Im polnischen Poznan sitzen junge Menschen im Geiste von früh bis spät am Brightoner Palace Pier und jammen mit der Cristian Vogel Posse deepen Funk. Später dann, wenn in England die Bürgersteige hochgeklappt werden, knippst Marcin Czubala in Polen die Maschinen an. New School Techno, made in Poland.
Text: sascha kösch | bleed@de-bug.de aus De:Bug 50

Polen Bass
Marcin Czubala

“I am truly Polish guy, I live in one of the biggest Polish cities called Poznan.”

Kennt hier wohl kaum einer. Poznan. Dabei ist Polen mal grade ein paar Millimeter von Deutschland weg. Aber Marcin würde nicht eine Sekunde daran zweifeln, dass Grenzen vor allem kulturelle Grenzen sind, die wie eine Zeitmaschine funktionieren, deren Effekte nicht beherrschbar sind, sondern die ständig, manchmal zum Glück, historische Gegenentwürfe produziert.
“Techno ist in Polen sehr frisch. Alles begann hier mal grade vor sechs Jahren, so um 1994/1995. Ich glaube, man kann Porznan als die Hauptstadt von New School Techno bezeichnen. Hier haben nicht viele Leute eine Idee davon, wer Marc Spoon ist, aber sie kennen Cristian Vogel, Neil Landstrumm oder Aphex Twin. In anderen polnischen Städten ist das anders und es gibt dort viel langweilige Musik. Aufgrund des Kommunismus begann hier alles viel später. Es gibt aber immer noch nur ein paar Leute, die elektronische Musik machen. Leute wie Jacek Senkiewicz und sein Bruder, Krystian Batyjewski und Skalpel, der jetzt für Ninja Tune Tracks macht. Hier zu leben ist nicht grade einfach. Keine Underground Record Shops, Clubs oder Musikläden, in denen man Equipment kaufen kann.”

Die Tracks, die Marcin auf seinem eigenen Label “Currently Processing”, aber auch für “Neue Heimat”, wo gerade sein Album “Dope” erschienen ist, rausbringt, sind das, was man normalerweise als Brighton Sound bezeichnen würde. Bassgetriebene Technomonster mit albernen Soundideen, extremen Kicks und unverfroren in OldSchool Techno wildernder Begeisterung, die sich so gar nicht mit dem, was als Retro immer noch grassiert, anfreunden müssen, weil sie schlicht keine übersprungene Generation brauchen. Es ist ein Sound irgendwo zwischen analoger Erdung und digitalem Aufbruch mitten aus einer Konsequenz von Techno heraus, den Label rings um die No Future Posse seit ein paar Jahren zu einer der besten Alternativen in Techno entwickelt haben.
“Als ich mich1995 für elektronische Musik zu interessieren begann, stand ich sehr auf UR, Aphex, Cristian Vogel, Rob Hood, Joey Beltram und so. Ab 1997 haben wir angefangen Partys zu machen und Leute wie Tarrida, Schmidt und Landstrumm einzulanden, so kam die Verbindung zu No Future.
Die Idee für mein eigenes Label Currently Processing kam mir 1998. Unsere erste Platte erschien im März 1999. Ich habe Alfa durch Emma Sola von No Future kennengelernt und sie gefragt, ob Ibi nicht vielleicht Lust hätte, etwas für uns zu produzieren. Mittlerweile sind wir gute Freunde. Mit Tarrida war es ähnlich. Mitte 1999 habe ich ihn eingeladen, mit mir in Warsaw aufzulegen. Und irgendwie wussten sie alle schon, wie es in Polen ist und dass es dort eine Menge Leute gibt, die alle Tracks von Sativae, Mosquito usw. kennen.”

Basspop

Für “Dope” ist Marcin Czubala, der schon immer auf Tracks stand, die einen, für manche vielleicht, weil es eben etwas härter ist, nicht so offensichtlichen, aber eigentlich überdeutlichen Popappeal haben, ohne von der Bassline loszulassen, zu einem neuen Sounddesign gekommen. Was kann mehr Pop sein und ist gleichzeitig in seiner Fernsehlautsprecherdefiniton weniger “Pop” als eine durchgedrehte, alles umfassende, alles begrabende Bassline? Dope ist standhaft und mit vielen Anspielungen diese Idee von Techno als Befreiung von Musik aus seinen technologisch idiotisch rückschrittlichen Medienzusammenhängen in Folge von Miniaturisierung (SMS als teures Mini-Email z.B.) und Screendominanz (zwei glücklicherweise in sich schon antagonistische Guidelines der Technologisierung). “Mit meiner neuen Platte wollte ich nicht safer oder zugänglicher sein, sondern hatte eine Faszination für Funk und wollte eine Art “Neuen Look” von abstrakt groovigem Funk präsentieren. Gegen Ende 1999 schickte ich meine Debut EP an Daniel von ‘Mutter’, und er hat mich sofort für sein Label eingeladen und kam später mit der Idee, für das noch neue Label ‘Neue Heimat’ etwas zu tun. Ich glaube, ich habe mir diesen Brighton Sound für mich ausgewählt, weil er so frisch ist und gar nichts Langweiliges hat. Aber ich glaube, auch die Chicago Einflüsse und frühe Detroit Sachen, aber auch sehr frühe Underground Rave Tracks (z.B. von N-Joy) sind für mich wichtig. Für mich ist jede Struktur von Bass beim Produzieren der Tracks genauso wichtig wie der Rhythmus. Die Bassline soll den Groove eines Tracks machen. Musik in etwas verwandeln, dass einen dazu bringt herumzuspringen. Dabei soll es aber immer auch einen Faktor von Innovation haben und ein bisschen fucked up sein.”
Weshalb, in der Wahrung von technoimmanenten Referenzen, in der Perpetuierung dieser schrägen historischen Perspektive Techno, der voneinander untrennbar Gleichzeitigkeit und Innovation eingeschrieben sind (weshalb Techno DJs auch die einzigen sind, die jetzt noch Platten von vor 10 Jahren mitten unter ganz neuen spielen können, ohne stilistische Brüche machen zu müssen), auch der Wiederspruch von Analog und Digital, noch vor fünf Jahren recht wichtig, eher eine liebgewordene Erinnerung ist. Eine Art nostalgischer Überbau, den vor allem das Powerbook längst aufgelöst hat.
“Ich stehe nicht so sehr auf virtuelle Synths und sowas. Sondern liebe mein altes Equipment. Ich benutze gerne modulare Systeme wie Korg MS 50 und Roland System 100M und muss zugeben, dass ich so ein wenig zum Sammler geworden bin. Was neue Dinge betrifft, habe ich einen Nord Modular und Waldorf Microwave XT, einen Haufen Drummachines und Sampler, Hardware Effekte, Kompressoren und natürlich mein wundervolles Apple Powerbook G3. Ehrlich gesagt ist mein Album eigentlich nur mit Waldorf, Sampler, Drummachines und G3 produziert.”
Und weshalb Marcin Czubala eigentlich auch ganz gerne mit den Gedanken spielt, eine HipHop Crew zu producen oder richtig vom Dancefloor losgelöste experimentelle Tracks zu machen. Früher oder später kriegen wir sie alle. Wir, die unfreiwillig affirmativen Universalisten und unverbesserlichen Bass Addicts.

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Elektronische Lebensaspekte.