House wie gemalt
Text: Malte Kobel aus De:Bug 175

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Marcellis? Wer? Kein Wunder, dass der Name des niederländischen Produzenten nicht in aller Munde ist. Bringt er doch so gut wie nie Platten heraus. Sein Debüt-Album klingt, als wäre es schon immer da gewesen.

Eindhoven ist nicht unbedingt the place to be. Thijs Marcellis wohnt dennoch dort. Und das auch schon seit Anfang der 90er. “Gerade bin ich aber ein bisschen genervt, es wird Zeit umzuziehen. Irgendwohin, wo das Wetter immer gut ist.“ In der Stadt im Süden der Niederlande hat er sich sein kleines musikalisches Nest eingerichtet, sammelt Platten und lebt unbeirrt und kaum bemerkt vor sich hin. Fernab von Großstadttrubel und Profilierungshektik. Schwierig wird es, wenn man versucht, sich über die Musik des Niederländers zu äußern, weil die Gestalt Marcellis bislang so gut wie kaum in den Kreisen, geschweige denn losen Geschichtsbüchern, elektronischer Musik auftauchte. Letztes Jahr erschien seine bis dato erst zweite 12“ bei Workshop. Die wie gewohnt titellose Platte verhalf aber immerhin zu ersten Gerüchten und Munkeleien auf entsprechenden Blogs und Foren. Anlass zu einem zukünftigen Mehr an Aufmerksamkeit wird jetzt mit einem Album auf dem Label Millions of Moments geliefert. “I Am Woman“ heißt das Werk, das einiges von der Philosophie und Produktionsweise des Musikers offenbart.

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Sechs Stücke, die in doppelter Hinsicht keinerlei Zeitgefühl zu haben scheinen. Entstanden sind die Tracks zwischen 2005 und 2008, mehrfach überarbeitet und wieder jahrelang sich selbst auf der Festplatte überlassen. “Ich habe keine Eile. Ich habe auch keinen Stress, einen Track fertig zu machen. Manchmal warte ich dann eben zehn Jahre, bis es so weit ist.“ Das erklärt einerseits den mageren Output. Auf der anderen Seite ist dieses Warten und Passieren-Lassen den einzelnen Tracks ins Gewebe gepflanzt.

Die Maschinen werden angeworfen und dürfen in Eigenregie vor sich hin rattern. Zwischendurch aber werden inmitten dieses Mäanderns ganz beiläufig konkrete Anknüpfungspunkte aufgeschnappt. Musikgeschichte wird beim Stöbern in staubigen Plattenläden aufgesogen: Soul-Euphorie der 70er über ein Kunstlied der französischen Komponistin Guy d’Hardelot von anno 1902, neben einem Remake von Larry Heard von 1986, gekleidet in Shoegaze-Ästhetik und HipHop-Attitüde. All das jedoch ohne Konzept und bewussten Geschichtsbezug. “Ich bin einfach total süchtig nach Platten. Ich muss alles hören, was mir irgendwie zwischen die Finger kommt. An der Grenze zum Autismus sozusagen.“ Das merkt man der Musik an, jedoch nicht in einem eklektizistischen und negativen Sinne. Vielmehr schafft Marcellis sich einen eigenen, abgekapselten Ort, fernab von Tagestrends und Dancefloor-Regeln. Statt Peaktime-Wahnsinn spielt er uns introvertierten, an Kitsch grenzenden Boogie.

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“Das wichtigste für mich ist es, eine eigene Welt zu kreieren. So kann Musik auch eine Zeit lang überdauern.“ Aus den musikhistorischen Versatzstücken wird so ein Raum gebaut, der weder nostalgisch ausgestattet ist, noch versucht, die Zukunft neu zu schreiben. Ein kleines Stück utopisches Jetzt, in dem sich Vergangenheit und Zukunft für einen Moment lang überlagern. Natürlich ist es ein typisches Musiker-Klischee, sich in einer künstlichen Welt der Klänge zu verschanzen – bei Marcellis geht diese Rechnung aber auf, ohne in esoterische Mutmaßungen abzuschweifen. Was sonst außer dieser introvertierten Musik, zwischen Deep-House-Gewand und Shoegazing- Sound, soll denn auch entstehen, wenn man in Eindhoven Musik macht, und erst vor drei Jahren das Internet für sich entdeckt hat? “Mit Shoegazing, kann ich zwar nicht viel anfangen, aber ich mag das Gefühl, auf meine Schuhe zu starren.“ Die verunsicherte Flucht nach Innen, moderne Kammermusik für zeitgemäßes Biedermeiern.

Aber nicht nur im übertragenen Sinne schafft seine Musik sich eine eigene Welt. Auch im hektischen Techno-Business, der Welt da draußen, präsentiert sie sich als unaufgeregter Gegenentwurf. Lieber wenig veröffentlichen, als kurzlebige Hits auf den Markt zu schmeißen. Kein Wunder, dass er auch als DJ nicht weiter bekannt ist. In Marcellis‘ Eindhoven dominiert die Geduld. Man lässt die Dinge eben passieren. Am Ende steht dort ein Werk voll selbst- und zeitvergessender Musik.

Marcellis, I Am Woman, ist auf Million Of Moments erschienen.

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Elektronische Lebensaspekte.

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