Text: riley reinhold aus De:Bug 12

Vertriebe in Deutschland – Funktionieren sie? Too much. Über Overstock, Importe und Retouren mit Maral Salmassi Riley Reinhold rrr@de-bug.de Vertriebe, wenn sie dich nicht mögen, bedeuten oft den Tod für eine Platte. Dabei sitzen in Vertrieben oft Personen, die die Tätigkeit des Verkäufers nicht gelernt haben, geschweige denn für sich einen persönlichen Bezug zur Musik herstellen können. Unzulänglichkeiten an allen Enden, eben weil man mit der Konkurrenz mithalten will oder besser einen Schritt voraus sein will, führen zu bizarren Situationen. Manchmal geradezu kafkaesk, könnte man meinen, das Bezirksamt an deiner Ecke scheint umgänglicher. Das haben selbst bekannte Label wie Cheap in ihrer Anfangsphase erfahren müssen, als ihre Promo-Platte in der Ecke lag, und sich keiner dafür interessierte, aber auch Thomas Brinkmann, Profan Akt und damit schon im Vorfeld qualifiziert, nach bemerkenswerten Begründungen, warum es dann doch nicht geht, Wochen brauchte, um letztendlich beim Kölner Vertrieb Formic unterzukommen. Ausstehende Zahlungen in der Höhe von 10-40.000 DM bei kleinen Label sind zwar nicht der direkte Tod, aber einer auf Raten, was der amerikanische Vertrieb 7th City letzten Monat zu spüren bekam, der seinen Vertrieb einstellen mußte. Dinge über die nicht offen gesprochen wird. Es wird Zeit etwas dazu zu sagen! Maral Salmassi hat früher bei einem kommerziell ausgerichteten Vertrieb gearbeitet und ist jetzt zusammen mit Gregor Luttermann Betreiber des Formic Vertriebs in Köln. Sie scheint genau die richtige Person zu sein, um uns die verschiedenen Perspektiven des Business aufzuzeigen. De:Bug: Du hast einen neuen Vertrieb gegründet, bei einem anderen aufgehört. Wie wirst du deine Persönlichkeit einbringen? MS: Wir haben nur Sachen, bei denen wir ganz dahinter stehen, oder wo wir die musikalische Arbeit respektieren, auch wenn sie nicht 100% mein Geschmack ist. Irgendwo muß es uns gefallen. Wir würden keine Platte verkaufen, nur weil sie sich gut verkauft. De:Bug: Eine idealistische Einstellung. Aber funktioniert das? MS: Es ist machbar, wenn man realistisch ist, eine ehrliche Vorstellung hat, und sie auch verfolgt. Bewegt man sich in diesem Rahmen und weiß wie viele Platte man wo verkaufen kann, funktioniert es. Ich richte mich nach der Zielgruppe. Mein Ansprüche als Mensch sind entsprechend. Ich will jetzt nicht reich werden. Das will der Gregor nicht, und das wollen auch die anderen nicht, die bei uns arbeiten. Wir wollen gute Musik vertreiben, unsere eigenen Produkte, sprich Label und Vorstellungen, an den Mann bringen. De:Bug: Das setzt voraus, daß es genügend qualitativ gutes Musik-Material gibt! MS: Das gibt es. Es gibt viele Künstler, die nicht geschätzt werden. Besonders unsere deutschen Vertriebe sind riesig. Es gibt vier, die den Hauptumsatz machen und sich hauptsächlich um die Easy Seller und die eigenen Label kümmern. Die Frage nach Qualität fällt da oft weg. Kleine Label, die es wert wären durch Arbeit und Promotion größer gemacht zu werden, bleiben da auf der Strecke. So etwas erfordert eben Arbeit. Es gibt tatsächlich auch Autoverkäufer, die meinen, sie müßten Schallplatten verkaufen und beachten noch nicht einmal die wenigen Gesetze, die es in der Schallplattenbranche gibt. Ich habe selbst mal für einen Vertrieb gearbeitet, GMD. Als ich dort weggegangen bin, habe ich Exklusivlabel von mir mitgenommen, weil es Freunde von mir sind, die woanders besser aufgehoben waren. Der Chef der Firma hat danach öffentlich gesagt, er würde die Label nicht bezahlen. Danach