In den USA sind die Klamotten von Ecko nicht aus der HipHop-Welt wegzudenken. Chefdesigner Marc Ecko erzählt von den Straßen New Yorks und warum sie sich schlecht mit konventionellen Modevorstellungen vertragen.
Text: Jan Joswig aus De:Bug 101


Der Modeentrepreneur sagt, was geht

Was für eine ganze Generation junger DDR-Halbstarker (wie den Wighnomy Brothers oder der Sonar-Kollektiv-Posse) der Film ”Beat Street“ von Harry Belafonte war, bedeutete der Fotoband ”Subway Art“ von Martha Graham und Henry Chalfant für die zweite Generation Graffiti-Kids in den USA. Auch für Marc Ecko. Mit 9 bekam er das Buch, mit 26 arbeitete er mit Claws und Spike Lee zusammen. Vom pubertierenden Vorort-Sprayer zum Vorsteher eines Popkultur-Imperiums aus Mode (Ecko, Eckored, G-Unit (mit 50 Cent), Zoo York, Cut&Sew), Game (Getting up: Contents under Pressure), Magazin (Complex, Unterzeile: ”The original buyer’s guide for men“) hat er knappe 2 Jahrzehnte gebraucht. Wenn heute Problembezirks-Bälger in G-Unit studentische Skater in Zoo York durch Shoppingmalls jagen und slicke Mit-30er in Cut&Sew in ihr Freisprechmikro nach dem Wachdienst bellen, dann könnte Marc Ecko zwischen sie treten und mit ausgebreiteten Armen rufen: ”Aber, aber, ihr seid doch alles meine Kinder, vereinigt unterm Ecko-Enterprise-Banner.“ Und die unsichtbaren Hände seiner Freunde und Weggefährten Busta Rhymes, KRS-One, Mos Def, Spike Lee lägen wie bestärkend auf seinen Schultern. Woher sein Erfolg kommt? Während die anderen unbedingt Künstler sein wollen, ist er vor allem eines: hartnäckig.

Mein Weg

Debug: Ihre Story liest sich wie ein Märchen: in einer Minute T-Shirts besprayen, in der nächsten als einer der erfolgreichsten US-Amerikaner unter 40 gelistet werden …

Marc Ecko: Was mich angetrieben hat, war der hartnäck/Users/miffy/Desktop/Foto_Ausgabe/debug 101/marc ecko/shirt.epsige Durchsetzungswille aus dem HipHop. Ich wuchs in New Jersey in einer ethnisch stark gemischten Community auf. Schwarze, Latinos. Ich bin ein Produkt des großen amerikanischen Experiments, Ethnien und Kulturen zu mischen. Schon mit neun Jahren war ich mit HipHop unten. Aber auch Kunst, Comics. Ich entdeckte den Graffiti-Fotoband ”Subway Art“. Mit meinen Eltern besuchte ich Trenton, die Hauptstadt von New Jersey. Das war mal eine stolze Industriestadt, in den 80ern war es aber nur noch für Verbrechen berühmt – und Graffiti. Der Fotoband wurde in den Straßen Trentons für mich lebendig, das war meine Initiierung.
Ich komme aus einem liberalen Mittelklasse-Elternhaus. Wenn ich ein schwarzes Mädchen treffen wollte, wurde ich nicht gebremst. Erst auf dem College wurde mir klar, dass das nicht selbstverständlich war. Das band mich noch enger an HipHop. Noch vor dem Desktop-Publishing-Boom, um 1990, machte ich Airbrush-T-Shirts und Custom made Jeansjacken, verkaufte sie von Hand. Ich fuhr nach New York und malte live bei HipHop-Veranstaltungen wie der ”Lyricist Lounge“, jeden zweiten Freitag. Biggie Smalls war da, Jay Z, bevor sie berühmt wurden. Sie traten auf der einen Bühne auf, auf der Nebenbühne malte ich dazu – mit einer Menge anderer Jungs, natürlich.

Welche Art HipHop haben Sie damals favorisiert?

De La Soul, Jungle Brothers, Black Sheep, ich stand auf die Native Tongues, der ganze conscious stuff.

