idee eines Projektes. Der nun erscheinende Nachfolger “Sleep, Engine Sleep” für den kleinen Kölner Elektronik-Imprint “Staubgold” geht dagegen auf der musikalischen Ebene einen Schritt weiter. Ausgefeilter und fast arrangiert, obwohl noch immer sehr minimalistisch, klingt diese Platte niemals nach Komposition, bleibt immer Improvisation. Ein Prozess, eben. Der Tanzbarkeit verweigert sich Mapstation, weil es zu einfach wäre, zu offensichtlich. Nach Stefans Meinung hätten in die Prozesshaftigkeit des Entstehens dieser Musik auch keine Rhythmusmaschinen gepasst. Offenheit gegenüber dem Passieren als Abgrenzung zu einschränkender Funktionalität.

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