hat er die die limitierte Drumcode 13 (populäres, schwedisches Techno-Label) gebootlegt, komplett getürkt mit gefälschter MPO-Markierung und Vinyl The Exchange Gravur. Und trotzdem gibt es Plattenläden, die bei ihm einkaufen, obwohl sie dies wissen. Mit so einer Platte kann mann aber nicht wirklich viel Geld machen. Warum macht er es also? De:Bug: Fehlt es generell bei Vertrieben an Ideologie? MS: Das mag sicherlich stimmen, aber es spielen da so viele Faktoren eine Rolle … Man ist gezwungen, diverse Stückzahlen zu vertreiben, von Labels, die es gewohnt sind große Stückzahlen zu verkaufen, um sie nicht zu verlieren. Dementsprechend bleiben die Kleinen auf der Strecke, weil die Werbemittel nicht mehr zur Verfügung stehen, das Engagement nicht mehr da ist. De:Bug: Wie gewinnt man das Vertrauen bei neuen Kunden mit einem neuen Vertrieb, wenn man solche Ideale hat? Es gibt viele, die sich damit abgefunden haben. So ist das eben, sagen sie. MS: Ich hoffe, daß wir die Leute nicht enttäuschen werden. Die meisten Vertriebe haben sich über die letzten Jahre so entwickelt, daß sie sehr viele Sachen kaufen, hinter denen sie nicht stehen, die sich aber verkaufen. Dabei handelt es sich um Importe, wo Retouren nicht möglich sind. Daraus hervorgegangen ist eine Einstellung, die besagt, daß man auch qualitativ schlechteres Material kauft, also danach, ob es schon Platten auf dem Label gab, die sich gut verkauft haben. Der Verkäufer muß dann dafür sorgen, daß kein Overstock entsteht. Diese Platten sind dann diejenigen, die in den Läden lange stehenbleiben als totes Kapital. De:Bug: Man sucht aber doch auch eine Kontinuität, möchte dann weiter mit einem Label arbeiten, auch wenn es eine qualitativ schlechtere Platte herausgebracht hat. Oder denkst du an Missmanagement schlechthin? MS: Missmanagement generell. Wenn sich die Leute Zeit nehmen würden zu überlegen … aber das ganze ist derart schnelllebig. Es gibt ca. 150 neue Releases pro Woche, sogenannte Wholesaler. Von Woche zu Woche ändert sich alles. Viele verlieren automatisch die Übersicht, haben keine Kontrolle mehr darüber. De:Bug: Das heißt also weniger Label führen? Ms: Weniger Label bzw. nur welche, hinter denen sie auch stehen können. Es muß eine Struktur entstehen, die dem Vertrieb ermöglicht, bei einem Label, das eine gewisse Machtstellung hat, ein Release auch mal abzulehnen. Zu sagen, das brauchen wir nicht. So eine Haltung führt auch dazu, daß sich die Lables zweimal überlegen, was sie anbieten. Ich kann nicht alles pressen lassen. De:Bug: Wie weit liegt das Problem beim Label? MS: Die Labels haben genauso viel Schuld daran wie die Vertriebe. Ich habe durch meine Arbeit im Vertrieb einen Überblick über das Angebot und was da teilweise existiert, erschreckt mich. Es gibt im Grunde von allem zu viel. Zu viele Label, zu viele Produzenten. Die Leute sind viel zu unkritisch, hat man das Gefühl. Die Musikkultur im Techno ist eine mit wenig Instanzen, die man zu durchlaufen hat. Es wird einem extrem einfach gemacht, Platten zu produzieren und sie pressen zu lassen. Das Fehlen einer Struktur bei den Vertrieben hier, was marktwissenschaftliche Kenntnis betrifft, ist auch dafür ein Grund, warum viel weniger Platten exportiert, als importiert werden. Was hier passiert, steht in keinem Verhältnis zu den Vertrieben, die man in den USA hat. Dort gibt es in Chicago Vertriebe, die tonnenweise Trax verkaufen, in Miami wird Miami Bass verkauft und in Detroit der Sound der Stadt. Über New York laufen im Vergleich dazu hauptsächlich Easy Seller, 100% funktionale Platten wie Adam Beyer