Das Gegenteil von 50 Cent …

Die späten 80er waren sehr afrozentrisch bestimmt, schwarzes Selbstbewusstsein. Alle meine Freunde trugen Ledermedaillons in Schwarz-Rot-Grün. Spike Lee war der Vordenker der Stunde. Ich bildete mich anhand von Spike-Lee-Filmen. Jazz kenne ich dank ”Mo’ Better Blues“. Aus den Linernotes zu ”Doin’ The Right Thing“ erfuhr ich von Branford und Winton Marsalis, von John Coltrane. Ich war ein Jazz-Fan, bevor es mir bewusst wurde, ein Fan schwarzer Musik, schwarzer Kultur. Eine eigene ethnische Identität hatte ich nicht. Southerners aus Texas haben die vielleicht: (mit knödeliger Kautabakstimme) ”You know, we’re american.“ Metropolenbewohner kommen aus Europa. Mein Vater ist ukrainischer Herkunft, ich steckte in einem Identitätsloch. Graffiti sprach mich so stark an, weil es ausschließlich darum geht, bekannt zu werden, berühmt zu werden.

Was hatten Sie für ein Tag?

”Ecko“ war mein Tag. Den Spitznamen gab mir meine Mutter. Sie wusste nicht, dass sie mit Zwillingen schwanger war. Beim Arzt klagte sie über Tritte im Unterbauch, er meinte: ”Das ist nur das Echo des Fruchtwassers.“ Als ich dann nach meiner Schwester auf die Welt kam, staunte der Arzt: ”Ups, da kommt das Echo.“
Ich schrieb mein Tag, war aber nie wirklich gut als Graffiti-Künstler, so wie Cope, Dash, Seen, Craze … Ich verstand mich eher als Illustrator. Leute wie Futura 2000 oder Claws sind Künstler. Sie waren damals sehr dominant, haben Graffiti erweitert und in alle Arten Design getragen, Grafik, Skateboard, Film, Mode …
Ich war eher ein Voyeur, angesteckt von der Attitüde. Kein Künstler, sondern ein Entrepreneur. Ich begann die und die Person zu treffen, mit der und der Person einen Joint durchzuziehen, 2-Pac ein T-Shirt zu geben. Solche Sachen. Ich schenkte Spike Lee selbst bemalte T-Shirts, sehr aufwändig. 15-25 Arbeitsstunden kostete mich ein Shirt. Er bedankte sich schriftlich, das heißt, sein Assistent schickte mir vorgefertigte Dankesschreiben. Ungefähr 1993 hielt er einen Vortrag an meiner Uni über seinen Malcolm-X-Film. Hinterher fing ich ihn ab und hielt ihm seinen Dankesbrief und ein Foto des T-Shirts unter die Nase. Er fasste es nicht. Da stand das Kid vor ihm, dessen T-Shirt er längst ins Schaufenster seines Shops in Brooklyn gehängt hatte. Das meine ich mit Hartnäckigkeit. Ich wurde für diese Hartnäckigkeit respektiert.

Meine Philosophie

Ich definiere mich nicht als konventionellen Modedesigner. Ich fühle mich nicht wie Mr. Armani, Mr. Klein oder Mr. Lauren. Dieses Modell vom Designer ist mir zu undemokratisch. Es basiert auf einer historischen Vorstellung von Mode-Business aus dem letzten Jahrhundert: Idealtypen entwerfen, die niemand erfüllen kann, der essen und scheißen muss. Ich bin Mitglied der ”Contemporary Fashion Designers of America“ (CFDA) und sitze dort mit Diane von Fürstenberg zusammen. Sie spricht eine komplett andere Sprache. Ich verstehe ihre Motive nicht. In ihren Sphären werden wir abgelehnt, nicht als Mode akzeptiert. Wenn es nicht exklusiv ist, nicht so gut wie unerreichbar, dann ist es keine Mode.
Aber im Endeffekt läuft auch deren Business über die kleinen Geldbeutel. Louis Vuitton baut diese riesigen Megastores, damit die Vorort-Mamis und -Großmamis aus aller Welt dort ihre Schlüsseltaschen und Geldbörsen in entsprechendem Umfeld kaufen können. Sie verkaufen nicht die großen Reisetaschen-Sets, auf denen das Vuitton-Image fußt. Calvin Klein macht sein Geld mit Unterhosen und parfümiertem Wasser in Flaschen. Das ist ihre Art, aus ihrem Idealimage Kapital zu schlagen.
Ralph Lauren – der geradezu mein Mentor ist, ich liebe seine Marke – besuchte Londons Savile Row, diese ehrwürdige Maßschneideradresse, und sah die alten Schwarz-Weiß-Fotos von den Männern, die vor langer Zeit den Ruf der Straße begründet hatten. Er erkannte: Wenn er so ein nostalgisches Image aufbauen könnte, seine Marke älter aussehen lassen könnte, als sie wirklich ist, wie gespiegelt in Rauchglas, dann hätte er einen Schlüssel zum Erfolg. Frag einen Käufer in Nebraska, in Kansas City, in Atlanta, jeder wird dir sagen, die Ralph-Lauren-Marke ist mindestens 150 Jahre alt. Jeder bringt sie mit altem Geld aus dem Nordosten in Verbindung. Dabei ist Lauren eine New-York-Pflanze, die in den 60ern ihr Business startete.

