Vom Vater des Microsamplings zum Vater eines Kindes. So etwas verschiebt die Sicht auf Welt und Wirken. Marc Leclair aka Akufen reagiert mit Suggestiv-Elektronika als Konzeptkunst.
Text: hendrik LAKEBERG aus De:Bug 90

Nachhaltige Schwangerschaft
Marc Leclair

Unter seinem Pseudonym Akufen schuf Marc Leclair mit dem Album “My Way“ vor mittlerweile drei Jahren ein Manifest in Sachen Dance Kultur. Und nicht nur darin: “My Way“ war eine splittrig funkende Disco Explosion, in der Avantgarde-Geschichte, der ewige Gegenwartsgedanke von Techno und, mit Microsampling, eine reformierte Sampling-Philosophie in eins zusammenliefen. “My Way“ stand sowohl für hedonistisches Baden im Sound als auch für konzeptionelle Avantgarde, die aus dem allgegenwärtigen medialen Rauschen neuen Sinn machte.
Microsampling verkürzte die Samplelänge auf Sekundenbruchteile, so dass es nicht mehr um Verweise auf Epochen, einzelne Stücke oder Künstler ging, sondern um das Medium Sound an sich. Sound als hyperpräsenter Bestandteil des täglichen Lebens schlechthin, tanzbar geschnitten und ohne Widersprüche in den Club projeziert.
Eine Grundbedingung für die Entstehung von Musik ist die Verwandlung von Rauschen in Klang, von Chaos in Ordnung. Marc Leclairs mediales Recycling gebar neuen Sinn aus der verrauschten Allgegenwart des Mediums Musik, wie die Musique Concrète aus unbeachteten Umweltgeräuschen neuen musikalischen Sinn machte.
Wenn jemandem solch ein Manifest gelingt, dann hinterlässt es Spuren und findet zahlreiche Nachahmer. “Viel von der Clubmusik, die sich der Microsampling-Technik bedient, benutzt sie eher lieblos als einen pragmatischen Bestandteil. Es gibt da kaum Interesse an Nachhaltigkeit, an weitergehenden Konzepten“, sagt Marc Leclair im Interview. “My Way“ schien somit in erster Linie gar nicht als Clubmusic gedacht zu sein, hauptsächlich ging es Marc Leclair vor allem um eines: die Suche nach bleibenden und durchdachten Musikentwürfen.

Der Erfinder erfindet sich neu
Auf Grund der inflationären Präsenz von mikroskopisch kurz gecutteten Brocken aus Musik- und Medien-Schnipseln in der Dance Musik verlor Microsampling für Marc vorübergehend seinen Reiz und andere Projekte wurden wichtiger. Eines davon war sein eigenes Label Musique Risquee, das er mit Scott Monteith, der als Deadbeat veröffentlicht, und Steven Beaupre gründete.
Ein anderes kulminierte in seinem neuen Album. Die Tracks von “Musique pour 3 femmes enceintes“, was übrigens “Musik für drei schwangere Frauen“ bedeutet, ruhen schon seit längerem auf Marcs Festplatte. Doch erst jetzt fand sich die Zeit, sich einen Überblick über das Material zu verschaffen, um es zu einem kompletten Album zusammenzustellen. Erscheinen wird “Musique pour 3 femmes encientes“ erstmals unter dem Namen Marc Leclair und markiert ihn offiziell auch zum ersten Mal auf der Landkarte der Elektronika jenseits der graden Bassdrum.
Mit “Musique pour 3 femmes enceintes“ schlägt Marc eher eine ambiente Richtung ein. Vereinzelte hochfrequente Sinustöne werden eingebettet in warme Klangräume, die sich im Verlauf der Platte nach und nach zu gradlinigeren Tracks zusammenschieben und sich musikalisch irgendwo zwischen Marcs Lieblingskomponisten Steve Reich, Raster Noton und einem Elektronika-Verständnis im Sinne Lusines bewegen.
“Musique pour 3 femmes enceintes“ folgt einer internen Dramaturgie und lässt die Tracks wie ein Live-Set ohne Brüche direkt ineinander laufen. Im Kern ist Marcs neues Album wie “My Way“ also wieder Konzept-Musik. Diesmal mit einem Schwerpunkt auf den erzählerischen und suggestiven Möglichkeiten von elektronischer Musik statt auf Sampling-Avantgarde und Clubkontext.
“Als ich vor ungefähr fünf Jahren damit angefangen habe an den Tracks zu arbeiten, inspirierte mich dazu die gleichzeitige Schwangerschaft zweier Freundinnen von mir und die von meiner Frau. Es hat mich interessiert, das Thema Geburt und Schwangerschaft in Musik umzusetzen und darin zu reflektieren.“
Wenn man seinen Gedanken folgt und das Album hört, dann meint man tatsächlich einzelne Stationen einer Schwangerschaft bis zur Geburt wieder zu erkennen. Aber jenseits aller spekulativen Mutmaßungen über den konkreten erzählerischen Ablauf stellt vor allem das Grundgefühl der Tracks, das zwischen zerbrechlicher Wärme und sanfter Intensität changiert, eine Verbindung zum Gesamtkonzept her.

Music For Babies
“Es ist mir egal, ob Leute das irgendwie unnötig oder peinlich finden, dieses Thema zu wählen. Für mich waren die Geburt meines Kindes und die Schwangerschaft meiner Frau sehr emotionale und sinnliche Ereignisse und allein deshalb schon auch künstlerisch relevant.“
Außerdem sind diese Themen auch absolut grundlegende Ereignisse, und darin zeigt sich wieder der Künstler Marc Laclair, der trotz des ausgesprochen persönlichen Themas nicht die Klammer zum Allgemeingültigen aus den Augen verliert, der eine direkte Verbindung herstellt zwischen Kunst und Alltag, zwischen Abstraktion und ganz konkreter Wirklichkeit.
“Elektronische Musik hat noch so viele Möglichkeiten. Ich denke, wir haben noch nicht einmal einen Bruchteil von dem genutzt, was umsetzbar wäre.“ Trotz des nerdigen Machbarkeits-Pathos, der in Sätzen wie diesen steckt, zeigt Marc damit aber auf, dass innerhalb der elektronischen Musik im Gegensatz zur allgemeinen Ratlosigkeit noch so einige interessante Möglichkeiten offen stehen. So absurd das klingen mag, aber wer hätte zum Beispiel gedacht, dass sich zwischen dem Thema Schwangerschaft und digitaler Microsound-Ästhetik Verbindungslinien finden, die sich so gut anhören. Und letztendlich ist “Musique pour 3 femmes encientes“ jenseits aller konzeptionellen Überlegungen vor allem eins: ein in sich geschlossenes, soundtechnisch billantes, verdammt gelungenes Elektronika-Album.

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Elektronische Lebensaspekte.