und viel Euro-Trance. Kleine deutsche Label werden kaum eingekauft. Amerikanische Vertriebe sind insgesamt etwas protektionistisch oder vielleicht einfach etwas lazy. Für sie ist es mit dem Zoll auch zusätzlich etwas schwieriger als bei uns. Die haben schon Probleme, wenn auf den Platten nicht Made In Germany steht. De:Bug: Stimmt es, daß ein großer US-Vertrieb wie Watts in New York von einer guten Djax Up Platte vor Jahren nicht mehr als 25 Stück für die ganzen Vereinigten Staaten genommen hat? MS: Das kann sein. Denn dort wird lieber eine DJ Sneak oder eine Da Hool verkauft. Wenn sie solche kleinen Stückzahlen bestellen und die Platte ist verkauft, bestellen solche Firmen so gut wie nie nach. Wenn eine Platte weg ist, ist sie weg. De:Bug: Es gibt aber doch noch andere US-Vertriebe, die mehr als 25 Stück von einer guten Technoplatte nehmen? MS: Es existieren welche, aber es sind wenig, und dann ist es ein Betriebsgeheimnis. De:Bug: Man hört immer, daß die Zahlungsmoral von Vertrieben extrem schlecht ist. Vertraglich sind vier Wochen ausgemacht, oft aber dauert es vier Monate oder mehr, und dann kommt nur ein Teil des Geldes. Priviligierte Personen werden natürlich auf den Tag genau bezahlt. MS: Man muß darauf achten, daß man nicht mehr Label aufnimmt, als es einem die Kapazität erlaubt, weil man sonst Liquiditätsprobleme bekommt. Man muß auch einkalkulieren, daß die Zahlungsmoral nicht immer korrekt ist. Wenn wir extreme Probleme mit einem Vertrieb kriegen würden, würden wir diesen nicht mehr beliefern. Der Vertrieb müßte sich die Ware dann von einem anderen Vertrieb besorgen, was für ihn teurer wäre. Man muß selbstbewußt genug sein und sich auf seine Ware verlassen als Vertrieb. Bei Submerge in Detroit (Vertrieb von Mike Banks und Freunden) läuft alles per Vorkasse und die Leute wissen, daß die Ware zum größten Teil qualitativ gut ist und ziehen mit. De:Bug: Was lehnt ein Vertrieb wie deiner ab? MS: Wir sind letzte Woche mit englischen Platten zugeschüttet worden, die alle nach Aphex Twin klingen wollten, alles irgendwo Plagiate, die keiner braucht. Die haben wir abgelehnt. Aus England kommt momentan viel Überflüssiges. Was wir auch ablehnen, ist uns an einen Hype zu hängen, wenn die Platte nicht tatsächlich gut ist. Es gibt viele Platten in DJ-Charts, die einfach dorthin gelangt sind, weil besagte DJs dies hip finden. Der Käufer kauft dann oft ohne reinzuhören, weil er dem DJ vertraut. So etwas können wir nicht mit unserer Einstellung vereinbaren. De:Bug: Reicht Qualität alleine um sich durchzusetzen auf dem Markt? Braucht man irgendeine Art von Protegierung? Was bringt Promotion? MS: Gute Platten verkaufen sich auch ohne Werbung/Promotion. So arbeiten wir, Submerge, Hardwax, 7th City hat es so gemacht und einige andere. De:Bug: Von eurem neuen Vertrieb Formic sagt man oft, es sei ein Electro-Vertrieb. Wie hoch ist der Anteil? MS: Zirka 60 Prozent. De:Bug: Das ist keine Richtung, die viele mögen. MS: Das mag sein. Aber die Leute können selbst entscheiden. Wir haben auch immer Klassiker im Programm, wo man dann für sich Bezüge schaffen kann, eine Kontinuität erkennt etc. Wenn man für sich Parallelen sieht, bewertet man die Platten ganz anders. Ich mußte das auch lernen. Man sagt, Musik ist Geschmacksache, aber man kann Qualitätsunterschiede erkennen lernen. ZITATE: Vertriebe, wenn sie dich nicht mögen, bedeuten oft den Tod für eine Platte. Was hier passiert, steht in keinem Verhältnis zu den Vertrieben, die man in den USA hat.

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Elektronische Lebensaspekte.