Was setzen Sie dagegen?

Mein Modell sieht anders aus. Ich folge eher einem Lifestyle-Image, das bewusst am Boden bleibt. Zeige, was du dir verdient hast, sei ein Entrepreneur, ein Aufsteiger, aber kein Hochstapler, kein Blender. Diese Anzug-Fassade ist nichts für mich. Ich könnte es mir leisten, aber so bin ich nicht erzogen worden.
Ich versuche, mich nicht auf ein Image, nicht einmal nur auf Mode festlegen zu lassen, den Patchwork-Identitäten der Käufer gerecht zu werden. Es gibt längst keine Markenloyalität mehr. Nicht was man trägt, ist wichtig, sondern wie man es trägt. Technologie ist wichtiger als Mode. Was früher der Air Jordan war, ist heute der iPod. Und Technologie individualisiert die Menschen, macht sie zu multiplen Phantomen.
Popkultur ist heute viel heterogener, in viel mehr Nischen aufgeteilt als in den 80ern. MTV hat stark an Einfluss eingebüßt. Eine Stil-Ikone wie Madonna, die visuellen Images von Duran Duran, U2, Nirvana, das ist alles verblasst.
Einen Blog oder eine Identität auf myspace.com zu haben, mit alternativen Egos zu jonglieren, ist heute eine viel stilprägendere Frage für 15-, 16-Jährige, als welche Jeans man trägt. Dem will ich mit Ecko Rechnung tragen. Armani hat Armani Casa, Lauren die Malerei, ich mache Video-Spiele.

Und in Ihrem Magazin ”Complex“ bringen Sie die verschiedenen Nischen zusammen?

Vor allem bringen wir high und low zusammen. Complex ist Streetculture, aber wie in: Manhattans Lower East Side Künstler-Community. Urbane Hipster, mobil, in Denim, Fleece, Sneakern und mit soulfuller Musik von Garagerock aus Probekellern bis Gwen Stefani. Selbst in HipHop gibt es high und low. Premium-Marken wie ”Bape“ oder ”Supreme“ beweisen das. Alles wird wild gemischt. Individualisierung und Costumization sind die Stichworte. Früher kümmerten sich Skater nur ums Skaten, HipHopper nur um HipHop. Heute musst du dich aus zusammengesammelten Referenzen bedienen, sonst bist du nicht cool.
Die dogmatischen HipHopper, die Thug-Guys mit ihrer reinen Lehre, die vor fünf, sechs Jahren noch dominant waren, haben nichts mehr zu sagen. Das Gesicht von HipHop in downtown Lower East Side hat sich geändert, es ist eher Pharrell Williams als Biggie Smalls.
Ein Beispiel? Der Nike Air Force One bestimmte Streetculture für die letzten fünf Jahre. Jetzt brauchst du in Harlem damit nicht mehr vor die Tür zu gehen. Der Schuh hat seine Relevanz verloren, total. Zu viele Nachbauten. Womit du dich im letzten Vierteljahr sehen lassen konntest, war der Vans Slip-on. Und zwar der, den Marc Jacobs designt hat. Den tragen die Kids auf der Straße. Und? Vermischen sich high und low? Ja oder ja? Darum geht es in New York – und darum geht es bei Ecko.

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Elektronische Lebensaspekte.