Bei einem Rundgang durchs Gladbacher Museum Abteiberg plaudert Systematic-Macher Romboy über Techno, Familie und Gott.
Text: Jan Joswig aus De:Bug 124


Ich habe Bilder von der Theodor Heuss Straße gesehen, das war ein Fluss. Das war keine Hauptstraße mehr. Es war vielleicht ein bisschen übertrieben, aber ich habe gehört, zwischen Polizeidienststelle Theodor Heuss Straße und Burgfreiheit hat aus jedem zweiten Haus ein Feuerwehrschlauch gehangen.

Das war nicht übertrieben.

1.000 Einsätze.

Gab es so ein Unwetter schon mal?

So wie gestern? Nein. Nein.

Vor sechs Jahren gab es schon mal so ein Wasseraufkommen in Rheydt, da war es aber nicht so dunkel.

Gestern, das war gruselig, das war Apokalypse. Schwarz wie die Nacht. Ich stand im Haupteingang, dann zog das auf, hohoho. Aber als es weg war, war die Luft wie Champagner, kann ich nur sagen.

Das Aufsichts-Personal des Museums Abteiberg in Gladbach ist sich einig, das Unwetter am 29. Mai 2008 hat nicht seinesgleichen. Auch Marc Romboy musste seinen Keller ausschöpfen. Marc ist ein Gladbacher Spross. Im Nachbarort Rheydt lebt er mit Frau und Tochter Luna. Der DJ (in Flugzeugentfernung mit CDs, in Autoentfernung mit Vinyl, aber niemals mit Simulationssoftware wie Final Scratch), Produzent und Inhaber des Labels “Systematic“ kostet hier den Kontrast zwischen bürgerlichem Hafen und der hohen See des Nachtlebens aus. Kontrast ist ein Schlüsselwort für ihn. So heißt auch sein neues Album. Und das nackte, weibliche, schwarze PinUp auf dem Cover ist nichts anderes als der totale Kontrast zu ihm, dem angezogenen, männlichen, weißen Enddreißiger. Ein Schuft, wer was anderes dabei denkt.

Seine persönliche Apokalypse erwischte ihn in der ersten Hälfte der 2000er, als Trance endgültig jenseits von gut und böse angekommen war. Er stampfte sein Label “Le Petit Prince“ ein und beerdigte sein Musikprojekt “Marc et Claude“, allerdings nicht ohne über drei Jahre bis 2003 den Hit “Loving You“ auszuschlachten.

2004 startete er mit neuem Label “Systematic“ von vorne, angefixt durch Neo-Disco, um jetzt bei seinem zweiten Album “Contrast“ wieder die Freuden des technisch hochgezüchteten Vierviertel-Technos zu feiern, perfekt auf der Minimal-Klaviatur gespielt, abgesegnet durch Stimmen von Blake Baxter oder K. Alexi.

Der Sohn Gladbachs führte mich durch seine Stadt, verriet mir geheime Historie und zeigte mir von Pop- bis Op-Art die Schätze des Museums Abteiberg.

Gladbach

Marc Romboy: In der Gladbacher Altstadt gab es zwei, drei Clubs, einer hieß Lover’s Lane, von Günter Netzer gegründet. Das war eine Zeit, da sind die Düsseldorfer extra nach Gladbach gekommen. Aber Anfang, Mitte der 80er ist das so Döner-fiziert geworden, dass es niemanden mehr interessiert hat. Das Lover’s Lane wurde später ins Sunrise umbenannt. Da bin ich als 16-Jähriger hingegangen. Deshalb bin ich musikalisch so offen. Da lief Nitzer Ebb, The Smiths, Bros., House Nation, alles an einem Abend … Jetzt versuchen ungefähr 20 Leute, wieder Kultfaktor in die Stadt zu bringen. Es gibt zwei, drei Bars, in denen man sich trifft. Moschi Bar, Bar Plastique, Die Nacht. Im Club Die Nacht lege ich auch gelegentlich auf. Da passen nur 130 Leute rein, ist aber immer ein Erlebnis. Dahinten ist die älteste Kneipe und das älteste Haus Gladbachs.

