Marc Ashken ist noch verdammt jung. Trotzdem hat er bereits eine eigene Minimal-Philosophie, und auf seinem Debüt-Album schimmern Einflüsse von Pink Floyd bis Guns'n'Roses durch.
Text: Nicolaj Belzer aus De:Bug 121


“Pink Floyd! Definitiv mein stärkster und zugleich wichtigster Bezugspunkt beim Musikmachen. Ich denke, was die geschaffen haben, war einfach so anders als alles andere. Hinzu kommt, dass sie sich einen Dreck um Konventionen gekümmert haben. Es ging beim fertigen Werk buchstäblich genau darum, dass es nicht in Schubladen oder einen bestimmten Markt passt. Die haben einfach IHR Ding gemacht, sich selbst verwirklicht. Das ist ein Punkt, den ich an jedem respektiere.“

Credo hin oder her, da spuckt einer große Töne – vor allem, wenn er wie Marc Ashken, Jahrgang 81, gerade mal eine Hand voll Veröffentlichungen unter eigenem Namen hinter sich hat. In den letzten zwei Jahren war von Ashken vor allem auf Matt Tolfreys Leftroom Label bzw. dem dazugehörigen Netlabel Leftnet zu hören. Mit “Two Left Feet” kam – die Skream-Remixe mal ausgenommen – die letzte eigene EP vor ca. einem Jahr in die deutschen Plattenläden.

Schon damals prophezeiten ihm die Kollegen von Beatportal (Beatports angeschlossenem Webzine) eine Zukunft: ”Ashken is pushing the envelope of minimal, techno and house all at once with this EP and if he’s still working in that clothes shop, we urge him to give up the day job.”

Ritterschlag

In der Zwischenzeit hat der Londoner das Jeansverkaufen an den Nagel gehängt und macht Musik als Fulltime-Job. Hinzu kam 2007 der Ritterschlag in Form des Remix-Auftrags für James Lavelles UNKLE-Projekt.

Dass wir ihn und uns dazu beglückwünschen können, hat er jetzt eindrucksvoll bewiesen. “Have you seen my dancing shoes?” ist auch für Leftroom, neben der obligatorischen Mix-Compilation aus dem letzten Herbst, die erste Album-Veröffentlichung. Dabei war selbst für Marc vor kurzem noch nicht daran zu denken:

“Als ich mit Techno als DJ angefangen habe, habe ich mich nie richtig als Produzent gesehen, nicht einmal als richtiger Musiker. Matt hat mich nach den ersten 12″s wirklich erst in diese Richtung geschoben. Er wusste, dass ich sehr viel Verschiedenes mache, von dem ein Großteil nie als Maxi veröffentlicht werden würde. Also haben wir uns gedacht, wieso nicht? Lass uns ein Album machen.”

Geboren und aufgewachsen in der Hauptstadt, fängt Marc schon als Kind an, alle Instrumente auszuprobieren. Da man für Instrumente aber Übung, Zeit und Geduld braucht, konzentriert er sich zunächst aufs Mixen. Mit 15 fliegt er von der Schule, legt weiter auf und merkt schließlich mit Anfang 20, dass ein paar selbst produzierte Tracks auch beim Thema Booking von Vorteil sein können. Klingt normal, fast pragmatisch, könnte man meinen. Und doch geht es eigentlich um viel mehr:

“Ich habe nie viel Dance-Musik gehört. In dem Sinne war ich also nicht beeinflusst von Depeche Mode oder so. Aber seitdem ich Techno und Minimal gefunden habe, bin ich irgendwie da stehen geblieben, weil es sich einfach gut anfühlt. Ich kann Einflüsse von überall mit einbeziehen. Andere Genres sind strukturell eher festgelegt, man könnte sagen, Minimal ist ein bisschen mehr ‘open-minded’.”

Minimal, open-minded? War das nicht der böse Bube, der keinen neben sich duldet? Der die Clubs mit gähnender Einseitigkeit zu überziehen drohte und schließlich die (Re-)Aktivierung von Bastard Nu Rave und Onkel House-Musik erst notwendig machte? Von der Sinnlosigkeit und ästhetischen Inhaltsleere solch einer Genre-Diskussion mal abgesehen, die 17 Tracks auf dem Album sind alles andere als konsequent Minimal; bei Marc steckt in erster Linie Guns’n’Roses und Nirvana im Tapedeck (“Ich meine, ich sehe aus wie ein Punk … wirklich!”) und sowieso geht es bei Ashken und Tolfrey, getreu dem Labelnamen, um einen ganz eigenen Standpunkt:

“Wir haben eine gemeinsame Vision, die wir versuchen zu verwirklichen. Vor vier, fünf Jahren hatte England eine solide musikalische Identität. Plötzlich haben alle angefangen sich die Einflüsse von außerhalb zu holen. Das ging so weit, dass es hier heute nicht mehr wirklich viele Techno-Labels, geschweige denn große Produzenten, gibt. Vor allem existiert kein ernsthaft britischer Sound mehr.”

Techno-Leckermaul

Sicher, Skream, Burial und Konsorten haben ihren Beitrag zum UK-Sound geliefert. Dubstep ist für Marc sensationell, und, wie er selbst sagt, für ein gutes Technoset wie die Schlagsahne auf den Erdbeeren, aber eben kein Techno.

Aber warum unbedingt ein Album? Bei ”Have you seen my dancing Shoes“ dreht es sich in erster Linie um eine Persönlichkeit. Ashken ist ein Songwriter im klassischen Sinne, der statt zur Gitarre – ein reines Akustik-Album ist das eigentliche Ziel seiner Träume – für den Moment zur 606 greift. Das hat keineswegs nur damit zu tun, dass er auf dem Album singt, pfeift, seine Handy-Mailbox einschaltet oder völlig banale Piano-Lines unter dem Titel ”Still Searchin’“ verkauft. Viel interessanter ist, dass sich Techno, House, Breakbeats oder Harfen-Arpeggios die Klinke in die Hand geben (alle Tracks sind ineinander gemischt) und sich trotzdem ein eigener Sound, ein ganz eigener Ansatz konstituiert, der sich eben nur mit Ashken selbst erklären lässt.

Das Possessivpronomen in “Have you seen my dancing shoes?“ müsste insofern eigentlich mit großem ”M“ geschrieben werden:
“Der Titel ist natürlich eine Metapher. Wenn die Probleme des Lebens dich runterziehen und alles gegen dich scheint, ist der Club der Platz, wo du hingehen möchtest und die Probleme quasi ‘wegtanzen’ willst. Das ist der Moment, für den du tief drinnen atmest, in dem du einfach die Augen schließt und alles andere wegschmilzt. Darum geht es! Das sind meine ‘Dancing Shoes’. Immer wenn ich weglaufen muss, ist das der Ort, an den ich laufe. Ich laufe in den Club.“
http://www.myspace.com/marcashken

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Elektronische Lebensaspekte.