De:Bug: So was habe ich immer aus Lego gebaut, ein Spitzgiebelhaus mit einer steilen Straße an der Seite.

Marc Romboy: Die Einkaufsstraße geht steil runter bis zum Bahnhof. Vor zehn Jahren wurde hier einmal im Jahr eine künstliche Rodelbahn gebaut. Da kamen bis zu 100.000 Leute. Das hat das Umland angezogen. Dann wurde bei den Verträgen gepennt und die Veranstalter sind nach Düsseldorf gegangen.

Techno

De:Bug: Es gibt gerade eine ganze Gruppe an Leuten, die aus dem Trance-Umfeld kommen und jetzt einen zweiten Frühling in Minimal feiern. War das ein harter Cut für dich oder eine konsequente Fortentwicklung?

Marc Romboy: Beides. Trance fing Anfang der 90er als Bestandteil der Techno/House-Bewegung an. Mit schönen Harmonien, Harmonie-Sprüngen, verpackt in Streicher, kriegt man die Leute immer zu fassen.

De:Bug: So was wie “Esperanza“ von Väth/Hildenbeutel finde ich immer noch großartig.

Marc Romboy: Das wird auch immer gut bleiben. Ein deutsches Label wie Eye Q hat Anfang der 90er einen ganz großen Beitrag dazu gegeben, dass diese Musik für die Leute accessible wurde. Wenn 1995 eine Million Leute auf der Love Parade sind, dann sicher nicht wegen solcher harten Meilensteine wie Vortex auf Plus8 oder Underground Resistance.

De:Bug: Gibt es aus dem Backkatalog von “Le Petit Prince“ Sachen, die du heute noch spielen würdest?

Marc Romboy: Microwave Prince, das ist Steffen Müller, der das ganze Mastering der Systematic-Sachen macht. Seine damaligen Sachen klingen immer noch frisch und innovativ.

De:Bug: Trance-Elemente sind ja längst wieder rehabilitiert.

Marc Romboy: Schon in der Klassik wurde mit Streichern gearbeitet. Es wird auch in tausend Jahren mit Streichern gearbeitet. Aber Anfang 2000 war der Trance-Zug so in die Kommerzialität reingefahren, man wollte nur noch mit dummen Coverversionen Geld rauspressen, da musste ich die Notbremse ziehen. Das überschnitt sich mit der Zeit, in der Metro Area und Chicken Lips aufkamen. Das hat mich sehr beeinflusst, auch DFA. Black Strobe und Justus Köhncke haben Neo-Disco sehr nach vorne getrieben. Da kam für mich wieder was bei raus.

De:Bug: Deine Sachen klingen aber viel technischer.

Marc Romboy: Am Anfang war ich noch discoider. Ich spüre aber den ursprünglichen Techno-Vibe in mir, das Mysteriöse, Protestierende, Anecken-Wollende. Ich werde es immer mögen, mit darken Basslines zu arbeiten, technofizierten Sounds, Vortex, Phantasm, Seawolf von Jeff Mills, die haben mich so unheimlich tief geprägt. Früher habe ich schon alle Front-242-Alben gefressen.

De:Bug: Ist das Publikum mit dir mitgegangen und gealtert oder tauscht es sich aus?

Marc Romboy: Es tauscht sich aus. Ein paar befreundete Acts sind den gleichen Weg gegangen, Booka Shade oder Stephan Bodzin, aber eine Fanschar gibt es nicht.

De:Bug: Du bist eigentlich in der Situation wie ein Bravo-Redakteur, der für eine viel jüngere Zielgruppe arbeitet.

Marc Romboy: Würde ich nicht so sehen. Ein Bravo-Redakteur versucht rauszufinden, was hip ist, und kann nur reagieren. Ich mache, was ich verspüre, und es findet Anklang.

De:Bug: Einen Generationskonflikt gibt es in Techno nicht. Väth, Villalobos oder du werdet nicht als die Opas vor die Tür gesetzt.

Marc Romboy: Auf Grund der Tatsache, dass etwas komplett Neues nicht entstanden ist, gelten die alten Grundlagen immer noch. Guck dir die Klassik an, die wird von hundert Generationen gehört, gemeinsam verspürt. Wo soll bei uns der Unterschied sein?

De:Bug: Klassik gilt ja – wenn auch zu unrecht – als abgeschlossenes historisches Genre.

Marc Romboy: Ist Techno nicht auch schon ein abgeschlossenes historisches Gebiet? Alle Produktionen, die heute rauskommen, sind gebettet in Drumsounds von Drumcomputern, die in den 70er und 80er Jahren gebaut worden sind. Da hat sich auch nichts getan. Die meisten Minimal-Stücke sind mit der Roland TR 808 produziert.

Gott und Familie

De:Bug: Hast du dir einen richtigen Arbeitsalltag eingerichtet mir festen Zeiten?

Marc Romboy: Würde ich gerne. Die Tochter zum Kindergarten bringen, sie wieder abholen, Mittag essen, das sind die festen Rituale, die wir haben. Es ist wichtig, dass man sich an ein paar Sachen festhalten kann. Ich hätte auch nie gedacht, dass ich mich über dreißig wieder so zur Religion hingezogen fühlen würde.

De:Bug: Roland Appel hat mir was Ähnliches erzählt. Er glaubt an Gott, aber nicht an die Institution Kirche.

Marc Romboy: So geht es mir auch. Schon als Kind habe ich an Bestimmung geglaubt. Gerade heute finde ich es wichtig, dass der Mensch noch Werte hat, an denen er sich festhalten kann. Mir ist mittlerweile auch wichtig, dass die Kleine christlich aufwächst. Was sie später mal daraus macht, ist dann ihre Sache. Es gibt so viele Situationen im Leben, die man mit dem normalen Menschenverstand gar nicht erklären kann. Wenn ein Mensch stirbt. Der Glaube kann einem schon einen enormen Halt liefern.

De:Bug: Wenn man die Sachen nicht ungelöst dastehen lassen will.

Marc Romboy: Wenn man alleine ist, wenn man keinen Partner hat, kann man zu Gott sprechen, ob das nun der weißbärtige alte Mann ist oder wir alle zusammen … Dieser Halt geht total verloren in unserer Zeit.

De:Bug: Ich glaube nicht, dass man sich bewusst für oder gegen das Glauben entscheiden kann. Kierkegaard spricht von einem irreversiblen Sprung …

Marc Romboy: Aber man kann mit der Kultur aufwachsen. Mein Kind soll die Kultur des Christentums lernen und seine eigenen Schlüsse daraus ziehen.

De:Bug: Was ist mit der Aufklärung als Religionsersatz?

Marc Romboy: Selbst Physiker geben zu, dass nicht alles rational erklärbar ist.

De:Bug: Betreibst du Bibelkunde mit deiner Tochter?

Marc Romboy: Da kann man Geschichten rausziehen, über die man reden kann, die Ansätze zum Diskutieren geben. Wir halten auch abendliche Rückschau auf den Tag. Ein entschleunigendes Revue-passieren-Lassen. Es geht darum, sich seiner selbst bewusst zu werden. “Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln, er weidet mich auf grünen Auen …“, das ist ja so im Leben, wir leben in einem Kosmos, wo es uns an nichts mangelt.

De:Bug: Würde dich ein Preacher-Track reizen, wie es sie viel in der House-Musik gibt?

Marc Romboy: Ach ne.

De:Bug: Xavier Naidoo hat es auf Deutsch gemacht. Aber du hast keinen Missionierungs-Drang?

Marc Romboy: Ich bin nicht Robert Hood, weg von den Drogen, hin zum Glauben, zur Demut. Aber wenn ich die Chance bekäme, “Atmosphere“ von Joy Division zu covern, würde ich sofort ja sagen.

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Elektronische Lebensaspekte.